Kreuzberger Chronik
November 2006 - Ausgabe 82

Straßen

Die Schlachtentrilogie (1):
Die Schlacht von Großbeeren



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von Werner von Westhafen

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Der 23. August 1813 war ein grauer, regnerischer, dunkler Tag. Die Wege waren vom unermüdlichen Regen knöcheltief aufgeweicht, ein ungemütlicher Wind blies den Berlinern entgegen. Kein Mensch wäre unter normalen Bedingungen auf die Idee gekommen, einen Ausflug zu unternehmen. Dennoch setzte an diesem Tag eine wahre Völkerwanderung ein, die nur ein Ziel kannte: den Gipfel der Tempelhofer Weinberge, den heutigen Kreuzberg.

Schon die Nacht war unruhig gewesen. Napoleon rückte von Süden her immer näher, und im Gefolge der Armeen, so wurde berichtet, zogen die Franzosen 300 leere Planwagen hinter sich her, um die verdiente Kriegsbeute abzutransportieren. Napoleon selbst hatte den Befehl zur Plünderung gegeben: »Sollte Berlin Widerstand leisten, so lassen sie die Stadt durch Wurfgeschosse in Brand stecken, und suchen sie die Stadtmauer mit schweren Feldgeschützen in Bresche zu legen. Wir haben auf diese Weise Wien, Madrid und andere Hauptstädte zur Übergabe gezwungen …« Schleunigst versuchten die Reichen, ihr Hab und Gut aus der Stadt zu bringen; allerdings gab es kaum noch Kutschen und Chaisen, nicht einmal Pferde waren in der in Panik geratenen Stadt aufzutreiben, und so taten sie es den Armen gleich, die ihre Wertsachen kurzerhand im Hof verbuddelten.

Die Panik der Berliner war nicht ganz unberechtigt. Ihre Verteidigung basierte auf drei provisorischen Schutzwällen, deren innerster am heutigen Landwehrkanal kurz vor der eigentlichen Stadtmauer von den Bürgern eigenhändig mit Schaufel und Spaten aufgeworfen worden war. Auch die Schutztruppen, obwohl in der Überzahl, wirkten nicht sonderlich vertrauenerweckend, da ein Großteil der Armee aus der sogenannten »Landwehr« bestand, die erst im Mai einexerziert worden war. Napoleon witterte jedenfalls ein leichtes Spiel und schickte, obwohl die Einnahme Berlins von eminenter strategischer Bedeutung war, lediglich eine Ersatzmannschaft in den Kampf.

Schon im Morgengrauen des 23. August also hörten die bangen Berliner die schwere, aber vom französischen Kaiser offensichtlich belächelte preußische Kriegsmaschinerie auf der Friedrichstraße nach Süden rumpeln. Im Laufe des Tages versammelte sich immer mehr neugieriges Volk in den Lokalen am Streckenrand, in der Hoffnung, Neuigkeiten von den in beide Richtungen stürmenden Kurieren zu erhalten, die von diensteifrigen Wirten mit Alkohol und Speisen geködert wurden. Wirklich schlau aber wurde am Straßenrand niemand, weshalb am Nachmittag trotz des strömenden Regens die Ersten hinauf zum Weinberg wanderten, von wo aus sie den Rauch über dem Schlachtfeld sehen konnten. Die Schlacht von Großbeeren war in vollem Gange. Wer aber im Vorteil war, konnte auch auf dem Weinberg niemand so recht beurteilen. Erst, als gegen Abend die ersten Verwundeten in die Stadt zurückgebracht wurden, verbreitete sich das Gerücht, man hätte die Franzosen zurückdrängen können, und gegen neun Uhr endlich wurde offiziell bekanntgegeben, daß Napoleon besiegt sei.

Der Jubel auf dem Berg war gewaltig. Noch in der Nacht setzte eine Wanderung zum Schlachtfeld ein, um einerseits beim Bergen der Verwundeten zu helfen und andererseits der Leichenfledderei zu frönen, die in den zivilisierten Zeiten des 19. Jahrhunderts zwar bereits anrüchig und verpönt war, der aber schließlich auch die Franzosen mit ihren 300 leeren Wagen hatten nachgehen wollen. »So kam es, daß am 24. August das Schlachtfeld angefüllt war mit Berlinern, die mitten unter den Toten ihre mitgebrachten Knackwürste verzehrten, die eigentlich für den an diesem Tag fälligen Stralauer Fischzug gedacht waren.« Auch noch zwei Tage nach dem wunderbaren Sieg ist Großbeeren eine Attraktion, der Lehrer Marggraff führt sogar seine Schulklasse aufs Schlachtfeld und berichtet: »Wir fanden noch einige Todte, einige Pferde, wenige Waffen und Kugeln«, die schon damals begehrte Souvenirs waren.

Sogar Jahre danach noch pilgerten die Berliner am Tag der Befreiung vom heutigen Kreuzberg nach Großbeeren. »Alles eilt nach diesem Dorfe hinaus,« schreibt August Brass zwanzig Jahre später in der Zeitung, »um sich dankbar an jenen Tag zu erinnern, wo der Herr der Schlachten die drohende Gefahr von unseren Häuptern abgewendet, während zu Groß-Beeren selbst alljährlich an diesem Tag ein feierlicher Gottesdienst abgehalten wird«. Der 23. August entwickelte sich zum Volksfest, pfiffige Berliner eröffneten eigens für diesen Tag Weinstuben im nun berühmtesten Vorort Berlins, und auch im Berliner Tivoli am Kreuzberg oder im vornehmen Hofjäger feierte man noch Jahre danach den Sieg über den bösen Franzosen.

Das vierzigjährige und das fünfzigjährige Jubiläum der Schlacht wurden mit besonders lauten »Schlachtenmusiken« und einem großen »Prachtfeuerwerk« gefeiert, 1863 spricht die Kreuzzeitung von 6.000 Teilnehmern. Die Berliner Schulen mußten ihre Schüler entsenden, die Handwerksbetriebe ihre Lehrlinge, und auch die Adligen der Stadt hatten die Order, an den bedeutungsschwangeren Feierlichkeiten teilzunehmen, denn das Volksfest hatte längst eine politische Bedeutung erlangt. Seit sich am 6. August, nur wenige Monate nach der März-Revolution von 1848, Demokraten und Freigeister ausgerechnet auf jenem Hügel versammelten, von dem aus man einst die Schlacht von Großbeeren beobachtete, um schwarz-rot-goldene Fahnen zu hissen, war das Fest von Großbeeren nicht mehr nur ein Volksfest. Es war ein politischer Akt, eine Propagandaveranstaltung fanatischer Preußen, die vor dem von Schinkel errichteten Denkmal in Großbeeren verkündeten: »Ein donnernd Hoch sei heut gebracht den Veteranen, mag ihre Tapferkeit und Ruhm Borussias Söhne mahnen, wenn es einst wieder gilt, zu kämpfen, muthentbrannt, mit Gott für König und fürs Vaterland.«

Noch heute treffen sich anläßlich des »Siegesfestes« Preußenfans in historischen Uniformen und mit veraltetem Kriegsgerät auf dem blutgetränkten Schlachtfeld, um die erfolgreiche Schlacht nachzustellen, die »Berlin vor drohender französischer Besatzung bewahrte« – wie es auf dem steinernen Gedenkturm von Großbeeren noch immer heißt.




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