Kreuzberger Chronik
Juli 2007 - Ausgabe 89

Straßen

Die Hasenheide


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von Achim Fried

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Es gibt Straßen, deren Namen man sich nur merkt, wenn man sie aufsuchen muß, und deren Namen man sofort wieder vergißt. Meist sind das jene Straßen, die mit den Namen unbekannter Politiker, Wissenschaftler, Militärs, manchmal auch Dichter oder Maler geschmückt sind. Sie sagen, im Gegensatz zu den alten Namen alter Straßen nichts mehr aus über den Charakter des Weges, nichts über die Landschaft oder die Kultur, durch die sie sich bewegen, sie deuten kein Ziel an und lassen uns über ihre Herkunft im Dunkeln.

Bei der Kreuzberger Hasenheide ist das anders. Die Hasenheide ist ein breiter, von Bäumen flankierter Boulevard am Rande eines Parks, der einmal ein lichtes Wäldchen aus Fichten und Eichen war, das den Bauern der Gemeinden Tempelhof und Neukölln gehörte. Jahrelang haben sie ihr Vieh auf den Lichtungen und Wiesen dieses Wäldchens weiden lassen, bis 1678 der Oberjägermeister von Lüderitz das 100 Hektar große Gelände einzäunen und mit Hasen bevölkern ließ, um sich seinen täglichen Braten zu sichern. Damit der königliche Jäger zu seiner Jagd nicht laufen mußte, sondern mit der Kutsche fahren konnte, wurde am Fuße des Hügels und am nördlichen Ende ein breiter Weg angelegt: die heutige Hasenheide.
Anfang des 19. Jahrhunderts, exakt 130 Jahre nach der Einrichtung des Hasenzwingers, wurde das vom Aristokraten besetzte Privateigentum zwar zum Staatseigentum erklärt, was die Bauern jedoch nicht davon abhielt, weiter gegen die Nachfahren des Jägers zu prozessieren, der ihnen das Land vor der Haustür weggenommen hatte. Erst 1851 wurde der bald zweihundertjährige Streit um die »Hasenhaide« endgültig beigelegt und heute gehört das Land unbestritten der Stadt Berlin.

Seit jedenfalls die Hasen die Hügellandschaft am Rande des Berliner Urstromtals bevölkerten, setzte kein Rindvieh mehr seinen Huf in das Wäldchen. Stattdessen rückten die Städter allmählich immer weiter vor. Auf der Suche nach Erholung und Vergnügen außerhalb der Stadtmauern waren sie bald auf dem Tempelhofer Feld, auf dem Kreuzberg und auch an der »Hasenhaide«. Schon wenige Jahre nach der aristokratischen Übernahme des Wäldchens siedelten sich am Rand der eingefriedeten Jagd erste Wirtshäuser an, auf sogenannten Erbpachtgründen eröffneten Caféhäuser ihre Gärten im Grünen, und an den Abenden qualmten die Berliner in den Tabagien, in denen nun endlich das Rauchen erlaubt war. Um die Jahrhundertwende zogen an den Wochenenden wahre Menschenmassen zum ehemaligen Hasengehege, die »Haide« wurde neben dem Wannsee und dem Müggelsee zum beliebtesten Ausflugsziel für die Großstädter von der Spree.

Die meisten der Ausflugslokale lagen auf der Nordseite des alten Kutschenweges, der bereits 1678 den Namen »Hasenhaide« erhielt. Am Eingang zur Fichtestraße eröffnete 1807 das Gartencafé Heyne, das erst mit dem 2. Weltkrieg aus der Kaffeehauslandschaft an der Hasenheide wieder verschwand. Ende der siebziger Jahre richtete das Bezirksamt auf dem Gelände den »Kindertreff Hasenbau« ein. An der Hasenheide Nummer 32–36, an der Ecke zur Graefestraße, befand sich das berühmte

Dieter Kramer, Postkartenserie
Das Gartencafé Heyne
Orpheum mit noblen Terrassen und einem großen Festsaal. Durch den Krieg erheblich zerstört wurde er 1978 von der Abrißbirne end gültig beseitigt. Auch an der Hasenheide Nummer 52/53, in der Nähe zur Körtestraße, befanden sich stattliche Tanzsäle. Hier stand auch der sogenannte Hofjägerpalast mit spiegelglattem Tanzparkett und Kegelbahnen.

Am anderen Ende der Körtestraße dagegen war die Welt schon wieder etwas kleiner. Dort richtete Otto Rein für die einfachen Leute seine Destillation mit »Vereinszimmer« und »Fernsprecher« ein. Noch heute ist an der Ecke ein Lokal, und der Gartenzaun sieht aus wie auf der Fotografie von 1920. Auch der Leuchtturm am Eingang zur Blücherstraße zog bis zum 2. Weltkrieg die Männer magisch an. Dann verschwand er für immer. 1865 aber öffnete das wohl berühmteste Lokal der Hasenheide seine Türen: die Neue Welt, und am 1. Mai des Jahres 1890 hielt August Bebel hier (vgl. Kreuzberger Chronik Nr. 83) seine historische Rede zum Sozialismus.

Doch nicht nur das lüsterne Volk hatte den Fuß auf die Heide gesetzt, auch die Militärs hatten das Gelände ins Auge gefaßt. Schon immer exerzierten die Soldaten auf dem Tempelhofer Feld, doch ihre Schießübungen veranstalteten sie in der Hasenheide. Die Militärs waren es auch, die Joseph Lenné den Auftrag erteilten, bei der Anlage des Parks zwischen dem Halleschen Ufer und den Exerzierplätzen auf der Tempelhofer Feldmark für eine »leichte Chausseelage« zu sorgen. 1839 wurde der Landschaftspark des KultArchitekten Lenné für die Öffentlichkeit freigegeben, was die Militärs von ihren Schießübungen jedoch nicht abhält. Und 1876 erklärten sie ganz offiziell Teile des Landschaftsparks zum Garnisonsschießplatz.

Nicht nur Kühe, Hasen, Soldaten und Ausflügler nutzten den hügeligen Landstrich am Rand des Urstromtales. Auch Turnvater Jahn fand Gefallen an der Landschaft, in der einige stattliche deutsche Eichen gediehen. Eine von ihnen ist inzwischen nach dem Turnvater benannt. Sie steht dort, wo einer von Jahns drei Sportplätzen auf dem Gelände der damaligen Hasenheide lag. Der erste von ihnen befand sich in der Nähe des Südsterns, etwa dort, wo heute die Basilika steht. Da dem strengen Turnvater die nahegelegenen Tabagien und Wirtshäuser ein Dorn im Auge waren, zog er mit seiner Turnerschar weiter ins Wäldchen hinein und turnte fortan dort, wo noch heute die JahnEiche steht. Als der Jahn 1820 wegen seiner »Deutschtümelei« in Verruf geriet und ein allgemeines Turnverbot ausgesprochen wurde, – die einzige geduldete Ausnahme waren sportliche Übungen militärischer Natur – turnten die Turner »illegal« in den dunkelsten Winkeln der Hasenheide. Während ihr Vater Jahn wegen Hochverrats fünf Jahre im Kerker saß. Erst 1844 erlaubte man ihm die Einrichtung des letzten Pioniersportplatzes, und auch dieser lag wieder in der Hasenheide: dort, wo heute das Jahndenkmal steht.

Nach dem Krieg veränderte die Hasenheide ihr Aussehen. Allmählich erhob sich aus der »Chausseelage« die 69 m hohe Rixdorfer Höhe, zusammengetragen aus 700.000 Kubikmetern Trümmern. 1954 wurde das Naturtheater mit 1.100 Sitzplätzen eröffnet, heute steht dort eine Filmleinwand unter freiem Himmel. Auch die Hasenschänke gegenüber des Rosengartens entstand gleich nach dem Krieg. Aber die wechselvolle Geschichte des »kleinen Bergwäldchens« ist noch lange nicht beendet. Nach der Schließung des Flughafens könnte auch sie wieder einmal ins Visier der Städteplaner rücken. Im Gespräch ist die Hasenheide immer geblieben: als berühmt»berüchtigter Drogenumschlagplatz«, oder als »größtes Hundeklo Deutschlands«.

Achim Fried

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