Kreuzberger Chronik
Dez. 2007/Jan. 2008 - Ausgabe 93

Herr D.

Herr D. und die Spießer


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von Hans W. Korfmann

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Es gab Menschen, die hielten den Herrn D. für einen Spießer. Nur weil er einen Gummibaum im Wohnzimmer hatte und nicht immer gleich nach der Revolution schrie, wenn sich ein Bundestagsabgeordneter als ebenso korrupt und unmoralisch erwies wie ein Bankmanager. Herr D. war aber höchstens ein ganz kleiner Spießer, und empfand tiefe Befriedigung, als kürzlich im Radio anläßlich des Mogadischu-Jubiläums ein seriöser Anwalt endlich sagte, was Herr D. schon seit dem 11. September dachte: Verglichen mit dem aktuellen Terror, der das Leben tausender Unschuldiger aufs Spiel setzte, waren die Baader-Meinhof-Rebellen mit ihren gezielten Aktionen gegen Einzelpersonen geradezu moralisch und wurden »damals vom Verfassungsschutz vollkommen überbewertet!« Herr D. war ein kleiner Beamter im Auswärtigen, aber auch der Herr D. konnte rebellieren. Zum Beispiel gegen die Verkäuferinnen von Karstadt, die in den 90er-Jahren noch herumliefen wie in den 60ern; gegen diese blond getönten Ausgeburten des Spießbürgertums. Karstadt hatte diese anachronistischen Modelle zwar mit seinen unrentablen Filialen gleich mitentsorgt, doch bei den Berliner Lebensmittelverkäufern erfreuten sie sich offensichtlich der Unsterblichkeit.

Immer wieder provozierten diese Lockenwicklerfrisuren den Herrn D. dazu, am Obststand erst eine Erdbeere, dann eine Traube, dann eine Blaubeere zu probieren, so lange, bis endlich wieder dieser Satz fiel: »Also, wenn das jeder machen würde!« Stereotyp antwortete er: »Es macht aber nicht jeder!« Herr D. haßte dieses übersteigerte Pflichtbewußtsein, diesen vorauseilenden Gehorsam. Das war nicht nur Spießertum. Das hatte einst Juden das Leben gekostet.

Auch wenn Ladendetektive, diese Verräter der Armen, unauffällig dem Herrn D. folgten, konnte er dem Trieb nicht widerstehen, möglichst viele Dinge aus den Regalen zu ziehen und wieder zurück an ihren Platz zu stellen, schnell um die Ecken der Regale zu verschwinden und zwischen den Büchsen hindurch nach den Verfolgern zu spähen, bis sie von ihm abließen.

Kürzlich aber kam eine der observierenden Angestellten einfach nicht mehr los vom Herrn D. Ausdauernd beobachtete sie jeden seiner Griffe, als er nacheinander Wurst, Käse, Schinken in seine schon übervolle Einkaufstasche und am Ende sogar in die Manteltasche steckte. Nur, um anschließend alles wieder auszupacken und ordentlich einzuräumen, bis er nur noch ein Päckchen Butter in seiner ökologischen Stofftasche hatte. Triumphierend packte er die einsame Ware aufs Band, zahlte und war schon draußen vor der Tür, als er eine Wurst in seiner Manteltasche bemerkte.

Auf dem Absatz machte er kehrt, betrat abermals den Lebensmittelmarkt, aber schon in der 1. Reihe packte ihn jemand am Arm. »Ich habe alles genau gesehen!«, rief die Verkäuferin an der Seite des Mannes mit dem autoritären Handgriff. »Na, dann ist es ja gut!«, sagte der Herr D. »Ich möchte nämlich nur die Wurst wieder zurückbringen, die ich vergessen habe!« – »Das werden Sie schön bleiben lassen!«, sagte der Mann. Und ließ ihn nicht mehr los, bis die Polizei eintraf.

Bei der Vernehmung durch die Beamten stand Aussage gegen Aussage, und hätte der entrüstete Herr D. auf die Frage, was er »denn beruflich so« mache, nicht antworten können, daß er auf dem Auswärtigen Amt tätig sei, dann hätten sie womöglich der Verkäuferin geglaubt. So aber ließen sie »den armen Spießer laufen«. Der Herr D. war froh über die Freilassung. Aber noch Tage danach fühlte er sich ziemlich spießig.


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