Kreuzberger Chronik
Oktober 2006 - Ausgabe 81

Die Reportage

Die Frauen von der Friesenstraße


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von Gilette Bartels

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Die Friesenstraße ist keine Unbekannte mehr. Es finden zwar noch nicht so viele Touristen den steilen Weg den Berg hinauf wie die sonnige Bergmannstraße entlang, aber unter den Kreuzbergern auf der Suche nach einem Rastplatz ist die Straße längst eine willkommene Alternative zum Trubel der Flaniermeile. Dabei ist die Friesenstraße mit dem griechischen, dem italienischen, dem thailändischen Restaurant und der Suppenküche nicht nur kulinarisch ein interessanter Zweig der Bergmannstraße. Die Läden, die sich am Kopfsteinpflaster ansiedelten, haben aus der Friesenstraße eine kleine Geschäftsstraße werden lassen. Obwohl, vielleicht aber auch weil hier nicht alles in deutscher Herrenhand liegt. Im Gegenteil: Hier dominieren die Frauen.

Katja Rebner Foto: Michael Hughes
Eine der ersten, die auf die Friesenstraße aufmerksam machte, war Katja Rebner, die 1995 ein Feinkostgeschäft mit Mittagstisch eröffnete. Die drei täglich wechselnden originalen Pastagerichte vom original italienischen Koch haben seitdem ihre Fans. Anfangs importierten Katja Rebner & Co ihre Weine und Öle noch selbst, doch »weil man beim Zoll für jede Flasche etwa fünfzig Zettel ausfüllen« mußte, ließ sie das bald bleiben. Auch mit den Tischen und Stühlen an der Ecke zur Arndtstraße gab es immer wieder Probleme, »dieses Jahr ist das erste, in dem sie uns in Ruhe lassen.« Aber abgesehen von dem bezirksbürokratischen Hürdenlauf, um den auch die charmantesten unter den selbständigen Frauen nicht herumkommen, ist Katja Rebner zufrieden. Die Atmosphäre in der Straße ist angenehm, man kennt sich, spricht miteinander, wenn man morgens die Läden öffnet, »trinkt mit Uschi von der Schreinerei oder Christine vom Trödelladen einen Kaffee« und »tratscht ein bißchen«.

Die Friesenstraße ist eben weiblich, gleich drei Kosmetikerinnen haben sich an ihr niedergelassen. Sie kümmern sich um die leibliche Schönheit vor allem ihrer Geschlechtsgenossinnen und heißen schlicht Kosmetik und Nagelstudio Maria, etwas weniger schlicht LSensuelle oder ganz modern Viva Wellness Lounge. Maria Nguema Mba war vor sechs Jahren die erste Kosmetikerin am Berg. Sie hatte als Angestellte »die Nase irgendwann voll« und suchte Räume in der Nähe der Schule ihrer Kinder. Ihre alte Wohnung hinter dem Mehringdamm allerdings hat sie behalten, um »Privatwelt und Geschäftswelt deutlich voneinander zu trennen«.

Christine vom Trödelladen gegenüber wohnt nicht in der Nähe. Aber auch bei ihr liegen neben dem Spiegel die Vogue und andere Frauen- und Modezeitschriften. Und auch sonst hat die kleine Antiquitätenhandlung einen ausgesprochen weiblichen Charakter  schon allein durch die wunderbare Sammlung handsignierter und meterhoher Puppen, die der Enkel der verstorbenen Puppensammlerin noch um eine lebensgroße Dolly Buster im Négligé und eine ebensogroße Lara Croft ergänzte, bevor er sie verkaufte. Nun steht Lara am Eingang zu der Fundgrube mit so hübschen Accessoires wie Pelzmänteln, Spitzenhandschuhen, Schmuck und hochhackigen Schuhen.

Christine und Maria sind die Ausnahmen, die meisten Frauen der Friesenstraße wohnen auch hier. Jutta Bolg zum Beispiel, die sich weniger um die weibliche Schönheit, sondern mit den Mitteln der Cranio-Sacralen Therapie ums weibliche und leibliche Wohlbefinden kümmert. Ihre Praxis eröffnete sie praktischerweise im selben Haus, in dem sie wohnt. Sie hielt den Gerichtsvollzieher am Ärmel fest, der sich an der Ladentür im Erdgeschoß zu schaffen machte, und fragte, ob die Räume schon vermietet seien. Jetzt widmet sich die Frau, die zeit ihres Lebens Angestellte war, eigenen Kundinnen. Sie hat  anders als der gescheiterte Geschäftsvorgänger  keine Unsummen in die Gründung ihrer neuen Existenz investiert. »Das machen die wenigsten Frauen. Vielleicht kommt daher auch diese entspannte Atmosphäre in der Straße: Daß hier lauter Frauen sind, die schon nicht mehr ganz taufrisch und etwas abgeklärter sind. Aber die sich trotzdem entschlossen haben, noch mal was Neues zu probieren. Und die dabei aber nicht gleich an die Gründung eines Weltkonzerns denken, wie das die Männer bekanntlich gern tun.«

Jutta Bolg Foto: Michael Hughes
Alexandra Joachim lacht. »Die montieren erst mal 3.000 Steckdosen, entwickeln Marketingstrategien und kaufen sündteure Leuchtreklamen. Ich habe im Schaufenster eine Telefonnummer auf einer alten Staffelei, und da ruft ständig jemand an! Das ist besser als die Flyer!« Die Meisterschülerin der HDK hat nicht nur die Malwerkstatt LEscargot im Erdgeschoß neben der Praxis von Jutta Bolg, die beiden Frauen führen darüber hinaus als Nachbarinnen im 2. Stock eine friedliche Koexistenz.

Auch Ursula Paesch auf der anderen Straßenseite suchte sich einen Arbeitsplatz in unmittelbarer Nähe. Um in ihren Laden mit den selbstkandierten Mandeln, dem selbstangerührten Eis und den eigenen Trüffelkreationen zu kommen, sind es nur wenige Meter. Als ihr Chef sagte, sie solle künftig auf Honorarbasis arbeiten, kündigte sie und mietete sich im Erdgeschoß ein. Früher vertrat hier ein krawattierter Herr eine Versicherung, im Schaufenster stand ein Formel-Eins-Bolide mit der Aufschrift Allianz. Jetzt liegen dort, wo früher Aktenberge lagen, Zuckerstangen, und an den Wänden hängen Lebkuchenherzen, auf denen Worte stehen, wie sie vielleicht nur Frauen auf Lebkuchenherzen schreiben können: »Mein Kätzchen«, »Heißer Feger«, oder auch »Ich brauche Dich«.

Und weil die Frauen der Friesenstraße dank der Kosmetik, der Heilpraktik und der tröstenden Worte auf den Lebkuchenherzen von Candella so schön und gesund und wohlgenährt sind, bekommen sie auch Kinder. Die gehen in die Friesenstraße Nr. 17. Abgesehen von einem kleinen Fuhrpark mit Fahrrädern, Tretautos und Rollern hat der Schaukelpferd-Laden auch sonst alles, was Mutter und Kind begehren. Manchmal, wenn gerade keine Kunden kommen, sitzt Kirsten Opdenplatz mit der Nachbarin vom Büro nebenan und mit einem »Pott Kaffee« in der Sonne auf dem Blumenkasten vor den Läden und plaudert. Gemütlich. Die Frauen von der Friesenstraße. »Knallhart Geschäfte machen«, sagt eine Kundin, »will von denen hier keine.«

Im Grünen Drachen, gleich um die Ecke in der Arndtstraße, ist vor kurzem eine weitere Frau eingezogen. Zwei Jahre lang bewachte der beeindruckend große grüne Drache den Eingang zu einem Souterrain in der Bergmannstraße. Möbel und Regale aus gewaltigem Bambus, Teetische, duftende Kräuteröle und gedämpftes Licht führten in eine andere Welt. Die in China geschulten Hände der Heilpraktikerin schienen eine äußerst heilsame Wirkung insbesondere auf Frauen zu haben, immer länger mußten die Kunden auf die spitzen Nadeln von Katrin Diekmann warten. Jetzt ist der Grüne Drache von der turbulenten Bergmannstraße in die ruhige Seitenlage gezogen. Die Miete ist um zwei Drittel geschrumpft und es stehen auch nicht mehr »plötzlich bayrische Touristen im Behandlungszimmer«. Katrin Diekmann ist froh, von der Bergmannstraße weg zu sein.

Kirsten Obdenplatz Foto: Michael Hughes
Und so ziehen die Frauen mit ihren Ideen eben die Friesenstraße hinauf. Sie wird der teuren Flaniermeile zwischen Mehringdamm und Südstern nicht den Rang ablaufen. Doch wenn es dort durch Kauf- und Parkhäuser noch ein bißchen lauter werden wird, wenn die profitable Gastronomie die kleinen Läden mit ihrem alternativen Leben ganz aus dem Straßenbild drängt, dann könnte die Bergmannstraße zu einer jener weltweit verbreiteten Touristengassen werden, durch die sinnlose Besucherströme ziehen, und in denen sich die Schaufenster wie Guckkästen von Museen aneinanderreihen, die von vergangenen Zeiten erzählen. Während das wirkliche Leben längst weitergezogen ist. Mit den Frauen, die Friesenstraße hinauf. Den Frauen in der Mitte ihres Lebens. Entschlossen, noch einmal etwas Neues zu probieren. In diesen Zeiten von Hartz IV.

Eine der Pionierinnen war Gabriele Macheras mit der hölzernen Pinocchiofigur im Schaufenster. Damals gab es nur noch die alte Lottoverkäuferin, der Rest der Straße war Männersache. Macheras kam, weil ihr Mann gegenüber der Zulassungsstelle Autoversicherungen verkaufte. 1986 eröffnete sie in der Nummer 17 die Autovermietung Pinocchio. Inzwischen ist auch sie in der Mitte ihres Lebens angekommen, sie hat lange genug Autos vermietet. Sie ist diejenige in der Straße, die nicht kommt, sondern die geht, um irgendwo im Süden Europas noch einmal ganz etwas anderes zu probieren.

Pinocchio aber wird es weiter geben. Und auch in Frauenhand wird es bleiben. Christine Cracz, eine Freundin, wird die alternative Autovermietung mit der Langnase übernehmen. Und damit einen Arbeitsplatz für ihren Mann schaffen, der seinen gerade verloren hat. Denn »Hartz IV«, das sagen fast alle aus den Frauenläden in der Friesenstraße, »das kanns ja wohl nicht sein!« Nach zwanzig Jahren Arbeit!


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