Kreuzberger Chronik
September 2006 - Ausgabe 80

Kreuzberger
Antoinette

Die subjektive Wahrheit ist die eigentliche Wahrheit


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von Waltraud Schwab

Titelfoto: Michael Hughes

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Eine schwerfällige, überlebensgroße, aus farbigen Mosaiksteinen zusammengesetzte »Europa«  halb Äffin, halb Frau  steht in Antoinettes Atelier. Ihre erdige Behäbigkeit soll der zarten, ätherisch wirkenden Künstlerin Halt geben. Ansonsten sei das Atelier aber leer, meint Antoinette immer wieder. Es ist ihr wichtig. Sie weiß, wie es bis vor kurzem war, als der achtzig Quadratmeter große Raum in Kreuzberg noch von 127 Menschen bevölkert wurde. Von Alten, Jungen, Egomanen, Narzißten, Freunden, Geliebten, Alkoholikern, Unbekannten, Traurigen, Reichen, Nahestehenden und Weitgereisten. Jeder hatte ein Bild von sich. Dazu kam jenes, das die Künstlerin von ihm malte. »Die subjektive Wahrheit ist die eigentliche Wahrheit«, sagt sie. Für sie ist es wie ein Aufatmen, die Horde nun los zu sein. Endlich ist sie mit ihren eigenen Geschichten wieder allein. Mit denen hat sie genug zu tun.

Als Kind mochte Antoinette ihren Namen nicht. Zu barock. In der DDR der sechziger Jahre war damit nicht zu gewinnen. »Antonjette, Antoi-Nette, was machst du in deinem Bette«, reimten Kinder und riefen es ihr nach. Weil sie, als sie jung war, mit dem viel belächelten Namen gelebt hat, hat sie ihn später, als es möglich gewesen wäre, nicht mehr geändert. Heute möchte sie, daß er wie ein Label, ein Abdruck daherkommt. Egon Bahr, Antje Vollmer, Friede Springer, um nur einige zu nennen, tragen ihn schon auf der Haut.

Die drei gehören zu den 127 Leuten, die lebensgroß im Atelier der 48- Jährigen standen. Gerahmt zwar, damit sie ein Jahrhundert lang halten, trotzdem belagerten sie die Künstlerin. Der Platz so eng, daß es schwer fiel, noch Raum zum Atmen zu haben, ob so vieler Geschichten. Jetzt sind die »Berliner Portraits« teils in Amerika ausgestellt, teils verkauft, teils im Lager verstaut. Fast drei Jahre hat Antoinette an diesem Zyklus gearbeitet. Es war die letzte Wahnsinnsarbeit. Wieder einmal hat sich die zerbrechliche Künstlerin bis an die Grenzen ihrer physischen Kraft verbraucht.

Alles fing als Spiel an, bevor es zur Obsession wurde. Antoinette und ihre Freundinnen wollten ihre älter werdenden Körper ins Bild setzen. Ungeniert, launisch, gegen die Zeit. Bis immer mehr Leute kamen, deren Abbild festgehalten sein wollte. Noch eine, noch eine und noch einer, noch einer. Und das, obwohl Antoinette niemandem schmeichelte. Die Gesichtszüge der Abgebildeten sind kantig, das Farbspektrum der dunklen Seite zugewandt, kein Gesicht, dessen Teint nicht ins Blaue fällt. Das Berliner »Sittengemälde«  so heißen die »Berliner Portraits« inzwischen  will Tabus brechen, Eitelkeiten offenbaren, unerfüllte Sehnsüchte zeigen, Niederlagen nicht ausklammern. Nicht einmal den Tod. Im Frühling 2003 hatte Antoinette den Querschnitt durch die Berliner Bevölkerung am Anfang des 21. Jahrhunderts fertig. Leute, die den Lauf der Zeit politisch beeinflussen, sind darunter. Aber auch solche, die sich treiben lassen. Dazu jene, die der Zeit das Schöne abgewinnen. Und dann noch die, denen es niemals gelingen wird, Leben und Zeit in Einklang zu bringen. »Am Ende hatte ich Mühe aufzuhören, so begeistert und fanatisch war ich«, sagt sie.

Foto: Michael Hughes
Die Künstlerin hat Glück, denn unabhängig von ihrer Idee, die Berliner zu malen, veränderte sich das Image der Porträtmalerei im Laufe der Monate, die sie daran arbeitete. Derzeit ist ihr Werk en vogue. Nun schwimmt sie auf der Welle mit.

Das Sittengemälde ist keine Auftragsmalerei. Denn jedes ihrer Porträts hält nicht nur die Person fest, sondern die »Lebensländer« der Porträtierten. »Lebensländer«  ihr Wort. Sie sei eine, die die Welt im Blick hat. Erklären kann sie nicht, was sie sieht, wohl aber malen. Deshalb schweben um den Autor und Historiker Joachim Fest pastellfarbene Lilienthal-Gleiter en miniature. Deshalb sitzt Regine Hildebrandt auf einem Sessel, über den ein weißes Tuch gelegt ist. Ein bißchen Wolke schon kurz vor ihrem Tod. Deshalb wird Odalys Mundry, eine schwarze Berliner Kubanerin, im weißen Hochzeitskleid gezeigt. Zu ihren Füßen liegen Gartenzwerge. Tiefsinnig und trivial in einem.

Antoinette stammt aus einer Kartenlegerinnenfamilie. Großmutter und Urgroßmutter haben sie eingeführt in die Kunst. So hat sie gelernt, die Umstände, in denen der Mensch lebt, als die Summe von Sehnsüchten, Albträumen und Lebensgeschichten zu erkennen. Bildnerisch umgesetzt, entsteht eine Mischung aus Pop und Surrealismus. Antoinette wehrt ab: »Ich weiß gar nicht, was die Leute mit Surrealismus meinen«, sagt sie. »Für mich ist ganz klar, was auf den Bildern zu sehen ist.« Daß sie selbst sie entschlüsseln kann, reicht allerdings nicht aus, weil sie mit ihrem Werk doch in Kommunikation treten will mit der Außenwelt. Auch deshalb ist ihr das Sittengemälde so wichtig. Die 127 Abgebildeten zumindest teilen mit ihr, was sie sieht.

Eigentlich ist Antoinette Außenwandmalerin. »Ich mache nie etwas, was nicht mit dem Ort und den Menschen zu tun hat«, sagt sie. Ihre größte Arbeit erstreckt sich über 350 Quadratmeter. Ein Kosmos aus unerfüllten Wünschen, bestandenen Initiationen, überwundenen Gefahren. Denn auf die Brandwand im sächsischen Wilthen hat sie die sorbischen Märchen gebannt. Zwei Monate Zeit hatte sie dafür. Knochenarbeit, Wahnsinnsarbeit das  darin ist sie Meisterin. Auf diese Weise kämpft sie gegen ihre Schwächen an. Die körperlichen. Es kam vor, daß sie fiel und nicht mehr aufstehen konnte. Antoinette wurde in Dresden gebo

Foto: Michael Hughes
ren. Schon mit drei Jahren habe sie begonnen zu lesen, wird berichtet. Der Vater, »ein begnadeter Pianist«, stirbt, als sie zwölf ist. Sie selbst bekommt mit 19 einen Sohn, ist Kellnerin, Nachtwächterin, Postbotin. Abitur hat sie keins. Sie habe sich in der Schule gelangweilt. Trotzdem wird sie mit 20 an der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst aufgenommen. Weil man ihr Talent erkennt.

Daß Handwerk nicht alles ist, daß es um Leben und um Erfahrungen geht, das lernt sie schnell. Kaum von der Hochschule weg, kauft sie sich eine alte Wassermühle in der Uckermark und macht daraus zu DDR-Zeiten ein informelles Kunstzentrum. Bis zu 300 Leute aus aller Welt treffen sich mitunter auf der Mühle. »Dauerkunstfestspiele« heißen die Events. Wilde Achtziger in der DDR. »Eine Verschwendung von mir selbst war es«, sagt Antoinette. Nicht nur, daß Künstler und Freunde immer häufiger kamen und blieben, auch die Stasi hat ihr Ärger gemacht. »Aufträge gestrichen, keine Ausstellungen mehr, faktisches Berufsverbot.« Nur im Stakkato erzählt sie das. »Ich hab mein Kreuz hingehalten, um etwas zu bewegen.«

Als sie müde und von der eigensinnigen Freiheitssuche im autoritären Staat verausgabt die Mühle aufgibt und nach Dresden geht, geht sie auch wegen Johannes Heisig, dem Sohn des Malers Bernhard Heisig. Das künstlerische Lebensthema des Älteren ist die deutsche Geschichte. Auch Antoinettes Thema ist die Geschichte, die sie jedoch als Summe aller Geschichten, aller Mythen, des ganzen menschlichen Ideenreichtums begreift. Wie es in ihrer eigenen Phantasie zugeht, das legt sie in ihren Porträts kaum dar, wohl aber im Zyklus »Helden des gewöhnlichen Alltags« oder in den »Wochenblättern«. Letzteres ist ein gemaltes Tagebuch. Im Zentrum steht sie selbst, Antoinette. Mal mit Schlangen und riesigen Eidechsen, die ihr auf Schoß und Kopf tanzen, mal mit nackten Erwachsenen, die ihr klein wie Kinder in den Schoß fallen, mal mit Pferd und Raubkatze, die ihre Eingeweide schützen, als ihr Geliebter nach ihrem Herzen greift, mal mit drittem Auge, das zu erblinden droht. »Bestimmte Seeleninhalte erzwingen das figürliche Malen.« Die Fülle an Bildern, in der sie zu ertrinken droht, erinnert an ihr großes Vorbild aus der Kunstgeschichte: die Prinzhorn-Sammlung. Die Kunst psychisch Kranker. »Da steht das Wesentliche ihrer Existenz auch im Mittelpunkt ihrer Kunst!«

Auch der Malerin Antoinette geht es in der Kunst um das Wesentliche: die Beziehung zu den Menschen. »Im Porträt wird die Einmaligkeit des Individuums gewürdigt« sagt sie. Die Individualität. Dafür steht auch das Berliner Sittengemälde. Die Individualität sei das Vermächtnis an das neue Jahrtausend. Gegenkonzept zu einer globalisierten Welt. »In einem Augenblick, in dem alles unübersichtlich wird, muß man seinen Ort bestimmen.«

Vielleicht wird Antoinette bald in andere Länder fahren, um dort andere Leute zu malen, so ihre Idee. Vor allem in europäische, denn die weibliche Figur, die den Kontinent symbolisiert, liegt ihr am Herzen. Der aus Mosaiken zusammengesetzten Halb-Äffin-halb-Frau in ihrem Atelier jedenfalls möchte die Künstlerin noch einen Zeus, einen gehörnten Stier, beigesellen. Damit Wirklichkeit und Fiktion nicht länger getrennt sind. »Europa, das sind wir, das ist der Kontinent, den wir durch unsere Existenz täglich neu gestalten«, meint sie. Wofür aber steht Zeus?


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