Kreuzberger Chronik
März 2007 - Ausgabe 85

Der Mensch
Leila Kamalian

Bei uns war alles ein bißchen heimlicher - und das war schön so


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von Hans W. Korfmann

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Sie lacht. Immer wieder ist ihr das passiert, daß sie von ihrer Heimat erzählt hat, und dann schauten sie ihre Zuhörer ungläubig an und sagten: »Das kann doch nicht sein! Du kannst doch in diesem Land nicht glücklich gewesen sein!«

Aber auch der Iran ist eben mehr als nur ein Land, in dem Frauen auf der Straße Kopftücher tragen. Der Iran ist ein Land mit langen, lauen Sommerabenden, und Teheran ist eine Stadt mit Cafés und Restaurants und bunten Straßen, mit quirligen Märkten und Geschäften. Noch deutlich erinnert sich Leila Kamalian an die fünf langen Monate nach dem Abschluß ihrer Ausbildung, als sie die vielen freien Abende mit Freunden verbrachte. Auch an das Kaspische Meer erinnert sie sich gerne, es ist ein wunderbares Meer, unvergeßlich sind jene langen Wochen, die sie mit ihren Eltern in dem kleinen Haus verbrachte, und als Kawe plötzlich dort auftauchte, ihr heutiger Mann. »Es war alles ein bißchen heimlicher dort als hier, und das war schön so.« Nur die Mutter wußte von Anfang an Bescheid. Vor dem Vater verschwieg die junge Frau ihre Zuneigung zu dem Studenten aus Deutschland. »Man weiß ja, wie die Männer sind …«, sagt sie. »Der Vater mochte meine Freunde und Studienkollegen. Aber wenn einer um meine Hand angehalten hätte, dann hätten sie alle sofort und für immer verspielt.«

Leila Kamalian mochte ihre Heimat, und sie mag sie bis heute. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, nach Deutschland, nach Berlin zu gehen. In eine Stadt, von der sie nicht nur Gutes gehört hatte. Aber Kawe studierte nun einmal hier, hier war er geboren, hier arbeitet der inzwischen promovierte Biotechniker. Und hier lebt nun auch Leila Kamalian, seit acht Jahren schon.

Als sie das erste Mal in die UBahn stieg, war ihr nicht ganz wohl dabei. Zu deutlich waren ihr die Erzählungen von Freunden noch in Erinnerung, die berichtet hatten, daß Ausländer in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Hauptstadt nicht sitzen, sondern nur stehen dürften. Ganz so schlimm war es nicht, doch es kam vor, daß eine Frau in der U6 einen anderen Fahrgast nach dem Weg zum Potsdamer Platz fragte, und als Leila sich einschaltete und sagte, sie müsse auch dort hin und könne der Frau den Weg zeigen, entrüstete sich die Deutsche: »Das geht Sie doch gar nichts an. Was mischen Sie sich überhaupt ein?« – Auch ein anderes Mal, als sie einer alten Frau mit ihren schweren Taschen über die Straße helfen wollte, erhielt die junge Teheranerin eine Abfuhr. Wahrscheinlich hatte die Deutsche befürchtet, Leila Kamalian hätte es nur auf die schweren Einkaufstaschen abgesehen.

»Aber bei uns ist das eben so, bei uns hilft man den alten Frauen über die Straße«, verteidigt sich die Erzählerin. Inzwischen habe sie jedoch dazugelernt. Sie habe gelernt, besser nicht mehr zu fragen. Sie ist jetzt zurückhaltender. Obwohl das nicht ihrem Naturell entspricht. Denn Leila ist eine quirlige, nicht aufzuhaltende Person. Sie springt auf, wenn sie helfen kann, sie lacht, redet, zwinkert, verdreht die Augen, denkt nach – nur einen Bruchteil von einer Sekunde – und redet sofort weiter. Immer erweckt sie den Eindruck, als hätte sie keine Zeit zu verlieren, und als wüßte sie stets genau, wohin es geht. Vielleicht sogar dann, wenn sie sich in Wirklichkeit unsicher ist. So wie damals, als sie sich entscheiden mußte zwischen Teheran und Berlin.

Aber wenn sie sich einmal entschieden hatte, dann stand sie auch dazu. Dann stürzte sich die Englischlehrerin eben in den Deutschunterricht. Kaufte sich Bücher. Lernte auf der Volkshochschule »Deutsch für Ausländer«, erst in Schöneberg, dann in Kreuzberg. Und immer, wenn sie mit den Kommilitonen ihres Mannes, die aus aller Welt in ihre kleine Wohnung in der Friedrichstraße kamen, zusammensaßen und Spiele spielten und sich unterhielten, hatte die Frau von Kawe ihr kleines Notizbuch dabei und schrieb. Leila Kamalian hatte sich in den Kopf gesetzt, so schnell und so gut wie möglich Deutsch zu lernen. Sie sagt, sie sei eben »ein kleines bißchen neugierig«, und sie hätte es einfach satt gehabt, ständig ihren Mann fragen zu müssen, wenn sie wissen wollte, worüber die anderen gerade sprachen. Außerdem redet sie gerne, »und wie soll ich mit den Menschen reden, wenn ich ihre Sprache nicht spreche?«

Die grammatikalischen Grundlagen der deutschen Sprache lernte sie aus den Büchern, so wie auch einst auf der Universität von Teheran während ihres Englischstudiums. Aber die vielen Worte und ihre verschiedenen Formen, ihre Verwandlungen, Konjugationen, Deklinationen, die lernte sie erst in den Gesprächen kennen. Weil sie nicht jedesmal dazwischenfragen wollte, was dieses oder jenes Wort bedeute, wenn die andern sich unterhielten, schrieb sie jedes dieser unbekannten Worte in Lautschrift in das kleine Heft, das immer auf ihrem Schoß lag.

Längst machte man sich lustig über die ehrgeizige Englischlehrerin mit ihrem kleinen Vokabelheftchen, aber als sie eines Tages in einem Maklerbüro mit einer jungen Frau wegen einer größeren Wohnung verhandelte, hob diese beim Durchblättern der Bewerbungsunterlagen plötzlich zweifelnd den Kopf und fragte: »Sie sind erst sechs Monate hier? Woher können Sie dann so gut Deutsch?«

Die Gabe der Rede erkannte eines Tages auch eine ihrer Freundinnen, die junge Frau aus dem Schmuckladen Aquamarin gegenüber der Markthalle. Sie erzählte ihr von Mohsen Naderloo, der in der Markthalle mit Nüssen und Trockenfrüchten handelte. Jetzt verkauft Leila an jenen Tagen, an denen sie nicht zur Schule muß, Königsdatteln, getrocknete Erdbeeren oder Ananasscheiben. Mit Vergnügen. Schon als Schülerin hatte sie eine Schwäche für kleine Geschäfte, es hatte ihr Spaß gemacht, die aufgetragenen Näharbeiten ihrer Mitschülerinnen zu erledigen und dafür den Preis auszuhandeln. Natürlich fiel ihrer Lehrerin am Ende auf, daß die Näharbeiten ihrer Mädchen einander verdächtig ähnelten, und Leila Kamalian kann heute noch erröten, wenn sie von der kleinen Schummelei erzählt. Aber sie freut sich auch heute noch, wenn jemand gleich zwei Plastiktüten voller Nüsse einkauft und einen Fünfziger rüberreicht. Auch wenn die Einnahmen dem Ladenbesitzer gehören, und nicht ihr. Sie lacht und sagt: »Vielen Dank, jetzt mache ich erst mal Feierabend.«

Leila Kamalian ist eine gute Verkäuferin, aber sie ist nicht nur Verkäuferin. Ihre Mutter wäre traurig darüber, denn »die hatte immer Großes mit mir vor!« Sie war es, die ihre Tochter damals überredete, Englisch zu studieren und Shakespeare, Poe und Miller zu lesen. Und zwar nicht an irgendeiner, sondern an der staatlichen »Melli«Universität, deren Abschluß auch im Rest der Welt etwas galt. Aber nicht nur die Mutter

Foto: Dieter Peters
Foto: Dieter Peters
war ehrgeizig, auch die Tochter war es, und sie muß zugeben: »Ich war sehr streng zu mir am Anfang!«

Heute unterrichtet die Iranerin an einem kleinen Institut in Steglitz deutsche Kinder in Englisch. Die Schülerinnen und Schüler sind schon zehn bis vierzehn Jahre alt, aber ihr Englisch ist miserabel. »Als ich in Teheran unterrichtete, sprachen wir nur Englisch im Unterricht, schon in den ersten Klassen. Hier in Berlin kennen die Schüler der 10. Klasse nicht einmal das simple present.« Hier »sind immer alle im Garten«, wie man es in ihrer Heimat blumig formulierte, wenn eines der Kinder wieder mal nicht bei der Sache war und aus dem Fenster blickte und träumte. Sie braucht drei Wochen für ein einziges grammatikalisches Thema. In Teheran war so ein Problem in drei Tagen durch, und dann mußte sie sich auf etwas Neues vorbereiten. Aber hier sind eben »alle, alle sehr, sehr, sehr faul«, sagt die strenge Englischlehrerin, von der die Direktorin meint, sie sei vielleicht manchmal etwas zu streng.

»Bei uns gab es das nicht, Gummibärchen im Unterricht. Oder durchs Fenster in den Klassensaal einsteigen.« Natürlich sollen die Schüler auch ihren Spaß haben, natürlich sollen sie sich bewegen. »Aber bei uns haben die Kinder Respekt vor den Lehrern gehabt, und deshalb haben sie auch wirklich etwas gelernt bei mir im Unterricht.« Auch wenn ihr die größeren Jungen dann nach der Schule manchmal mehr oder weniger heimlich ihre Telefonnummern zusteckten. Die schöne Englischlehrerin war gerade 22 Jahre alt, und die Jungen waren 15 und voller Phantasien. Heute lächelt Leila Kamalian, wenn sie daran zurückdenkt. Damals aber lachte sie laut und schallend, und dann zerplatzten die Illusionen ihrer Lehrlinge wie Seifenblasen, die Jungen waren am Boden zerstört.

Warum die Schülerinnen und Schüler in Berlin so unaufmerksam und unmotiviert sind, weiß sie nicht. Vielleicht, weil deren Eltern »nicht streng genug sind und zu wenig Zeit haben für ihre Kinder«. Vielleicht, weil die Kinder »eh keine Hoffnung mehr haben« auf einen Job in diesem Land. Am Anfang glaubte sie sogar, es hänge mit ihr zusammen, ihrer Nationalität vielleicht. Aber auch die anderen Lehrer klagten über die Respektlosigkeit ihrer Schüler. Leila Kamalian sorgt sich ein wenig, daß ihre kleine Tochter später »vielleicht auch einmal so frech und gleichgültig wird.« Andererseits sind die Perspektiven gut. Es gibt hier Freiheiten und Möglichkeiten, die hätte es im Iran nicht gegeben.

»Vielleicht wird meine Tochter einmal als Aupairmädchen um die Welt reisen!« Und viele, viele Sprachen lernen. Auch Leila reist gern, sie fährt nach Holland, nach Spanien, nach Frankreich, nach San Francisco. Nach Teheran und ans Kaspische Meer. Und auch die »ein bißchen unfreundliche Stadt« Berlin gefällt der Iranerin längst besser. Sie genießt die Freiheit, im Sommer nachts um 11 noch joggen gehen zu können. Anzuziehen, was ihr gefällt. Abends mit ihrem Mann und ihrem Kind bummeln zu gehen. Nur am Anfang war es schwer – »für einen workoholic wie mich!« – in einem Land, in dem es keine Arbeitserlaubnis gab. Selbst ihrem Mann, der doch in Hamburg geboren und aufgewachsen war, hatte man nur einen »Aufenthalt für Studienzwecke« gewährt. Leila Kamalian, die quirlige, immer geschäftige junge Frau, war in Deutschland zum Nichtstun verurteilt. Doch vielleicht hätte sie sonst nie diesen Ehrgeiz entwickelt. Vielleicht wäre sie sonst gar nicht auf die Idee mit dem Vokabelheft gekommen.

Aber warum auch immer: Heute beherrscht die Iranerin die Landessprache ohne den leisesten Akzent. Als kürzlich eine deutsche Freundin in dem kleinen Container mit den Nüssen und den Trockenfrüchten anrief, weil sie sich mit Leila verabreden wollte, antwortete sie so schnell und so deutsch, daß die Freundin ganz verwirrt sagte: »Entschuldigung, ich wollte eigentlich mit Leila Kamalian sprechen!«


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