Kreuzberger Chronik
Juli 2008 - Ausgabe 99

Geschäfte

Gutes vom Land


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von Achim Fried

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Jörg Neischwander ist ein guter Kaufmann. Er bestellt nicht einfach alles beim Großhändler, wie das die meisten Kollegen tun. Er geht noch selbst auf Reisen, um Ware einzukaufen. Und er kauft gut. Verkaufstalent dagegen hat er wenig. Neischwander hat Köstlichkeiten in seiner Vitrine, doch kaum einer ahnt es. Nur sparsam lobt er seinen handgeschöpften Quark, mit dem jeder Käsekuchen zum Traum wird. Seine Leberkässemmeln sind besser als die österreichischen, doch alles, was er sagt, ist: »Senf oder Ketschup?«

Bei seinem Bullenfilet allerdings, da zieht er die Brauen eine spur in die Höhe und sagt: »Ja, das ist wirklich gut.« Allerdings sind die Steaks aus dem Filet nicht gut, sondern fantastisch. Jörg Neischwander ist keiner, der viele Worte macht. Sogar beim Wein bleibt er prosaisch. »Der rote Pfälzer, von dem verkauf ich am meisten!«, sagt er zu der Flasche mit dem Schraubverschluss und dem schlichten Etikett. Aber selbst eingeborene Pfälzer nicken und sagen: »Der Wein ist gut!« Bei seinen verschiedenen Käsesorten allerdings zieht Neischwander dann manchmal doch wieder eine Braue hoch. Die kleinen Käsereien im Allgäu haben es ihm angetan. Käse muss seine Leidenschaft sein, keiner von ihnen schmeckt zu fad oder zu streng.

Neischwanders Angebot ist bescheiden und unauffällig. Es protzt nicht. Nicht mit »Bio« und nicht mit »Neuland«. Nicht mit grellen Farben auf großen Plakaten und nicht mit großen Worten. Stumm blickt die Kuh den Käufern entgegen. In der Bergmannstraße mit ihren Supermärkten, in der Markthalle mit ihren glänzenden Obst- und Gemüseständen, überall klebt das grellgrüne Gütezeichen »Bio«. Eine Garantie für Geschmack ist das Siegel jedoch nicht mehr. Biologisch angebautes Gemüse, artgerechte Tierhaltung, das alles ist keine kleine Marktlücke für zivilisationskritische Aussteiger mehr, sondern ein Riesengeschäft. Und deshalb verdächtig.

Bei Neischwanders Landkost in der Yorckstraße ist alles unverdächtig und vieles noch »unbiologisch«. Zwar fährt auch er morgens in die LPG, um Ökomilch zu kaufen, und auch er hat Ökojoghurt im Sortiment, aber vor allem kauft er, was ihm schmeckt. In den Sommerferien reist er durchs Land, nach Bayern, nach Hessen, nach Hamburg. Wenn er von einem Metzger hört, der gute Würste macht, dann kann ihn niemand mehr zurück halten. Und wenn ihm auf diesen Expeditionen etwas schmeckt, dann bestellt er es. Den Ziegencamembert am Bodensee, den Ziegenfrischkäse in Niedersachsen. Die Wurst in Hessen, in der Rhön und im Allgäu. Die Salami in Italien und die Blutwurst in Berlin. Kein Weg ist ihm zu weit.

Schlicht »Landkost« steht über seinem Laden auf der Schattenseite der Yorckstraße. Der Name übertreibt nichts. Schlangen stehen jedoch noch keine vor der Theke. Die Schlangen stehen in der Bergmannstraße. Aber das könnte sich einmal ändern. •

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