Kreuzberger Chronik
Dez. 2008/Jan. 2009 - Ausgabe 103

Strassen, Häuser, Höfe

Der Askanische Platz


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von Werner von Westhafen

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Die Geschichte über die Askanier beweist, dass nicht die Braunbären Berlin den Namen gaben

Am Anfang der Geschichte war der Platz nicht mehr als ein matschiger Viehmarkt. Erst, als die Berlin-Anhaltische Bahn ihren Betrieb aufnahm, gab man dem alten Viehmarkt jenen wohlklingenden Namen, den er bis heute trägt: Askanischer Platz.

Zuerst überlegte man, auch die Freifläche an der Anhalter Straße und am Anhalter Bahnhof »Anhalterplatz« zu nennen. Doch dann erinnerten sich die Stadtväter daran, dass in Anhalt und Sachsen einst das Rittergeschlecht der Askanier regierte, dessen Nachfahren die Fürsten von Anhalt waren, die einer höflichen Ehrerbietung der Berliner nicht abgeneigt waren. So erhielt der Bahnhofsplatz am 7. Februar 1844 einen Namen, der »an die Vorfahren unseres Herrscherhauses aus der Zeit der Askanier erinnern« sollte, »welche im Besonderen als Begründer der Mark Brandenburg anzusehen sind«.

Das Geschlecht der Askanier wiederum hat seinen Namen aus der Bezeichnung jenes Landes abgeleitet, in dessen Besitz sie einmal waren: der Grafschaft Aschersleben, einst Ascarien oder Askanien genannt. Askanien entstand, als etwa 1.000 Jahre nach Christus Mitglieder der suebischen Familie Beringer sich mit den benachbarten sächsischen Fürstenhäusern verheirateten und somit die Grafschaft Aschersleben in ihren Besitz eingliedern konnten. Damit war eine Jahrhunderte dauernde Feindschaft zwischen den schwäbischen Ureinwohnern – den so genannten Sueben – und den Sachsen beigelegt, die während der Völkerwanderung die Ureinwohner in die Wälder des unwegsamen Harzgebirges zurückgedrängt hatten. Aus diesem endgültigen Friedensschluss der Sachsen mit den Schwaben entstand das große Reich der Askanier.

Während der Jahrhunderte andauernden Herrschaft allerdings teilte das Rittergeschlecht seine umfangreichen Besitztümer allmählich unter den Erben auf, die als Herzoge und Kurfürsten die Grafschaften Brandenburg, Sachsen-Lauenburg und Sachsen-Wittenberg weiterregierten. Doch als die ersten Dampflokomotiven von Berlin nach Anhalt rumpelten, herrschten an der Endstation noch immer die Nachfahren aus dem Geschlecht der Askanier. Ihre Geschichte ist von Mythen reich umrankt und erfreut sich bis heute bei Ritterspielen allgemeiner Popularität. Die Reihe edler Ritter ist so lang wie die fast tausendjährige Geschichte des Rittergeschlechts.

Als einer der ältesten Vertreter der Sippe gilt Markgraf Gero, ein mütterlicher Vorfahre aus der grauen Vorzeit der Herrschaft der Sueben. Er wurde als Eroberer und Feldherr unter Kaiser Otto I. schon im Nibelungenlied als »Marcgrav Gere, ein Ritter stark und hold«, lobreich besungen. Auch »Markgraf Otto mit dem Pfeil« war ein heldenhafter Kämpfer und lebte nach einer Schlacht noch viele Jahre mit einem Pfeil im Kopf, »was seiner Intelligenz keinen Abbruch tat, denn er wurde immerhin zum Reichsverweser« des Königreichs Böhmen. Waldemar war zwar kein Reichsverwalter, sondern nur »der Prächtige«, und Graf Heinrich von Anhalt war nur »der Ältere«, doch er war es, der sich im Jahre 1212 als erster deutscher Regent mit dem Titel eines »Fürsten« schmückte. Auch die späteren Kurfürsten Bernhard, Rudolf und Albrecht von Sachsen verteidigten ihre Herrschaft erfolgreich und sorgten für Nachfahren. Erst der Einsturz eines Turmes
Foto: Michael Hughes
im Jahre 1422, bei dem zwei junge Prinzen aus der Linie der Askanier ums Leben kamen, bewirkte das jähe Ende dieses blühenden Zweiges.

Einer der prominentesten Askanier war Otto der Reiche von Anhalt. Er schlug die Slawen und überschritt als erster deutscher Fürst die Elbe. Als man ihm die sächsische Herzogswürde antrug, lehnte er jedoch ab: Er sei ein Schwabe. Otto der Reiche wiederum zeugte jenen Sohn, der als die schillerndste Figur aus dem Geschlecht der Askanier gelten kann: Fürst Albrecht, auch bekannt als »Albrecht der Bär«. Der Ritter aus dem Lande Brennabur – jenem Land, das heute Brandenburg heißt – war ein Bär von einem Mann. Doch trotz heldenhafter Zweikämpfe gegen Heinrich den Löwen mit seinen Welfen war der Bär zunächst reichlich erfolglos. Und wäre da nicht die Nordmark gewesen, hätte er es wahrscheinlich nie zu Ruhm und Ehre gebracht.

In der Nordmark, einem Landstrich zwischen Oder und Elbe, lebte seinerzeit ein unchristliches und buntes Völkergemisch aus Sachsen, Bayern, Slawen und wikingischen Nachfahren, »Raubritter und übles Gesindel umlagerten Wald und Flur.« Alle christlichen Kreuzzüge gegen die heidnischen Ureinwohner endeten mit einem Blutbad. Der Bär jedoch, der 1134 von Kaiser Lothar III. zum »Markgrafen der Nordmark« ernannt worden war, soll einsichtig genug gewesen sein, um nicht allein mit »Schwert und Kreuz« in die Wälder einzudringen, sondern zudem den Pflug mitzunehmen. Aus Kriegern und Besiegten sollten seiner Vision zufolge Bauern und brave Steuerzahler werden. Tatsächlich konnte der Bär in den Wäldern Fuß fassen, »langsam blühte das Land unter der Regentschaft des Bären auf«.

Als der Bär im Jahre 1157 mit Unterstützung eines Heeres des Erzbischofs von Magdeburg die Festung Brandenburg eroberte, nannte er sich Markgraf von Brandenburg, weshalb das Ereignis als die Geburtsstunde der Mark betrachtet wird. Noch heute steht deshalb Albrecht der Bär auf einem steinernen Sockel in der Zitadelle Spandau und hält das christliche Kreuz in die Höhe. Es waren allerdings zwei Enkel Albrechts, die Markgrafen Otto III. und Johann I., die Albrechts Ruhm verfestigten. Die beiden Markgrafen gründeten am Ufer eines kleinen Flüsschens eine Stadt und gaben ihr – in Erinnerung an den bärenstarken Großvater – nicht nur als Wappentier einen Bären, sie vermachten ihr auch dessen Beinamen. Im Jahre 1244 taucht in einer Urkunde erstmals der Name »Berlin« auf. •


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