Kreuzberger Chronik
März 2006 - Ausgabe 75

Das Essen

Molly Luft


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von Alwin Singer

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Im ehemaligen Bully, dem heutigen Molly Luft, herrscht gerade dicke Luft. Die Tresenkraft hat gekündigt und 50 Meter weiter angeheuert und fast die gesamten Gäste mitgenommen. Molly Luft, die Chefin und ehemals die »dickste Hure Deutschlands«, hatte vor gut einem Jahr ihre Residenz am Kudamm aufgegeben und sich für den Lebensabend in der Blücherstraße eingerichtet. »Meine Mutter hat schon damals gesagt: Auch wenn sie alles andere nicht mehr können, eines können sie immer noch: trinken! Also mach ne Kneipe auf. Is ne sichere Sache. Muß aber in Kreuzberg sein.«

Und da der Wirt vom Bully gerade seine Kneipe schloß, griff Molly zu. Allerdings hatte ihr niemand verraten, daß auch EckKneipengäste hofiert werden wollen. Und daß die, gerade in Kreuzberg, stockkonservativ sind. Dann kommt da eine vom Kudamm, hängt ihr Bild an die Fassade und schafft Premiere-Sport-Fernsehen an. »Wer braucht det denn?« maulten die Gäste, die schon eine Erhöhung der Bierpreise befürchteten.

Dann folgte Mollys Zeit in der Charité, weil die Wirbelsäule die Fleischeslast nicht mehr ertrug, aber seitdem sie zweimal die Woche KieserTraining macht, gehts wieder. Und dann war da noch der AutoUnfall im September, zwei mal überschlagen, zum Glück ist sie ihr eigener Airbag, sodaß sie buchstäblich mit einem blauen Auge davongekommen ist. So ergab eins das andere, eine Glückssträhne war das nicht.

Aber wenn Molly etwas nicht tut, dann ist das Aufgeben. Das hat sie schon damals nicht getan, als ihr Gatte mit einer Jüngeren eine Kreuzfahrt antreten wollte. Wenn hier eine kreuzfährt, dann bin ich das, sagte sich Frau Molly Luft. Zwei Wochen Karibik. 72Zentimeter Hintern wollen befördert werden, da bleibt nur die Erste Klasse mit einer Sitzbreite von 76; und eine Kabine mit Doppelbett muß es natürlich auch sein. Alles in allem 59.600 DM für zwei Wochen Urlaub. »Da kann ne alte Frau lange für stricken«, entfährt es einem Gast, und Mollys Antwort kommt prompt: »Und ne junge lange für &«. Der Gast macht sich seinen Reim drauf.

Mollys Sprüche sind derb, im Gegensatz zu ihrer sanften, von Lebenserfahrung und Menschenfreundlichkeit geprägten Stimme. Wenn nur ihr ewiges Mißtrauen nicht wäre. »Wenn ich davon überzeugt bin, daß mich jede Tresenkraft bescheißt, dann muß ich eben selber ran«, sagt einer der verbliebenen Stammgäste. Aber auch nur, wenn Molly außer Hörweite ist. Denn Gäste, die ihr nicht passen, kriegen Lokalverbot, egal wie lange sie schon hier ihre Stütze verflüssigt haben.

Aber Molly wird weitermachen, steht jetzt eben häufig selbst hinterm Tresen, mit dem obligatorischen Glas Asti-Spumante in der Hand und der unausgesprochenen Drohung, zu später Stunde die Inhalte ihres Büstenhalters offenzulegen. Und an solchen Abenden wie dem 23. Dezember, wenn Nobby seine CountrySongs in der Blücherstraße spielt, ist der Laden auch wieder proppevoll; und dann störts auch nur bedingt, wenn ein nicht mehr ganz taufrisches Pärchen nach zu viel Bier dann doch noch einen Striptease wagt. Vielleicht wird es seinen Auftritt sogar noch einmal wiederholen, im März vielleicht, wenn Nobby wieder da ist. Weil Molly dann Geburtstag feiert. Den zweiundsechzigsten. Wie heißt doch ihr eingetragenes Markenzeichen: »Molly Luft  Dick im Business.«


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