Kreuzberger Chronik
Juni 2007 - Ausgabe 88

Straßen

Der Waldeckpark


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von Werner von Westhafen

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Es war der konservative und antidemokratische Innenminister von Manteuffel gewesen, der nach der Niederschlagung der Revolution von 1848 den Status quo in Preußen wiederherstellte. Er war es, der die demokratisch gewählte und vom König legitimierte Volkskammer kurzerhand wieder auflöste und verbot. Der Jurist von Manteuffel wirkte federführend bei der Niederschrift der neuen Verfassung mit und stand für die Einschränkung der Pressefreiheit und der Versammlungsfreiheit. Er war es auch, der bei der großen Aufräumaktion den Polizeipräsidenten Hinckeldey gegen seinen Kollegen, den Juristen Franz Leo Benedikt Waldeck, aufstachelte.

Der Kollege nämlich war ein Anhänger der Revolutionäre und stand in vorderster Reihe. Wenn auch nur mit dem Gänsekiel, und nicht mit dem Gewehr. Franz Leo Benedikt Waldeck war es nämlich, der den demokratischen Gegenentwurf zur alten Verfassung konzipiert hatte, ein Papier, das bis heute als »Charte Waldeck« in Enzyklopädien und Lexika vertreten ist. Ein Papier, das in der Öffentlichkeit mit viel Interesse diskutiert wurde. Aus diesem Grund ließ der getreue Polizeipräsident Hinckeldey den Juristen Waldeck am 16. Mai 1849 kurzerhand verhaften, um ihn als Führer einer Bewegung, die »eine einige, untheilbare, socialdemokratische Republik« herstellen wolle, vor das Kriegsgericht zu stellen.

20.000 Menschen sollen seinem Sarg gefolgt sein, als man Waldeck am 15. Mai 1870 zu Grabe trug, »weit mehr als die Hälfte der Stadt!«, schreibt Frank Eberhardt in der Berlinischen Monatszeitschrift. Die Nationalzeitung schrieb: »Im Ganzen befanden sich in dem Zuge, der dreiviertel des Weges einnahm, 12 Musikkorps und 21 Fahnen, die Socialdemokraten führten ihre große rote Fahne als Standarte aufgerollt und in Flor gehüllt«. Nach dem Begräbnis wurde der »Waldeck-Verein« gegründet, um Geld für die Errichtung eines Denkmals an den glühenden Vertreter ihrer Angelegenheit zu sammeln. Doch im Kaiserreich tat man sich schwer damit, den einstigen Hochverräter öffentlich zu würdigen, weshalb noch zwanzig Jahre nach dem Tod Waldecks der humorvolle Reiseführer von Schmidt-Cabanis schreiben konnte: »Und nun erfahre im Vertrauen: / Willst Du den treusten Volksmann schauen / den Deutschlands Boden je gehegt / zum Speicher wandle unentwegt / Dort triffst in echter Friedhofsruh / das Marmordenkmal Waldecks du / Man fand nach offiziellen Quellen / Noch keinen Platz, es aufzustellen; / Du zweifelst? – Liebster, gieb dich drein / Berlin ist manchmal wirklich klein!«

Einige Jahre später endlich fand man einen abgelegenen Platz auf einem ehemaligen Pestfriedhof in der Nähe der Oranienstraße, und auch die kleine Grünanlage um das Denkmal erhielt den Namen »Waldeckpark«. Den Nazis freilich war der Jurist wieder ein Dorn im Auge, und als sich im Olympiajahr 1936 eine Lebensversicherung bereiterklärte, den Park anläßlich des Großereignisses etwas herzurichten, erhielt der Rasen den Namen des Versicherungsgründers: »Lobeckpark«. Das Marmordenkmal Waldecks wanderte indes an den Stadtrand und kehrte erst 1947 wieder in den Park zurück. Der Firmengründer Lobeck erhielt als Entschädigung immerhin einen Straßennamen.

Foto: Nikolaos Topp
Doch nicht nur posthum sorgte Waldeck für Wirbel. Kaum war der Sohn des Professors an der Universität Münster Oberlandesgerichtsrat und Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Hamm, erhielt er auch schon die erste Rüge wegen seiner Kritik an den Mängeln der Gesetzgebung. Dennoch kam er 44jährig als Tribunalrat nach Berlin, und als sich 1848 die Revolution zusammenbraute, stand der leidenschaftliche Demokrat auf der richtigen Seite. Nach dem erfolgreichen Aufstand im März ließ sich Waldeck zum Vizepräsidenten der Nationalversammlung wählen und wurde so zum »anerkannten Führer der demokratischen Linken«. Er verlangte eine Überprüfung und eventuelle Korrektur des neuen Verfassungsentwurfs der Regierung durch eine unabhängige Kommission aus Volksvertretern und übernahm darin den Vorsitz. Bereits im Juli legte Waldeck einen kompletten Gegenentwurf zur Verfassung von Manteuffels vor: Die »Charte Waldeck«.

Die konservativen Kräfte wehrten sich jedoch mit allen Mitteln, sie vertagten, verlegten, unterbrachen, bis von Manteuffel im November kurzerhand den Belagerungszustand ausrufen ließ. Die Volksverräter Hinckeldey und Wrangel »trieben daraufhin die Generalversammlung mit Waffengewalt von einem Lokal ins andere« – solange, bis Waldeck rief: »Nicht die Mauern, nicht die Steine bilden die Nationalversammlung, sondern wir mit unseren Gedanken!« Ein anderes Mal soll er einem der Offiziere zugerufen haben: »Holen Sie ihre Bajonette und stechen Sie uns nieder!«, und den Seinen zugewandt: »Ein Verräter, wer den Saal verläßt!«

Im Geheimen Obertribunal versuchte man, den vom Kampfgeist inspirierten und politisch nicht unparteiischen Kollegen zum Rücktritt zu bewegen. Waldeck, stets der Gerechtigkeit verpflichtet, war empört: »Der oberste Gerichtshof hat wahrlich nicht den leisesten Grund zur Besorgnis, (…) daß Recht und Gerechtigkeit werde gefährdet werden«. Als am 5. Dezember 1848 die Regierung Waldecks Gegenentwurf ignoriert und endgültig den eigenen zur rechtmäßigen Verfassung erklärt, akzeptiert dieser das Papier nur als korrigierbaren Entwurf und fordert die sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes. Der Unnachgiebigkeit Waldecks begegnete Innenminister von Manteuffel mit der Auflösung der Nationalversammlung und dem Einschalten des Polizeipräsidenten Hinckeldey, der den Unbeirrbaren verhaften läßt.

Hinckeldey möchte kurzen Prozeß machen mit dem Widersacher und ihn vor ein Kriegsgericht stellen, doch es findet sich keine rechtliche Grundlage. Und als Waldeck ein halbes Jahr später vor Gericht kommt, stehen die Richter auf seiner Seite. Theodor Fontane, Berichterstatter der Dresdner Zeitung, schreibt: »Waldeck ist frei. Das Volk jubelt, die Konstabler hauen ein; aber das Volk jubelt weiter und will seine Freude, wenn es sein muß, mit einem Nachtlager auf der Pritsche gern bezahlen! (…) Der Prozeß Waldeck ist für jeden ehrlichen Mann zu einer wahren Herzensstärkung geworden.«

Das war, neben der grandiosen Beerdigung dreißig Jahre später, womöglich der größte Erfolg des rechtschaffenen Juristen Waldeck: daß die Richter die Anklage als ein »Bubenstück« bezeichneten, und daß sie dem Polizeipräsidenten Hinckeldey »unschickliches Benehmen« vorhielten. Aber das ist der zweite Teil der Geschichte: Hinckeldeys Untergang.

Werner von Westhafen

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