Kreuzberger Chronik
Juli 2007 - Ausgabe 89

Witzels Geschichten

Der Tag, als Viola die Tür zuschlug


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Autor unbekannt

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Daß letzten Mittwoch im Café Blümel beim Ehepaar Thielicke der Haussegen schief hing, war schon auf der Kopischstraße zu hören. Schallend flogen den unschuldigen Spaziergängern die Wortfetzen entgegen. Viola rauschte raus und knallte die Tür zu, und zwar RICHTIG ZU! So zu, wie sich die Senatsbrigade den Flughafen ums Eck erträumt.
Drinnen, in der guten Stube, ließ sich Willi Thielicke auf den Bugholzstuhl vorm Fenster sinken und stieß einen Seufzer aus, der klang, als wolle er die »Unchained Melody« von den Righteous Brothers covern. Gedankenschwer schüttelte er den Kopf. »Das Volk von Rom ist eines Tages ausgestorben und hat seinen Senat gleich mitgenommen«, murmelte er. »Das Volk der Etrusker ist ausgestorben… Es sind so viele Völker ausgestorben – warum lebt dieses Weibervolk eigentlich noch?«

Die Tür flog auf und Rosi schoß herein. Sie trug ihren kleinen schwarzen Fummel mit den Türkispailletten und wollte wissen, was jetzt schon wieder los sei. Wahrscheinlich ist das Weibervolk deshalb noch nicht ausgestorben, weil es immer alles früh genug mitkriegt und sich von keinem auch noch so ausgeklügelten Überraschungsangriff überraschen läßt.

»Das Café läuft mal wieder total mies«, krächzte Willi. »Es ist viel zu oft viel zu leer bei uns in letzter Zeit. Viola hat gemeint, das liegt am Namen. Sie kennt einen Laden in Neukölln, der ist immer brechend voll mit internationaler Stammkundschaft. Und sie will, daß ich einen Franchise-Vertrag mit denen mache, damit wir uns auch so nennen können wie die und endlich die Hütte wieder voll kriegen.«

»Wie heißt der Laden denn?« fragte Rosi.
»JobCenter«, antwortete Willi.
»So was gibt’s in Kreuzberg aber schon«, sagte Rosi.
»Meine Rede«, brummte Willi.

Bevor Rosi weiterreden konnte, was sie liebend gern getan hätte, betrat ein junger Mann die Szene. »Hallo, Rudi!« rief Rosi. Rudi gab ihr gleich je zwei Küsse auf beide Wangen und setzte sich neben sie, so dicht es eben ging. Willi stellte Rosi und Rudi je ein »Kännchen komplett« mit Tasse und Schokokeks hin.
Ich hab gehört, du hast eine CD rausgebracht?« brummte Thielicke. »So isses«, nickte Rudi, aber bevor der Musiker sich in die Brust werfen konnte, kamen Milli Vanilli und Viola herein, die erstaunlich leise die Tür öffneten.

»Was willst du denn hier?« knurrte Willi. »Du hast doch vorhin gesagt, wenn du diesmal gehst, dann kommst du nie, nie wieder…«
»Ich hab was vergessen«, sagte sie und begann zu suchen. Milli Vanilli wedelte fröhlich mit dem Schwanz.

»Was suchst du denn eigentlich?« fragte Willi, schon etwas weniger knurrig.
»Laß mich.« Viola mußte dauernd an ihm vorbei nach hier und da
und links und rechts. Willi fing an zu schnüffeln.

»Is was?« fragte Viola.
»Heuschnupfen«, krächzte Thielicke.
»Wird aber auch Zeit«, flüsterte sie, »daß Tempelhof endlich dichtgemacht wird, du Armer!«

»Lieber arm dran als Arm ab«, kalauerte Willi. Und dann saß Viola auch schon neben ihm, so dicht, wie es nur eben ging. Dichter als Rosi bei Rudi. Keiner hätte sagen können, wer nun wieder angefangen hatte, Willi oder Viola. Willis Frage aber, warum das Frauenvolk noch nicht ausgestorben ist, die war nun beantwortet.

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