Kreuzberger Chronik
Juli 2007 - Ausgabe 89

Das Essen

Sas in der Ankerklause


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von Saskia Vogel

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Wenn das Gesicht käsig unter der Schminke ist, wenn Schnäpse, Wein und entbehrter Schlaf im Blut gären – dann geht Sas am liebsten zum Katerfrühstück in die Ankerklause. Der Tag ist nicht hell, Kreuzberg nicht wach, und schon sitzen die ersten Gäste in der windschiefen Hütte auf der Brücke. Fridolin ist Busfahrer und kennt die Kneipe noch aus den 80er Jahren, damals, als der Anker eine »dubiose Frittenbude« war mit Kaffee so »hart wie Teer«.

Frido zieht »seinen Laden« den aufgebrezelten YuppieBars im Kiez vor und klopft zum Beweis kräftig auf die Holzvertäfelung: »Hier ist noch der ZigarettenRauch von anno dazumal drin.« Und überhaupt: Ohne Rauchen wäre die Ankerklause ihrer Seele beraubt. Die Haare struppig, die Bronchien gereizt schnorrt sich Sas bei Gisela ’ne Selbstgedrehte. Gisela sitzt vorne an der Scheibe, wo der Blick ins Leben fällt. Der Tag ist grausam grau und Gisela eine Theaterliebhaberin in der MidlifeCrisis. »Politisch mache ich mir keine Hoffnung mehr. Die Amis verheizen das Öl und Schluß.« Endzeitstimmung! Gisela, mit Fältchen und knallgelbem Schal, hebt die Schultern. Tatsächlich schlägt es gerade fünf vor zwölf. Gemeinsam mit den ersten Sonnenstrahlen fallen die türkischen Gemüsehändler vom Markt am Maybachufer durch die Tür, um mal pinkeln zu gehen, eine Tasse klebrigen Teer zu trinken, die Klause mit lauten Turbulenzen zu füllen. Überall stehen jetzt Sackkarren und große Plastiktüten im Weg und »Klack« »Klack« »Klack« geht eine Kippe nach der anderen an.

Sas bestellt sich ’ne hausgemachte Bulette für zwei Euro bei Kellnerin Nicki, obwohl sie ja eigentlich Vegetarierin ist. Doch heute, da ist ihr grad mal alles egal. »Ich arbeite mal mehr, mal weniger gerne hier«, sagt Nicki, doch Sas durchschaut sie sofort: Nicki ist ein »Urgestein« und die Klause, die liebt sie heiß und innig. In Nickis Brust, da schlägt ein Anker. Seit 12 Jahren bedient sie hier. Seit das Team vom Wiener Blut die heruntergekommene Eckkneipe gleichen Namens in das verwandelte, was die Ankerklause heute ist. Mit Fischdeko und legendärem Donnerstagsclub. »Hmm«, sagt Sas und legt schläfrig den Kopf auf den Tisch. Was ist die Klause denn nun? Neben der Terrassentür hängt ein Bild von Hans Albers. Plötzlich fällt bei Sas der Groschen: Die Ankerklause erinnert sie an die Reeperbahn nachts um halb eins, wo es raue Schuppen wie das Lunacy gibt, und da ist Sas als kleines Mädchen mal die Treppe runtergeknallt. Aber das ist lange her, und weil Sas nicht zurückdenken will, schläft sie ein und träumt von Männern in BH und crazy gestylten Frauen.

Als sie wieder aufwacht, erinnert sie sich, daß es diese Traumbilder wirklich gibt: Nämlich auf der Website www.ankerklause.de, die wesentlich besser eingerichtet ist als der Laden selbst, frisch im Design und gar nicht staubig. Und schon beim ersten Klick singt eine digitale SeemannStimme »Auf Matrosen!« Es ist Nacht geworden, die Menschen sind unruhig geworden im Anker, sie hüpfen und trinken. Sas wirft ein paar Münzen in die kuriose Jukebox, wählt »Prost« von Deichkind und sagt »Salut!« zu einer Schriftstellerin, die Jenni Zylka heißt, und die sich im Gedränge ordentlich zu amüsieren scheint. Und die Sas DEN ultimativen Grund für Frauen verrät, ein AnkerStammgast zu werden: »Spät am Abend sind immer Männer da, die starren einen dankbar an.« »Yeah«, sagt Sas, die Fluppe lässig im Mundwinkel. Und starrt bis in den frühen Morgen frech zurück. Saskia Vogel


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