Kreuzberger Chronik
Juli 2008 - Ausgabe 99

Literatur

Träumer des Absoluten


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von Michael Wildenhain

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Judith lädt mich zu einem Essen ein, für das wir uns im Theaterfundus ein Jackett und ein Kleid leihen müssen. »Plunder.« Die schmale Frau grinst. »Macht aber mächtig Eindruck.« Während wir uns in einer Garderobe umziehen, sage ich: »Die ist nett.« Judith zuckt die Achseln. »Ich schlafe manchmal mit ihr.«

Die Begrüßung, nicht höflich, beinahe unterwürfig. Obwohl das Restaurant nicht sonderlich gediegen wirkt, soll es eines der »besten« (Judith) Lokale der Stadt sein. Eines, in dem man keine fünf Minuten ungestört essen kann, ohne dass ein Kellner nach Wünschen fragt, die man nicht hat.

»Und?« Judith lächelt zu mir herüber. Vor uns steht der, grob gerechnet, dritte Gang, eine Pastete, verziert mit Schnipseln verschiedener Gemüse. Die Haube ein Gelee, außen blass, zur Mitte hin zitronengelb. Der Teller groß wie eine Tortenplatte, sodass darauf das Kunstwerk winzig und einsam wirkt.

»Gefällt’s dir?«

»Anstrengend.« Ich teile das häufchen mit der Haube in vier gleiche Teile, um nicht alles beim ersten »happs« (meine Mutter) in den Mund zu schieben. »aber interessant.« Judith hebt die Brauen, die linke, die rechte. Unvermittelt spüre ich, wie sehr ich sie begehre. Als für einige Minuten niemand nachschenkt, nachreicht, nachholt oder nachschaut, ob er nachschenken soll, frage ich Judith, woher sie das Geld…?

»Sonderangebot.« Ich denke: ah ja – und teile das letzte Viertel der Gelee-Pastete (Gans? Geflügel? Hase?) wiederum in vier Teile, die am Gaumen kaum eine Spur hinterlassen.

»Gleich kommt das Dessert.« Judith flüstert. »Du gehst jetzt auf die Damentoilette. Da gibt’s ein unvergittertes Fenster. Der Hof ist zur nächsten Straße hin offen. An der Durchfahrt wartest du auf mich.« »Die kommen uns nach.« – »Solche wie die hier? Niemals.«

Als ich aus dem Fenster steige, höre ich Geschrei. Während ich über den Hof laufe, sehe ich die ersten Lichter in den Wohnungen angehen, ahne Anrufe bei der Polizei und erreiche die Durchfahrt. Erkenne, wie Judith, verfolgt von einem durchtrainierten Kellner, in die Parallelstraße einbiegt, bemerke, dass der Kellner aufholt, kann abschätzen, dass sie mich knapp vor ihm erreichen wird, remple, als sie vorbei ist, den Kellner zwischen die geparkten Autos. Er stürzt, schlägt an eine Stoßstange, kommt zwischen Reifen und Rinnstein zu liegen. Ich bin über ihm, sage: »Du bist angestellt. Warum läufst du ihr nach?« Für Momente kommt es mir vor, als sei ich ihm fremder als die dunkle Seite des Mondes. »Danke«, sagt Judith, als ich sie eingeholt habe. •


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