Kreuzberger Chronik
Mai 2006 - Ausgabe 77

Die Reportage

Spagetti in der Bergmannstraße


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von Michael Unfried

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Sie versucht, sie an einen Tisch zu bringen. Die Alten und die Jungen. So wie früher, als nicht Fernseher, Bücher oder Computer den Jungen ihre Geschichten erzählten, sondern die Alten. So wie die Vorfahren von Isabella Mamatis, Griechen vom Peloponnes, wo man noch heute in entlegenen Dörfern manchmal, wenn der Strom ausfällt, im einzigen Kafenion des Ortes bei einer qualmenden Petroleumlampe zusammensitzt und Geschichten erzählt wie vor hundert Jahren.

Eines Tages nämlich sah Isabella Mamatis dieses Bild: Viele Menschen an einer langen Tafel in der Bergmannstraße, junge und alte, von der Nostitzstraße bis zur Zossener Straße. Und alle aßen Spaghetti und tranken und erzählten. Isabella Mamatis ist keine, die lange wartet, wenn sie eine Idee hat, oder die sich zuerst um die Finanzierung kümmern würde. Die Mitbegründerin des Theaters Zum Westlichen Stadthirschen machte sich gleich an die Arbeit und entwarf ein Konzept zu einem »Kunst- und Kommunikationsprojekt im öffentlichen Raum«. Dreißig Organisationen hat sie inzwischen ins Boot geholt, das Seniorenamt sponsert den Kuchen, der Wasserturm hilft beim Aufbau und die Bürgermeisterin spannt den herrschaftlichen Schirm über die Spaghettitafel. Auf öffentliche Gelder verzichtet die ehemalige Theatermacherin, um der schleichenden »Verbeamtung der Kultur« nicht noch weiter Vorschub zu leisten.

Jedenfalls ziehen sich seit ihrer Vision von den Menschen an der langen Tafel in der Bergmannstraße die Spaghetti wie ein roter Faden durch ihre Tagträume und ihr Leben. Bereits im Januar fanden die ersten Treffen von jungen und alten Kreuzbergern statt. Sie überzeugte den Direktor des Leibniz-Gymnasiums, die Schüler für drei Tage vom Unterricht zu befreien, damit sie Gespräche mit Zeitzeugen führen konnten, die ihnen die lokale Geschichte Kreuzbergs näherbrachten als Schulbücher, die sich meist nur um politische Großereignisse kümmern. Bis weit in den April hinein reihten sich die Gespräche aneinander, und die »Lange Tafel Bergmannstraße« im Mai ist sozusagen der Abschluß dieser Gespräche. »Ein gut verlaufenes Gespräch endet mit einem Essen«, sagt die »Dozentin für Kommunikation« und Autorin eines Buches mit dem Titel »Wegweiser zu internationaler Besucherbetreuung«. Darin führt sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma Siemens in die Kunst-Geschäftsessen-Gespräches ein. Die Kommunikation zwischen den Kreuzbergern aber soll keinen Umsatz steigern, sondern lediglich verbinden. Zum Beispiel Menschen aus dem Seniorenfreizeitzentrum in der Gneisenaustraße mit Menschen, die noch zur Schule gehen.

Also warten unter den großen Seidenschmetterlingen und den blühenden Kunststoffzweigen, die von der Decke des Freizeitzentrums baumelnd schon im schneebedeckten März den Frühling vorgaukeln, die Alten auf die Jungen. Sie blättern synchron im »Ratgeber für Menschen ab 55«, der gerade druckfrisch auf den Tisch gekommen ist. Zeynep, die mit einem Praktikum in der Gneisenaustraße die Ausbildung zur Altenpflegerin abschließt, scherzt mit den Damen, und Jörg, ein Deutschlehrer, der einmal in der Woche im Freizeitzentrum auftaucht, um den Senioren auf Ein-Euro-Basis beim Schriftverkehr mit den Behörden zu helfen, nippt am Kaffee.

Die Jungen verspäten sich, doch nach dem ersten Glas Sekt steigt die Stimmung im Saal. Schon meint eine, sie werde »von Tag zu Tag schöner. Ich bild mir ein, ich hab glatt 200 Gramm abgenommen«, und als ein junger Mann mit Kamera kommt und fragt, ob er filmen darf, blühen die Damen auf wie die Blütenzweige unter der Decke. »Ich wurde ja schon mal gefilmt, aber das waren Japaner. Deshalb hab ich den Film nie gesehen ...«

Die Alten sind schon richtig lustig, da kommen die Jungen: Clara, Paul und Henry, und ein bißchen später noch Eda und Yasemin. Sie sind 9, 11 und 12 Jahre alt, und sie sehen so aus, als könnten sie sich durchaus auch etwas anderes vorstellen, als mit alten Leuten Kuchen zu essen. Isabella Mamatis aber sagt, daß die Jungen so viele Fragen an die Alten hätten. Tatsächlich hat Paul einen Zettel voller Fragen vor sich liegen, und eine davon lautet: »Wie haben Sie sich denn damals die Zukunft vorgestellt?«

Die Antwort der Frauen im Freizeitzentrum kommt wie aus einem Munde: »Gar nicht!«  »Darüber haben wir nicht nachgedacht.«  »Wir sahen zu, daß wir einen Stuhl unter den Allerwertesten bekamen...«

»Wie fing das denn an nach dem Krieg?«, hilft Frau Mamatis ein bißchen nach, und die Frauen sagen: »Wir haben kein Kindergeld bekommen.« Die Kinder hören zu. Sie wissen, was Krieg ist, was ein Stuhl ist, was Kindergeld ist. Aber sie wissen nicht, wie es ist ohne Stuhl, ohne Kleid, ohne Geld. Schnell zeigt sich die Kluft zwischen jenen, die den Krieg kennen, und jenen, die nur von ihm reden hören.

Doch obwohl dort ein Abgrund der Kommunikation lauert, erzählen die Frauen immer weiter vom Krieg, von Ostpreußen, von Pommern, von Königsberg, von Ländern und Städten, von denen die Jungen nicht einmal wissen, daß es sie gab. Erst, als sie von der Flucht erzählen und von eingefrorenen Zehen, von Feuersbrünsten, Bunkern und Flugzeugangriffen, werden Henry und Paul etwas aufmerksamer. Sie wollen wissen, wie das war damals in den Kellern, und ob die Keller wirklich alle durch Gänge verbunden waren. Sie sind noch jung, sie suchen das Spannende, das Geheimnisvolle, das Abenteuer.

Aber was die Frauen erzählen, sind keine richtigen Abenteuer. Immer, wenn es spannend wird, hören sie auf und erzählen wieder vom Hunger. Nur Yasemin und Eda sehen neugierig aus, wenn Frau Heberlei erzählt, wie sie 1941 nach Berlin kam, weil der Vater, ein Nazigegner, sich in Berlin besser verstecken konnte. Und wie sie dann im Keller wohnten, und wie dann die Verwandten kamen, wie es immer enger wurde&  Vielleicht hören sie so interessiert zu, weil sie diese Enge auch kennen, die kleinen Wohnungen mit vielen Kindern. Vielleicht aber auch, weil sie so selten mit Frauen aus Deutschland gemeinsam an einem Tisch sitzen.

»Schön war es nicht«, sagt Frau Heberlei. »Und was haben wir gehungert. In sechs Wochen 10 Zentner Kohlrüben gegessen.« - »Na, dann wissen Sie jetzt wenigstens, wie die schmecken«, sagt Frau Mamatis. Aber die Frauen können über Rüben nicht mehr lachen. Sie sagen: »Ach, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen&« Dabei sind sie genau deshalb hier: um zu erzählen, damit die anderen es sich vorstellen können.

»Das war eben alles ganz anders damals. Da durfte man eben nicht übern Rasen laufen. Da war immer einer da und pfiff einen zurück. Aber heute&« Paul macht ein mißtrauisches Gesicht. Manchmal haben die alten Damen eben doch ziemlich veraltete Meinungen. »Und wenn der Rummel auf dem Kreuzberg war, das war richtig schön mit Musik und Tanz. Das war alles ganz anders.«

»Ach, so anders war das gar nicht! Wir waren nur jung, das ist der einzige Unterschied!«, sagt Frau Heberlei. Das gefällt Paul schon besser, er fragt: »Haben Sie auch geraucht? Ich mein, wir sind ja heute viel aufgeklärter.«

Also fangen die Damen an, vom Zigarettenhandel zu erzählen, vom Schwarzmarkt in der Schlesischen Straße, bis Paul noch einmal nachhakt: »Haben Sie, oder haben Sie nicht?«  »Na klar ham wa jerocht!«, sagt eine. »Aber heimlich im Dunkeln«, sagt eine andere, und Frau Heberlei ergänzt: »Wir ham alles heimlich im Dunkeln gemacht«, und wieder meint sie etwas, von dem die Jungen nur eine dunkle Ahnung haben.

Clara fragt, ob es damals schon Modenschauen gegeben hätte. Die Frauen erzählen, wie sie alte Kleider aufgetrennt haben und sich dann etwas Neues strickten. »Ich erinnere mich an Eine, die hatte immer einen Mantel an, sogar in der Wohnung. Weil die nicht mal ein Kleid hatte, die lief in der Unterwäsche herum!«

»Und wie war das mit Hitler?«, fragen die Jungen. »Wir ham uns auf die Friedhofsmauer postiert, damit wir was sehen konnten. Wir waren ja klein«, sagt Frau Heberlei. »Ich hab ja erst viel später gemerkt, was das fürn Schwein war«. Die andern Damen hätten auch etwas dazu sagen können. Aber viele Fragen, die die Jungen stellen, bleiben nur unvollständig beantwortet.

Als Frau Mamatis die Frauen zum Schluß um einen Ratschlag für die Kinder bittet, da erinnern die Damen im Freizeithaus die jungen Gäste an Tugenden wie Bescheidenheit. Die Alten, so zeigt sich, halten die Jugend für verwöhnt und unbescheiden. Nur Frau Heberlei bemerkt, daß diese Jungen es heute auch nicht leicht haben. »Bei uns damals gings ja immer nur bergauf«. Heute gehts eher bergab.

Es waren nicht viele Brücken, die an diesem Dienstag geschlagen wurden zwischen den Generationen. Vielleicht klappt es im Mai besser. Dann gibt es Spaghetti mit Tomatensoße. »Die Spaghetti ist ein Symbol«, sagt Isabella Mamatis. Sie meint, daß die bei Jung und Alt so beliebte lange Nudel verbindet. Denn auch die Fremden, die einst aus der Türkei, aus Griechenland oder aus Italien nach Deutschland kamen, hat die Kommunikationsspezialistin im Auge, wenn sie unterschiedliche Menschen an einen Tisch bringen will. Und was, wenn nicht Spaghetti und Pizza, bahnte sich zuerst den Weg in die von Sauerkraut und Eisbein verschlossenen Herzen der Deutschen.

Am 24. Mai werden sie alle dort in der Bergmannstraße sitzen: 500 Kreuzberger sollen es werden an der 200 Meter langen Tafel. Die Liste der Gäste ist handverlesen, zur Seite der Bürgermeisterin wird einer der ältesten Kreuzberger sitzen, 101 Jahre alt. Die Sitzordnung gehört ebenso zur Inszenierung wie die vielen Zettel mit den Geschichten, die von Isabella Mamatis während der vielen Gespräche gesammelt wurden und entlang der Tafel zum Lesen aufgehängt werden.

Dem Zufall hat die Theatermacherin wenig überlassen. Eher den Träumen. Inzwischen nämlich hat Isabella Mamatis eine weitere Vision: Sie träumt davon, daß sich die Tafel eines Tages in die Seitenstraßen ausdehnen, den Kanal überqueren und die Oranienstraße erobern könnte, daß eines Tages an jedem 24. Mai in Berlin tausende von Menschen auf der Straße sitzen und Spaghetti essen. Ja, die Tafel könnte sogar Meere überbrücken und Grenzen überschreiten, sie könnte, wie kürzlich im Abendblatt zu lesen stand, von Berlin ausgehend bis nach Amsterdam und London vordringen, der rote Faden der Spaghetti mit Tomatensoße könnte eines Tages die Welt umrunden. Und zusammenbinden, was zu zerfallen droht. Die Gemeinschaft. Es wäre schön.


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