Kreuzberger Chronik
September 2006 - Ausgabe 80

Die Literatur

Schnee


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von Orhan Pamuk

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Dann fragte Muhtar nach Mahmut, der dauernd getadelt worden war, weil er so rückhaltlos seine Meinung sagte. Ka erzählte, daß er sich der Gemeinschaft Hayrullah Efendis, der für das Heilige Reich kämpfte, angeschlossen habe und daß er mit dem gleichen Feuereifer, mit dem er sich früher als Linker an Streitigkeiten beteiligt hatte, nun in Auseinandersetzungen darüber einmische, in welcher Moschee in Deutschland welche Gemeinschaft das Sagen hatte. Ein anderer, der nette Süleyman, an den sich Ka wiederum mit einem Lächeln erinnerte, hatte sich in Bayern in der Kleinstadt Traunstein, wo er von dem Geld einer kirchlichen Stiftung für
politische Asylanten aus der Dritten Welt lebte, so bedrückt gefühlt, daß er in die Türkei zurückkehrte, obwohl er genau wusste, daß man ihn ins Gefängnis stecken würde. Sie erinnerten sich an Hikmet, der auf mysteriöse Weise umgekommen war, als er in Berlin als Chauffeur arbeitete, an Fadil, der eine alte Frau, Witwe eines Nazioffiziers, geheiratet hatte und mit ihr zusammen eine Pension betrieb, und an Theorie-Tarik, der in Hamburg mit der türkischen Mafia zusammenarbeitete und reich geworden war. Sadik, der früher zusammen mit Muhtar, Ka, Taner und Ipek die frisch aus der Druckerei kommenden Zeitschriften gefalzt hatte, war jetzt Führer einer Bande, die Illegale über die Alpen nach Deutschland schmuggelte. Es hieß, Muharrem, der immer alles gleich übel nahm, habe mit seiner Familie ein glückliches Leben im Untergrund geführt, in einer der Geisterstationen des Berliner U-Bahn-Systems, die wegen des Kalten Krieges und der Mauer nicht benutzt wurden. Wie die alten Istanbuler Banditen, die immer, wenn sie in Arnavutköy vorbeikommen, in die Strömung schauen und den legendären Gangster grüßen, der dort mit seinem Wagen verschwunden ist, legten die verdienten türkischen Sozialisten im Ruhestand einen Moment des Gedenkens ein, während der Zug schnell seinen Weg zwischen den Stationen in Kreuzberg und dem Alexanderplatz zurücklegte. Selbst, wenn sie einander nicht kannten, warfen in diesem Augenblick des Gedenkens die politischen Asylanten im Waggon aus den Augenwinkeln einen Blick auf ihre Genossen, während sie den legendären Helden einer verlorenen Sache grüßten. Ka war in Berlin in genau so einem Waggon Ruhi begegnet, der seine linken Freunde immer kritisiert hatte, weil sie sich nicht für Psychologie interessierten. Wie er erfahren hatte, war Ruhi Versuchsperson bei der Messung des Effektes einer Werbung für eine neue Art Pizza mit gedörrtem türkischen Rinderschinken, die man für Migranten der untersten Einkommensgruppe auf den Markt bringen wollte. Unter den politischen Asylanten, die Ka in Deutschland kannte, war Ferhat am ücklichsten. Er hatte sich der PKK angeschlossen, überfiel mit nationalistischer Begeisterung Büros der Turkish Airlines, war auf CNN zu sehen, die er Molotow-Cocktails auf türkische Konsulate warf, und lernte Kurdisch, wobei er von den Gedichten träumte, die er eines Tages schreiben würde. Einige andere Menschen, nach denen Muhtar mit einer seltsamen Neugier fragte, hatte Ka entweder schon lange vergessen oder er hatte von ihnen gehört, daß sie wie so viele, die sich kleinen Verbrecherbanden anschlossen, für Geheimdienste arbeiten oder dunkle Geschäfte betrieben, verschwunden waren, verschollen, aller Wahrscheinlichkeit nach im illen umgebracht und in einen Kanal geworfen.

Orhan Pamuk, Schnee. Roman.

Aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann © 2005 Carl Hanser Verlag, München-Wien


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