Kreuzberger Chronik
Juni 2006 - Ausgabe 78

Herr D.

Herr D. betritt den Rasen


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von Hans W. Korfmann

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Könnten Sie noch mal kurz auf Markus aufpassen?«, fragte die Nachbarin aus dem 1. Stock. Sie fragte das öfter, und Herr D. hatte auch schon öfter auf Markus aufgepaßt, wobei er als einziger älterer Herr auf dem

Spielplatz die Blicke all dieser Mütter ertragen mußte, die ihre junge Brut im Falle eines Falles bis aufs Blut zu verteidigen gedachten. Das alles tat Herr D., damit die Nachbarin etwas »einholen« konnte, wie sie immer sagte.

»Aber nur bis Vier!«, antwortete Herr D. »Ich muß nämlich auch noch was einholen, bevor die Läden nachher wieder alle verstopft sind von diesen Herrenhandtascheneinkäufern!«, fügte Herr D. hinterlistig hinzu. »Herrenhandtaschen?« fragte die Nachbarin. »Sixpacks!«, sagte Herr D. und freute sich, allmählich doch noch zu einem echten Berliner zu werden, denn der Berliner hatte ja anläßlich der aktuellen Ereignisse gerade Hochkonjunktur.

Also zogen sie los, Markus und Herr D. Allerdings regnete es noch immer, und während Herr D. mit seiner schütteren Haardecke in Kürze wie ein begossener Pudel dastehen würde, würden die Wassertropfen auf der Haut von Markus augenblicklich verdampfen, wenn dieser starten und dem runden Leder nachlaufen würde, das ihn seit etwa einem Monat auf Schritt und Tritt begleitete. Ebenso wie es die vielen anderen Jungen und Mädchen in ganz Deutschland begleitete, dachte Herr D., den der ganze Trubel nicht ganz unberührt ließ, Jungen und Mädchen, Inländer und Ausländer, jene, die mit Löchern in den Schuhen im Gitterpferch zwischen zwei im Krieg stehengebliebenen Brandmauern Tore schossen, und jene, die mit Stollen unter den Schuhen gepflegten Rasen traten&  Herr D. wurde pathetisch.

Der Sechsjährige trabte also, den Ball locker neben sich herlaufen lassend wie einen Cockerspaniel, erwartungsfroh den Kindern am anderen Ende des nassen Rasens entgegen, als von hinten ein Ball angeschossen kam, knapp an Markus vorbeisauste und Kurs auf ein kleines Kind nahm, das noch etwas unsicher auf seinen krummen Beinchen stand. Augenblicklich ließ Markus seinen Ball im Stich, stürmte dem anderen hinterher, um den scheinbar unvermeidlichen Zusammenprall zwischen Ball und Kind zu vermeiden. Das Geschoß aber flog an dem Kleinkind vorbei. Der zukünftige Stürmer auch. Das Kleinkind aber geriet durch die Turbulenzen ins Stolpern und fiel in eine knöcheltiefe Pfütze. Herr D. wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

Doch wurde ihm schon bald klar, daß es nichts zu lachen gab. Denn im nächsten Moment raste eine runde, in viele Tücher gewickelte Frau schreiend an Herrn D. vorbei auf das Kind in der Pfütze zu. Beim Bremsversuch kam auch sie ins Schlingern, breitete die Arme aus und lag eine halbe Sekunde später in der knietiefen Nachbarpfütze. Hysterisch planschte sie mit den Händen im Wasser herum und schrie: »Er wollte mein Kind töten, er wollte mein Kind töten.«

Innerhalb weniger Sekunden hatte sich eine kleine, aber lautstarke Abordnung von Menschenrechtsvertretern um Herrn D. und die beiden Opfer versammelt, die augenblicklich über Fußballrowdies und Ausländerfeindlichkeit zu diskutieren begann, während Markus mit dem Ball unter dem Arm einen ziemlich betroffenen Eindruck machte und drei schelmisch grinsende Jungen in rotweißen Trikots am äußersten Rand des Diskussionsforums auf die Freigabe des konfiszierten Balles warteten. Am Ende wurde Herr D. nicht gelyncht, aber er kam zu spät zu seinem Supermarkt. Die Bierregale waren bereits alle leergeräumt und die Fußballfans standen in einer langen Schlange an der Kasse. Herr D. aber mußte die ganze Zeit über diesen blödsinnigen Satz nachdenken: »Die Welt zu Gast bei Freunden«.

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