Kreuzberger Chronik
März 2007 - Ausgabe 85

Das Essen

Die Mini-Bar


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von Saskia Vogel

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Das ging das erste Mal in die Mini-Bar. Das Fernsehprogramm war wieder mal minimal. »Heute soll so richtig was passieren«, darauf versteifte sie sich felsenfest. Doch »Was«? Sas zieht sich den Mini an und tänzelte auf die nebligfeuchte Graefestraße hinaus. Da ist die Mini-Bar, eingeklemmt zwischen einem Cyber Shop und einem gähnend dunklen Loch. Das ist die Hofeinfahrt Nummer 77. Die Mini-Bar hat Angst, daß die große Dunkelheit sie eines Nachts verschlingen wird. Also bleckt »The Big Mini« vorsorglich ihre Zähne und hat gefährlich weiße Gitter vor den Fenstern. Mini ist nur 40 Quadratmeter groß. Und eine richtig kleine GangstaBraut. Drinnen spielt dann auch Gangsta. Als die Tür hinter sas zufällt, fühlt sie sich wie in einer Streichholzschachtel. Der Laden ist proppevoll, neun Streichhölzer lehnen steif am schwarzen Tresen und rauchen.

Neben den Streichhölzern kichert eine Gruppe megasüßer Mädchen. Am süßesten ist Agnes mit dem HimbeerMündchen. Auch die Mini-Bar hat sich in Schale geworfen: Die Wände sind mit rotem Tuch verkleidet. Im schummrigen Licht fühlen sich die zarten Damen wohl. Heimlich berührt sas das Haar von Agnes. Es ist weich und duftet nach Waschmittel. Sas hätte auch gerne so weiches Haar. Sas will alles richtig machen. Also bestellt sie sich ein MiniSchnapsglas voll mit Bier. Für 20 Cent. Barmann Volker ist groß und schön. Über seiner Brust spannt sich ein Shirt, darauf steht »Sender«. Und er ist maximal nett. Stellt gleich einen ganzen Swimmingpool vor sas hin. Kostet nur zwei Euro. Der MiniLaden hat MiniPreise.

Plötzlich gewinnen die Streichhölzer an Profil, sitzt da Charles Bukowski. Er heißt Dennis, ist 29 Jahre und Philosoph. Wie Charles hängt Dennis gern am Tresen und trinkt. »Mini ist der einzige Laden im Kiez, der bis morgens auf hat. Nur das Schlawinchen kann die Mini toppen.« Minis Freizügigkeit macht sich Dennis zunutze. Er lernt immer jemanden kennen: »In der Mini ist es familiär«. Das muß auch Barmann Volker zugeben. Obwohl der lieber die rauen Seiten der Mini betont. Die habe schließlich mal einem Zuhälter gehört. Milchkaffeetrinker seien hier unerwünscht. »Zu schaumig, zu süß«, findet Volker. Überhaupt ist alles etwas gammelig. Dennis nennt das »BukowskiStyle«.

Sas findet die Mini harmlos. Dennis’ Rollkragenpullover sagt zu ihr: »Mein Lieblingsbuch ist Baudelaires Les Fleurs du Mal.« Das ist ab sofort auch sas’ Meinung. »Qué lugar bonito.« Ein paar Studis reden Spanisch, die hat bestimmt »Erasmus« der Mini beschert. Hinter den Rauchschwaden blinzelt sas eine Tür entgegen. Das ist die Besenkammer. Vielleicht hat die Mini hier ihr GangstaImage deponiert? Aber wo bleibt das »Was«? Sas sucht es auf dem Klo. Das Gesicht im Spiegel ist jetzt mindestens so hübsch wie Agnes.

Sie will einen Mann. Nahe der Tür sitzt einer. Der Mann, der Tresen und sas rücken eng zusammen. Schauen sich tief in die Augen, maximale Nähe. Sas ist nur minimal schüchtern. Immer mehr »junge Kreative« drängeln sich in den Laden, auch die Wände der Mini rücken vor Neugierde immer näher. Und plötzlich passiert »was«. Sas wird alles zu eng. Die Mini ist nur noch gefühlte drei Quadratzentimeter groß. Auf sas’ Hand liegt die Hand vom Mann. Panik. Dünn wie ein Streichholz und im Bruchteil einer Sekunde schlüpft sie durch die Tür. Schnitt.

Die Nacht empfängt sie kühl und schweigsam. Bevor die Selbstzweifel kommen, macht sas es wie Goethes Melusine: Verwandelt sich in eine Zwergin und die Mini-Bar in ein Kästchen. Das Kästchen trägt sie mit nach Hause in den PunkerKiez. Und verwahrt es dort als empfehlenswerte Erinnerung in ihrem Herzen.

Saskia Vogel

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