Kreuzberger Chronik
April 2008 - Ausgabe 96

Dieter Peters Der Mensch
Siegfried Schölzel

Das war die schönste Zeit


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von Horst Unsold

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»War natürlich wieder mal die 4. Etage!«, sagt Schölzel und stellt seinen Koffer auf die Theke von Herrn Pielka in der Markthalle. »Es ist immer die 4. Etage, seit ich lebe, ist es die 4. Etage!« Und so leicht wie damals, als er noch Briefe brachte, »kommt der Siegfried heute nicht mehr die Treppen hoch mit seinem Koffer und dem ganzen Einbruchswerkzeug. Der Siegfried ist heute ja auch schon 66!« sagt der Herr Pielka vom Schlüsseldienst.

Herr Pielka kennt den Siegfried schon lange. Sie arbeiten zusammen. Immer, wenn den alten Kreuzbergern die Tür zufällt, rufen sie bei Pielka in der Markthalle an. Weil sie wissen, daß es bei ihm nicht so teuer ist wie beim Schlüsseldienst vom Telefonbuch. Und der ruft dann Siegfried Schölzel an, den Mann für alle Fälle. Der läßt sich kurz erzählen, ob nur die Tür zugefallen ist, oder ob der Schlüssel noch im Schloß steckt. Dann nimmt er entweder den kleinen, den mittleren, oder den ganz schweren Koffer – für die ganz schweren Fälle. Und macht sich auf den Weg.

Wenn er wieder zurückkommt, hat er »was zu erzählen«. So wie letztens von dem Pärchen im 4. Stock. Die hatten die Schlüssel auf dem Tisch vergessen. Schölzel fuhr hin, bohrte ein klitzekleines Loch in die Tür und führte seinen selbstgebauten Klinkenfänger ein. Mit dem angelt er sich auf der Innenseite der Tür die Klinke. Aber der Schnapper klemmte, und auch mit seinen »kleinen Fingern«, den selbstgefertigten Miniaturdietrichen, die in jedes noch so kleine Schloß passen, kann er »die Falle« nicht zurückdrücken. Die Tür ist zu! Schölzel muß noch mal runter und zurück in die Halle, um den Zylinderbohrer zu holen. Mit dem schneidet er ein Gewinde in den Kolben und zieht ihn dann heraus. Am Ende übergibt er dem Pärchen die neuen Schlüssel zum neuen Schloß. »Kurz darauf klingelt wieder das Telefon. Da hatten die beim Rausgehen ihren alten Schlüssel mitgenommen und den neuen drinnen liegenlassen! Mußte ich noch mal hin. Wieder ruff in den 4. Stock!«

Schölzel ist der Schlüsselmann. Er ist der Retter in der Not, hilft aufgeregten Müttern, die ihr Baby eingeschlossen haben, und aufgeregten Männern, die neben dem Schlüssel auch die Papiere haben liegenlassen, die bis zehn Uhr abgeschickt werden müssen. Oder jenen Menschen, durch deren Gedanken noch immer das Gespenst vom Krieg und von der Wohnungsnot geistert, vom Schlaf in eisiger Kälte. »Ich hab noch jede Tür aufgekriegt!«, sagt Schölzel. Und dann blättert er seinen kleinen, roten Kalender auf und zeigt die vollen Seiten. »Lauter Schlösser! Und da sind die Notrufe ja noch gar nicht dabei!«

Schölzel hat zu tun. Zeit für ein Bier im Alten Zossen hat er nur selten. Selbst, als die sterbende Mutter ihn bat, sie zu besuchen, sagte er: »Aber ich hab doch so viel zu tun!« Natürlich ist er dann doch gefahren, in die Heimat am Fuß der Schwäbischen Alb, und hat die 96jährige besucht. Als er vor ihrem Bett stand, sagte sie: »Du bist zehn Minuten zu früh. Ich dachte, du kommst erst um halb!«

Auch Siegfried Schölzel liebt die Pünktlichkeit. Zum Klassentreffen der Fünfzigjährigen hatte der aus Berlin angereiste keine Minute Ver
Der Schüler Foto: Privat
e spätung. Und sie waren alle noch da, die alten Schulkameraden. Bis auf Gerhard. Der war beim Bau des Schnellen Brüters in den Krater gestürzt. Und weil der Reaktor schon in Betrieb war, haben sie ihn gleich mit einbetoniert. Aber sonst waren alle noch da, saßen wie vor vierzig Jahren im alten Klassensaal. Anschließend gingen sie in die Kirche und zum Tanzen. »Das war richtig feudal«, ist nun aber auch schon wieder 15 Jahre her. Er ist nicht jedes Jahr nach Hause gefahren. Er ist ja längst Kreuzberger. Da kennt er jede Straße, jedes Haus. Da ist Donsdorf weit weg.

Das hatte die Mutter nie verstanden, daß ausgerechnet ihr »Kronsohn« weggegangen ist. Aber der Siegfried wollte Geld verdienen, und in Berlin gab es immerhin schon »eine Mark die Stunde«. 1962 ging der junge Landmaschinen, Bauund Kunstschlosser deshalb nach Berlin, auf die Insel, wo Facharbeiter gefragt waren. Schölzel sagt, er hätte Glück gehabt. Immer im richtigen Moment die richtige Entscheidung getroffen. Und immer gute Leute kennengelernt. Nur einmal hätte er Pech gehabt. Gleich am Anfang, bei Grossmann, der Schlosserei am PaulLinckeUfer. Als er eines Morgens anrief und sagte, er könne nicht kommen, weil er mit 40 Grad Fieber im Bett liege, da antwortete man ihm: »Dann sind Sie gekündigt!« Da ist Schölzel trotz des Fiebers zur Arbeit gegangen. Um noch am gleichen Tag selbst zu kündigen. Und mit ihm gleich vier weitere Kollegen. Damals nämlich wählte Schölzel noch die SPD, war in der Gewerkschaft. Heute wählt er die Schwarzen, und seine Freunde witzeln, er solle lieber am 20. statt am 2. April Geburtstag feiern. »Aber egal …«

Schölzel war enttäuscht von Berlin, ging zurück an die Alb und bewarb sich in der Schweiz. Er hatte den »Vertrag schon in der Tasche, fünf Schweizer Fränkli die Stunde«, das war ein Vermögen! Doch die Reise scheiterte an Schölzels Reisepaß. Vielleicht wäre sein Leben anders verlaufen, hätten die Behörden sich damals beeilt. So aber ging Schölzel noch einmal nach Berlin. Und wurde ein echter Kreuzberger. Heiratete auf dem Standesamt in der Böckhstraße eine Berlinerin. Wohnte in der Schleiermacherstraße, in der Dieffenbachstraße, in der Graefestraße, in der Mühlenhofstraße, in der Johanniterstraße. Immer im alten Zustellbezirk 61. Einmal nahm er Quartier »in der Lausitzer, in 36«. Und für ein paar Monate sogar in der Lietzenburger Straße, »aber das war alles nix.« Schölzel schwört auf 61. Das ist sein Bezirk. Da kennt er sich aus, jede Straße, jedes Haus. Nicht erst, seit er der Schlüsselmann ist. »Ich habe schon in jedem Haus gearbeitet!«, sagt Schölzel.

Und übertreibt nicht. Denn kaum hatte er bei der Brown Bowerie & Cie angefangen, mußte er auch hier die Kündigung einreichen. Trotz der Lohnerhöhung, die er sich verdient hatte, weil er den Schweißern von der BBC gleich am ersten Tag gezeigt hatte, wie man diese Transformatorenhäuschen am schnellsten zusammenschweißt. »Das machen wir anders!«, hatte er gesagt, und wurde daraufhin »jeden Tag vom Direktor Biernath zum Essen eingeladen.« Außerdem bekam er »30 Pfennig mehr Lohn, und das war ne ganze Menge damals!«

Aber Schölzel wollte die Beamtenlaufbahn einschlagen und hatte sich bei der Post beworben. Nicht als Schlosser, sondern als Briefträger. Zustellbezirk: Kreuzberg 61. 28 Jahre lang ging er von Haus zu Haus. »Das war die schönste Zeit! Die Treppen, die bin ich nicht hochgelaufen, sondern gerannt!« Die Post, sagt Schölzel, sei eine »richtige Familie« gewesen, die sich abends zum Kegeln traf und zum Bier. Und eine große
Der Verführer Foto: Privat
Der Bräutigam, am Zickenplatz 1963 Foto: Privat
Familie sei es gewesen. Allein in Kreuzberg 61 seien 240 Briefträger unterwegs gewesen. Heute seien es noch 80.

Die Siebzigerjahre waren auch für Briefträger goldene Jahre. Zwar gab es damals noch Briefkästen im Treppenhaus, und auch damals schon wohnten seine Kunden am liebsten im 4. Stock. Allerdings wurden die steilen Anstiege mitunter gesondert entlohnt. Wenn der freundliche Postmann die Rente oder den Lohn brachte, dann fiel für die Geldboten immer ein Trinkgeld ab. Die Männer in der Uniform waren gerngesehene Gäste, nur selten in den Zeiten des Wirtschaftswunders mußten sie Mahnungen, Rechnungen oder eingeschriebene Vorladungen überbringen. Briefträger waren Vertrauenspersonen, saßen an Küchentischen und auf Wohnzimmersofas, sie gingen für alte Damen Milch holen und brachten die Frühstücksbrötchen. Mitunter ließen die Hausfrauen den schweren Blumentopf eine ganze Woche in der Ecke stehen und lächelten dann den freundlichen Postboten an: »Könnten Sie vielleicht mit anfassen, der Kübel ist so schwer!« Andere hatten stapelweise Formulare auf dem Tisch liegen, die der Beamte mit seiner akkuraten Schrift ausfüllen sollte.

»Bei einer hab ich sogar mal den Teppich ausgeklopft«, erzählt Schölzel. »Und bei der Frau vom Polizeikommissar mußte ich immer das Geld suchen. Mißtrauisch, wie sie war, versteckte sie das nämlich gleich. Und am nächsten Tag fragte sie, wann ich ihr denn das Geld bringen würde. Dann sind wir zusammen in der Wohnung herumgekrochen und haben die Rente gesucht. Und immer gefunden: Unterm Bett, im Schrank, einmal sogar im Ofen.«

Aber nicht alle Frauen waren alt und vergeßlich. Im Gegenteil: Viele waren jung und unvergeßlich. Maria zum Beispiel, Ruth, Monika, Rosi … – die Namen weiß Siegfried Schölzel heute noch. Sie luden den fliegenden Postboten zum Kaffee ein, boten ihm einen Platz auf dem Sofa an, begrüßten ihn jedes Mal etwas freundlicher. Maria, Ruth, Monika, Rosi … – die Namen der anderen sind ihm entfallen. Auf jeden Fall waren es acht gewesen, acht Verlobte, alle in der Schleiermacherstraße! »Ach, das war meine schönste Zeit!«

28 Jahre war er bei der Post. Und eines Tages, da saß in der Ecke bei Rosi, – »nicht der Rosi, sondern der Wirtin von der Kneipe an der Ecke zur Gneisenaustraße. Die mit Wolfgang Wilke, dem Trainer von Rocchigiani, liiert war …« – da saß so eine Hübsche und sah ihn an. Schölzel kam gerade von der Schwäbischen Alb zurück und brachte noch schnell seinen Koffer »hoch in die Sieben«, wo er seine Wohnung hatte. Und dann rannte er wieder runter »Zur Rosi«, und die Hübsche saß noch immer da. Sie hieß Edeltraud damals. Einfach Edeltraud. 27 Jahre ist das her. Heute heißt sie Edeltraud Schölzel.

Doch nicht nur Frauen schätzten den freundlichen Briefträger, auch die Männer. Eines Tages – »ein Jahr hatte ich noch bis zur Pension« –, da tippte ihm im Urlaub auf den Kanarischen Inseln der Mann vom Schlüsseldienst aus der Markthalle auf die Schulter. »Trägst du uns die Rechnungen jetzt schon bis in den Urlaub nach?«

Schölzel hat »immer nur gute Leute getroffen. Und immer im richtigen Moment!« Schon am nächsten Morgen war klar, daß der gelernte Schlosser als Schlüsselmann anfangen würde. Und das ist nun auch schon wieder 17 Jahre her.

Horst Unsold

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