Kreuzberger Chronik
November 2006 - Ausgabe 82

Die Geschichte

Friedrich Schlegel in den Salons


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von Werner von Westhafen

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Die berühmten Figuren in der Berliner Geschichte sind zahlreich. Die wahrscheinlich erfolgreichsten, auf jeden Fall aber die etabliertesten von ihnen, residierten ganz gern in der Nähe des Schlosses. Einige schillernde Szenegestalten der vergangenen Jahrhunderte jedoch suchten sich schon damals gern einen Wohnsitz in der Nähe des heutigen Kreuzberges mit seinen Gartenlokalen und der Sommerfrische der ausgedehnten Hasenheide.

Eine der überraschendsten und amüsantesten war der exaltierte Fürst Pückler von Muskau, der von seinem Landsitz gerne mal mit einem Hirschgespann in der Hauptstadt anreiste. Oder E.T. A. Hoffmann, der ebenso nüchtern abschätzende Jurist wie phantasievolle Schriftsteller, der mit seinem »Kater Murr« Literaturgeschichte schrieb und wegen seiner Satire über den »Meister Floh«, in der er den Berliner Polizeidirektor – »ein sehr wichtiger Mann« –, als »Knarrpanti« verspottete, selbst vor Gericht mußte. In der illustren Runde der Berühmtheiten jedoch gibt es einige zentrale Persönlichkeiten, die selbst weitaus weniger von sich reden machten, die jedoch der Dreh- und Angelpunkt dieser Berliner Welt zu sein schienen. Eine von ihnen war der Philosoph und Schriftsteller Karl Wilhelm Friedrich Schlegel. Von den vielen Prominenten aus Politik und Kultur, die einigen Kreuzberger Straßen ihren Namen gaben und in der Kreuzberger Chronik bereits ihre kleine Andacht erfuhren, waren viele mit ihm bekannt und begegneten ihm in den Salons der Stadt.

Vor allem der Salon der Schriftstellerin Henriette Herz hatte es Schlegel angetan, zumal er dort eines Tages der Frau seines Lebens begegnete, die ihm schon bald zur Muse werden und den Philosophen und Autor Schlegel zu seinem einzigen Roman, nämlich »Lucinde«, inspirieren sollte: Jenem erotischen Roman, der seiner offenherzigen Schilderungen der Liebe wegen ein Skandal wurde. Kaum standen sich Schlegel und Dorothea Veith gegenüber, war ihr Schicksal besiegelt. Schon beim »ersten zufälligen Zusammentreffen machte sie einen so gewaltigen Eindruck auf ihn, daß er selbst mir bemerkbar wurde,« schreibt die Gastgeberin Henriette Herz in ihren Memoiren. »Nicht lange, und das Gefühl war ein gegenseitiges, denn Schlegel konnte in der Tat ein liebenswürdiger Mann genannt werden und mußte allen Frauen gefallen, welchen er gefallen wollte.«

Dabei war Dorothea Veith, die Tochter des Philosophen Moses Mendelson, bereits verheiratet und auch keine sonderlich große Schönheit. Die Salondame Herz beschreibt sie folgendermaßen: »Nichts war schön als das Auge, aus welchem freilich ihr liebenswürdiges Gemüt und ihr blühender Geist strahlten, aber sonst auch gar nichts, nicht Gesicht, nicht Gestalt, ja nicht einmal Hand und Fuß, welche doch an sonst unschönen Frauen mitunter wohlgeformt sind.«

Aber auch der große Romantiker Schlegel war kein zarter Jüngling mehr, sondern eher ein etwas dicklicher »Freund aller guten und eßbaren Dinge«. So schlug er auch die Einladung zu einem Fasan nicht aus, der im literarischen Salon der Sophie Sander eines Abends verspeist werden sollte, und den auch die Kollegen Chamisso, Jean Paul, Schleiermacher oder Wilhelm von Humboldt gerne besuchten. Schlegel und der Fasan allerdings wurden der Hausdame zum Verhängnis, denn der Spender des delikaten Federviehs war niemand anderes als der konservative Philologe August Böttiger, ein Mann, der den dicken Dichter auf den Tod nicht ausstehen konnte. Sophie Sander bat später um Verzeihung und versicherte, sein Besuch sei allein dem Zufall zu verdanken gewesen. Der gut erzogene Philologe nahm diese Entschuldigung an, wartete bis zum Tod des Ehepaares Sander und rächte sich unfairer Weise erst nach ihrem Ableben in seinen Memoiren, wo er von der »feilen Kokette« spricht, »die gerne mit den schönen Geistern liebelte«.

Auch im Salon der Familie Varnhagen ging Schlegel ein und aus, Novalis gehörte ebenso zu seinem Bekanntenkreis wie Fichte oder Ludwig Thiek. Schlegel, der 1797 nach Berlin gekommen war, um gemeinsam mit Johann Friedrich Reichhardt und seinem Bruder August Wilhelm die Zeitschrift Athenäum herauszugeben, war ganz zweifellos einer der interessanten Zeitgenossen, dem sich innerhalb weniger Monate ein großer Freundeskreis erschloß, und neben dem dichtende Gestalten wie Friesen oder Chamisso eher bleich aussahen. Bis heute ist der stürmische Schlegel in den germanistisch-literarischen Kreisen ein Thema und er gilt als eine der Koryphäen der Romantischen Literatur, in der Dichtung und Natur, Idealität und Realität aufs Schönste miteinander vereinigt werden.

Als er mit seiner Geliebten vor dem Gerede über »Lucinde« und seine wilde Ehe nach Jena flüchtet, schreibt Fichte voller Verzweiflung an seine Frau: »Friedrich Schlegel, der mit der sehr interessanten Jüdin, Mad. Veith, von der ich Dir schon geschrieben habe, vereinigt lebt, (dies unter uns: Es ist Geheimnis), will den Winter nach Jena. Ich kann das nicht wünschen noch zulassen; ich bin dann in Berlin völlig verlassen.« Und auch der Zeitgenosse Heinrich Heine schreibt voller Sympathie über den »tiefsinnigen Mann«. »Er erkannte alle Herrlichkeiten der Vergangenheit und er fühlte alle Schmerzen der Gegenwart. (…) Die Gegenwart war ihm verhaßt, die Zukunft erschreckte ihn, und nur in die Vergangenheit, die er liebte, drangen seine offenbarenden Seherblicke.«

»Lucinde« war mehr als nur ein zu früh erschienener pornographischer Roman, sondern er war auch das Werk, in dem Schlegel »seine ästhetischen Ansichten umzusetzen versuchte.« Die Ehe, so schrieb er, mache die Frau zur Sklavin und sei der wahren Liebe nicht zuträglich. In »Lucinde« feierte Schlegel, hundertfünfzig Jahre vor den Roaring Sixties, die freie Liebe und den Ehebruch. Ohne ihn hätte Rahel Varnhagen diesen bemerkenswerten Satz, den Frauen noch heute so gern zitieren, womöglich nie geschrieben: »Jeder Wunsch wird Frivolität genannt.« Doch auch wenn Schlegel anderen viele Denkanstöße gab und überzeugt war von dem, was er sagte und schrieb: Allmählich klaffte ein Abgrund auf zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Traum und wirklichem Leben.

Schon wenige Monate nach der Flucht aus Berlin heiratet der Kritiker der Ehe seine Geliebte und beginnt mit dem Studium des Sanskrit. Später reist das Ehepaar nach Wien, wo er zum Militär geht und für die Österreichische Zeitung schreibt. 1819 begleitet er als Kunstsachverständiger den Kaiser und Metternich auf einer Italienreise und arbeitet nach der Abberufung aus den österreichischen Diensten an der Gesamtausgabe seiner Werke. Er ist relativ erfolgreich, doch unglücklich. Denn dem Rausch der Liebe folgte die Ernüchterung und die Flucht in andere Leidenschaften. Schlegel hatte Spielschulden, trank mehrere Flaschen Wein am Tag und wandte sich dem Okkultismus zu. Seinem Bruder August schickte er »Baumwolle, Haare und einen Zahn, weil sie ihm Glück bringen« sollten, aber er wurde dennoch allmählich von allen vergessen. Allein seine Frau und Ludwig Thiek bleiben ihm in den letzten Jahren treu. Am 12. Januar 1829 stirbt Schlegel im Alter von 57 Jahren in Dresden.


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