Kreuzberger Chronik
Oktober 2006 - Ausgabe 81

Strassen, Häuser, Höfe

Die Puttkamerstraße


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von Heinrich Berger

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126 Ehrenbürger hat sich Berlin bis heute leisten können. Einigen dieser Ehrenbürger wurde darüberhinaus noch die Ehre eines Platzes oder einer Straße gleichen Namens zuteil, so wie etwa August Boeckh, dem Freiherrn von Manteuffel oder dem Herrn von Wrangel. Einer dieser Ehrenbürger 1. Klasse ist Eugen von Puttkamer. Obwohl auch er, ähnlich wie der volksverräterische General Wrangel, weniger durch Zivilcourage oder heroische Taten, als vor allem durch konsequente Gehorsamkeit glänzte.

Aus diesem guten Grund hat die Ehrung des Berliner Polizeipräsidenten einen bitteren Beigeschmack, und als am 27. April 1847 Eugen von Puttkamer im Mittelpunkt des großen Festaktes stand, versammelte sich einiges Volk am Ort des Geschehens, das nicht zum Jubeln gekommen war, sondern zum Protest. Die Geschichtsbücher vermerken ebenso einstimmig wie einsilbig: »Die Ernennung Puttkamers zum Ehrenbürger löste öffentlichen Protest aus.« Viel mehr halten die kurzen Notizen zum peinlichen Vorfall nicht fest, doch klar ist: Eugen von Puttkamer, der einstige Schüler des Friedrich Werderschen Gymnasiums, der Student der Universitäten in Berlin und Heidelberg, der Oberlandesgerichtsrat in Vorpommern und der ehemalige Richter am berühmten Berliner Kammergericht, hatte sich in seiner acht Jahre währenden Amtszeit als Polizeipräsident von Berlin nicht nur Freunde gemacht.

Natürlich tun sich Polizeikommandanten immer schwer darin, zu Publikumslieblingen zu avancieren, und wenn dieses Publikum noch dazu aus mürrischen Berlinern bestand, war es schier unmöglich. Doch immerhin konnte Puttkamer  von dem heftigen, aber kurzen Protestgeschrei des Volkes einmal abgesehen  noch in aller Ruhe seinen Posten verlassen und anderen gutbezahlten Tätigkeiten im friedlichen Pommern entgegenblicken. Da erwischte es seinen Kollegen, den Polizeipräsidenten Krantz, den der Spott noch bis ins längst dicht bewachsene Grab verfolgt, schon etwas schlimmer. Denn kein geringerer als E.T.A. Hoffmann verarbeitete die historische Figur des Polizeichefs in einer seiner Erzählungen zu einer schier unsterblichen literarischen Karikatur. Und hätte man den Polizeipräsidenten Hinckeldey, der mit so unpopulären Maßnahmen wie dem Verbot des Berliner Handwerkervereins sowie sämtlicher gewerkschaftlich organisierter Arbeitervereine und der Zeitschriften Verbrüderung und Concordia den Haß des Volkes auf sich gezogen hatte, zum Ehrenbürger machen wollen, es hätte nicht nur Proteste gehagelt, es hätte einen Aufstand gegeben. Hinckeldey war es dann auch, der als Polizeipräsident im Revolutionsjahr 1848 dem Volk Aug in Aug gegenüberstand.

Doch auch das Jahr 1844 war kein ruhiges Jahr, und Puttkamer hatte seine liebe Mühe, für Ruhe und Ordnung in der Stadt zu sorgen. In Schlesien war der Weberaufstand ausgebrochen, und die Nachricht verbreitete sich im armen Berlin wie ein Lauffeuer. Die Kattundrucker an der Spree begannen zu streiken, auf den Bürgermeister von Storkow wurde ein Attentat verübt, und bei politischen Versammlungen im Tierpark forderte das Einschreiten der Polizei die ersten Toten. Am 31. Dezember

Die Kartoffelrevolution
1846 schließlich verbot Puttkamer das »förmliche Organisieren der Bürgergesellschaft«. Doch die Spannung auf der Straße wuchs weiter, und als bald darauf die Preise für Lebensmittel infolge der schlechten Ernten ins Unermeßliche anstiegen, wobei sogar die Kartoffeln unerschwinglich wurden, begann das Volk zu hungern und unruhig zu werden. Auf dem Belle-Alliance-Markt, der am heutigen Mehringdamm vor dem Stadttor abgehalten wurde, kam es zu den ersten Tumulten.

Die Aufstände der Berliner vor dem Halleschen Tor richteten sich dabei weniger gegen die Bauern aus Teltow und Barnim, die auf die steigende Nachfrage nach Kartoffeln mit steigenden Preisen reagierten, sondern gegen die Obrigkeit. Denn trotz der Warnungen seitens der Stadtverordneten vor einem Versorgungsengpaß infolge einer anstehenden Mißernte hatten die Stadtväter keine Getreideankäufe getätigt und aus den Kartoffeln weiter Schnaps brennen lassen, da sie von den Einnahmen der Brennereien profitierten. Das hatte sich herumgesprochen. Doch Staat und Polizei schauten beiseite und ignorierten stoisch den wachsenden Unmut der Bevölkerung.

Selbst als eine vorlaute Zeitung verkündete, das Polizeipräsidium der Stadt Berlin hätte mit zwei Silbergroschen einen Höchstpreis für eine Metze  das waren etwa 2 Kilogramm  der Erdäpfel festgelegt, scheute sich der Polizeipräsident nicht, diese vom Volk lange erwartete Nachricht umgehend zu dementieren. Frech und selbstsicher verkündete er, die Polizei »denke nicht daran, den freien Handel zu beschneiden« (Kurt Wernecke in »Der betretene Weg der Unordnung«). Auch »als in der ersten Februarwoche von wütenden Berliner Frauen ein Bauernwagen mit Kartoffeln umgestürzt wurde, erregte das die Behörden nicht«. So allmählich eskalierten die Unruhen zur sogenannten »Kartoffelrevolution«. Als sich das Volk auf dem Gendarmenmarkt dann über die Kartoffelsäcke der Händler hermachte und anschließend Metzgereien und Bäckereien plünderte, schritt nicht allein die Polizei, sondern gleich das Militär mit ein. Man ging  wie gewohnt  mit unverhältnismäßiger Härte vor und verhaftete zuerst einmal 300 Kartoffeldiebe. Und um auch allen Beteiligten klarzumachen, wer hier die Macht hatte und der Sieger war, kamen die Bauern mit ihren Kartoffeln in den kommenden Tagen nur noch unter Polizeischutz auf den Markt. Die »unübersehbare Präsenz der Ordnungsmacht, die sich im Abstand von 15 bis 25 Schritt mit Schildwachen manifestierte«, wies das Volk in die vom Staat verschriebenen Grenzen, und so hatte »die :Berliner Kartoffelrevolution9 ihr Ende gefunden«.

Dabei hatte auch diese kleine Schwester der großen Revolution von 1848 schon genügend gute Gründe und ausreichend Zündstoff, um zu einem staatsbedrohenden Aufstand anzuwachsen. Doch dauerte es noch einige Monate, bis es im März des folgenden Jahres tatsächlich zur Revolution kam, bei der viele Widerständler dann ihr Leben ließen. Aber auch die Kartoffelrevolutionäre litten. Hundert von ihnen wurden zu Gefängnis und Zuchthaus verurteilt.

All das geschah unter der Aufsicht des Polizeipräsidenten Eugen von Puttkamer. Und ausgerechnet in jenem Jahr, als sich die Menschen wegen ein paar Kartoffeln zu prügeln begannen, wurde ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen. Da ging das Volk auf die Straße. Es war der erste, wenn auch erfolglose, öffentliche Protest gegen die Verleihung einer Ehrenbürgerwürde. Andere sollten später folgen, und einige von ihnen hatten Erfolg. So hat auch Eugen von Puttkamer  ähnlich wie viele andere Konterrevolutionäre  mit seiner blinden Staatstreue den Haß und den Widerstand jener gestärkt, die für die Freiheit kämpften. Und auf diese Weise seinen Beitrag zur Demokratie geleistet.

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