Kreuzberger Chronik
Juni 2007 - Ausgabe 88

Witzels Geschichten

Müllers Tinitus


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Autor unbekannt

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Zehn Sekunden vor halb acht hechtete Kriminalhauptkommissar Bernd Müller im 2. OG vom Vorderhaus Friesenstraße 16 mit fliegendem Schal durch die Bürotür.

»Einen schönen guten Morgen«, begrüßte ihn sein Kollege, Herr Krahlmann aus Pankow. »Sparn Sie sich den Guten Morgen, mir gehts schlecht!«, sagte Müller. Es ging ihm wirklich schlecht, und zu allem Unglück kam jetzt auch noch ein Tinnitus hinzu, der immer lauter wurde, bis Müller endlich merkte, daß das gar nicht sein Mittelohr war. Und daß auch gar kein Krahlmann in seinem Zimmer stand. Es war nur die neue Sprechstellenvernetzungsanlage mit dem Pfeifton.

Der Hauptkommissar atmete tief durch: »Herzlich willkommen bei Ihrer Kreuzberger Kriminalpolizei, Direktion 5, Abschnitt Zwoundfünfzig! Sie sprechen mit Hauptkommissar Bernd Müller – was kann ich für Sie tun?«

»Einwandfreie Ansage, Herr Kollege.« Nun war plötzlich Abschnittsleiter Kriminalrat Schurwandt in der Leitung und bat den Kriminalhauptkommissar zu sich ins Büro. Dort fand Müller fast die gesamte Abschnittsbelegschaft versammelt.

»Ab morgen wird eine Warteschleife in unsere neue Sprechstellenvernetzungsanlage integriert«, erläuterte Schurwandt. »Nun bittet mich der Kollege Polizeipräsident um Vorschläge für eine bürgernahe musikalische Gestaltung. Da wollte ich Sie nicht unbefragt lassen…«

»Üb’ immer Treu und Redlichkeit?« schlug Müller scherzhaft vor. Niemand lachte. Und Schurwandt winkte ab. »Wir brauchen allerdings gar nicht lange zu suchen! Wie Sie wissen, spielt mein Sohn ja in einer Band. Falls Sie sich das mal anhören wollen?« Schurwandt hielt lächelnd eine CD hoch, Schorse Schurwandt und die DeeJays

Schurwandt hatte für die ganze Belegschaft »eine Gratis-CD« in der Tasche. »Ich bin sicher, es wird Ihnen gefallen«, sagte der Chef und reichte dem seufzenden KHK Müller eine der kleinen Scheiben. Müllers hörten sich die CD nach den pikanten Lammkoteletts mit Koriander an. »Hold The Line, Please Hold The Line. Ihr-Gespräch-wird -gleich-dasein …« sang Schurwandt Junior mit kräftiger Stimme. Als das Stück überstanden war, hatte Müller den Eindruck, er müsse etwas sagen: »Abschnittsleiter Schurwandt meinte, wir müssen mit der Zeit gehen!«

»Das müssen wir, Müllerchen«, antwortete seine Frau, »aber nicht überall hin. Wenn ich mal bei dir im Dienst anrufen sollte und mir kommt dieser Krach entgegen, dann leg ich jedenfalls gleich wieder auf…«

Auch Müllers Kolleginnen und Kollegen fanden die Klänge befremdlich, doch niemand wagte es, die Wahrheit auszusprechen. So setzte sich der Kriminalrat durch. Und weil die integrierte Warteschleife jetzt so »kraß klingt« und allen außer Schurwandt Senior peinlich ist, stürzt die Polizei in Kreuzberg immer gleich ans Telefon, wenn jemand die 110 wählt. Damit Schorse Schurwandt und die DeeJays gar nicht erst losscheppern können.


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