Kreuzberger Chronik
Oktober 2007 - Ausgabe 91

Herr D.

Herr D. und die Nichtraucher


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Autor unbekannt

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Herr D. hielt sich stets für tolerant. Deshalb konnte er militante Islamisten, militante Protestanten, militante Polizisten und militante Chaoten einfach nicht leiden. Am wenigsten aber mochte er militante Nichtraucher. Sie waren entschieden am militantesten. Und als kürzlich das sogenannte Servicepersonal im ICE eine junge Frau anpöbelte, nur weil die nach ihren Frankfurter Würstchen und dem Bier versehentlich und aus alter Gewohnheit eine Zigarette anzündete, änderte Herr D. eine seiner ältesten Gewohnheiten.

Herrn D.’s Antipathie gegen die militanten Nichtraucher war nämlich keine pubertäre Trotzreaktion gegen die aktuelle Modeerscheinung des Nichtrauchens. Herrn D.’s Feindbild fußte auf einem soliden Schlüsselerlebnis, das bereits Jahre zurücklag, und das sich ausgerechnet in jenem Land abgespielt hatte, das stets und überall auf der Welt Demokratie und Freiheit zu verteidigen vorgab.

Herr D. hatte mit seiner amerikanischen Kommilitonin an einer Ampel in New York gestanden und gerade die Frage diskutiert, wieviel Freiheit eine Demokratie vertrüge, ohne dekadent zu werden. Er hatte diese Frage schon des öfteren mit der sommersprossigen Politologin diskutiert, zuerst in Köln, dann in New York. Sie hatte das Diskutieren gelernt. Und jedes Mal richtete Sommersprosse es so ein, daß sie am Ende der Diskussion ihren liebsten Spruch anbringen konnte: »Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie längst verboten!«

Dann steckte sie sich, um die Bedeutung des Zitates noch einmal gebührend zu unterstreichen, eine Zigarette an und schwieg. Lustig stieg der blaue Dunst in den Himmel über Manhattan und vermischte sich dort mit der Wolke aus Abgasen, die düster in den tiefen Gräben zwischen hohen Häusern hing. Da kam eine Frau und schob ihren Kinderwagen zwischen den Herrn D. und seine Sommersprosse. Als sie die brennende Zigarette sah, begann sie wild mit den Armen zu fuchteln und schrie, Sommersprosse hätte sich woanders hinstellen müssen.

»Ich war aber zuerst da!«, verteidigte sich Sommersprosse, »Sie hätten ihren blöden Kinderwagen ja auch woanders hinschieben können!« Sommersprosse hatte das Diskutieren gelernt, aber in wenigen Sekunden war sie von Menschen umzingelt, die von ihr verlangten, sofort die Zigarette wegzuwerfen. Mitten in Manhattan, auf offener Straße!

»Siehst du, wohin die Freiheit führt!«, meinte Herr D. am Abend in einem dieser langweiligen Nichtraucherlokale in der tolerantesten Stadt der Vereinigten Staaten. »Jeder kann dich anmeckern!« Aber Sommersprosse hatte das Diskutieren gelernt, erst in Köln, dann in New York. »Das ist doch keine Freiheit, wenn ich auf der Straße nicht rauchen darf! Das ist das Gegenteil.«

Mit Sommersprosse, das hatte bald ein Ende. Aber noch immer dachte Herr D. über Freiheit und Demokratie nach. Und obwohl er ein lebenslanger Nichtraucher war, obwohl er schon als Kind diesen Geruch kalten Rauches in Zugabteilen nicht riechen konnte, ergriff er plötzlich Partei für die junge Frau im Speisewagen des ICE. Er ging an der Reisebegleitung vorbei auf die Raucherin zu und fragte: »Hätten Sie für mich vielleicht auch eine Zigarette?« An diesem Tag änderte Herr D. eine lebenslange Gewohnheit. Und während der Rest der Menschheit sich von der Geißel des Rauchens befreite, sah man den Herrn D. nun immer öfter mit den Geächteten dieser Welt vor den Türen Kreuzberger Kneipen und Restaurants im Regen herumlungern. Und rauchen.

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