Kreuzberger Chronik
Mai 2006 - Ausgabe 77

Die Geschichte

Das Zodiak am Halleschen Ufer


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von Detlef Krenz

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Wer nach einem Besuch im HAU2 noch Bier trinken will, findet im Parterre eine ruhige Theaterkneipe. Nur, hier war einmal alles völlig anders. 1968 vermietete die Arbeiterwohlfahrt ein für sie überflüssiges Gebäude am Halleschen Ufer 32. In den ersten Stock zog die damals experimentierfreudige Schaubühne ein, und unten eröffnete eine Kneipe mit Probenraum, dessen triste Wände sehr psychedelisch bemalt wurden. Schnell entwickelte sich das Zodiak zum Treffpunkt von Kreuzberger Künstlern, ihrem »Free Arts Lab«. Beuys-Schüler und Videokünstler Conrad Schnitzler, der Musiker Achim Rodelius und der Maler Boris Schaak zählten zu den tonangebenden Persönlichkeiten jener Tage. Neben ihnen kamen vor allem Freejazzer und Elektronikmusiker der ersten Stunde. Gruppen wie »Tangerine Dream« ,»Agitation Free« oder »Curly Curve« brachten einen Sound in die deutsche Popmusik, der bald unter dem Label »Krautrock« über die Ladentische ging. Etliche Musiker, die im Zodiak spielten, wurden weltbekannt, ihre ersten Veröffentlichungen zählen heute zu den Klassikern der elektronischen Popmusik wie des Freejazz. Wegen seines ungewöhnlichen Programms erweiterte sich der Besucherkreis des Zodiak: Lehrlinge, Rocker, Jungarbeiter neben Leuten, die das Arbeiten aufgegeben hatten, vom Klauen lebten oder anderen Dingen nachgingen. Wie die Anhänger vom »Bund der umherschweifenden Haschrebellen«, zu dem die späteren RAF-Mitglieder Bommie Baumann oder Georg von Rauch und der Peter Lorenz-Entführer Ralf Reinders gehörten. Holger Meins wohnte nur ein paar Minuten weiter in einer Wohnung, in die später die »Ton Steine Scherben« einzogen, von denen einige ebenfalls zu den Stammgästen des Zodiak zählten. Einer der jüngsten Gäste war Burkhard Seiler, der als »Zensor« Ende der siebziger Jahre Konzerte der »Einstürzenden Neubauten« veranstaltete und den ersten Berliner Plattenladen für Punk und New Wave eröffnete. Die Erfahrungen der großen Demonstrationen der Jahre seit 1966 hatten gezeigt, daß der Weg zu tiefgreifenden Reformen sehr lang werden würde. Viel zu lang. Der Weg zu den »künstlichen Paradiesen« lag wesentlich näher. Vor allem im Zodiak, wo im Winter 68/69 die Geburtsstunde der Berliner »scene« schlug. Nicht ohne revolutionären Elan: Wegen zu hoher Preise wurde kurzerhand das Auto eines Dealers vor dem Zodiak abgefackelt. Professionelles Gewerbe und Betrug waren um 69 jedoch noch nicht angesagt. Man wollte sich nicht volldröhnen, sondern das Bewußtsein erweitern, um die Gesellschaft besser zu verstehen. Einer von ihnen war Georg von Rauch. Von anfangs bösen, aber harmlosen Späßen gegen die Autoritäten führte sein Weg in den Dunstkreis der Geheimdienste und ihrer Aktionen. Dieses Abenteuer bezahlte er mit seinem Leben, und die meisten anderen mit ihrer Gesundheit nach durchlittener Isolationshaft. Nach mehreren Drogenrazzien wurde das Zodiak im Sommer `69 geschlossen. In den mittlerweile tiefschwarzen Konzertraum zog die Verwaltung der Theatermanufaktur, und in den Vorderraum das Café Lampenfieber ein, wo über Jahre die Gäste der Theatermanufaktur bewirtet wurden. Nach dem Ende des Zodiak verteilte sich die Szene über Cafés und Kneipen, die Namen trugen wie »Unergründliches Obdach für Reisende«. Die Zeitungen und Illustrierten jener Zeit waren voll mit Horrorberichten über die Wirkung von LSD und Haschisch. Die Praxis widerlegte die Behauptungen, und der Respekt vor den harten Drogen war gering  wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Hunderte Süchtige verreckten später in Parks, auf Abstellplätzen oder Toiletten ...

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