Kreuzberger Chronik
Juli 2006 - Ausgabe 79

Strassen, Häuser, Höfe

Der Marheinekeplatz


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von Werner von Westhafen

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Er schaut brav aus, der Marheinekeplatz mit der Kirche davor, mit der Markthalle und der Post, dem Spielplatz und der ziemlich deutschen Restauration des Gasthauses Friedrich Hertz. Ganz anders als der Moritzplatz etwa, Verkehrsknotenpunkt der Maidemonstrationen, oder als der Mariannenplatz mit dem Mahnmal der angriffsbereiten Feuerwehrmänner mit ihren Wasserschläuchen. Dennoch ist auch der Marheinekeplatz ein Ort des Volkes.

Seine Gestaltung verdankt er einer der seltenen Volksabstimmungen in der deutschen Demokratie, initiiert von einer Koryphäe aus Hausbesetzerzeiten, dem unerschütterlichen Basisdemokraten und einstigen Baustadtrat Orlowsky. Die gleichnamige MarheinekeMarkthalle verdankt ihre Existenz 22 resistenten Markthallenhändlern, die nach der Zerstörung des Bauwerks durch russische Luftangriffe in den Kellerräumen weiterhandelten und in einem jahrelangen Papierkrieg gegen den Berliner Bürgermeister Kressmann für ihren Wiederaufbau kämpften. »Nicht ohne Zähneknirschen« legte Kressmann am 26. Februar 1956 den Grundstein für den Wiederaufbau und versenkte das verschnürte Paket des vierjährigen Papierkrieges gleich mit im Beton. Auch die jüngsten Ereignisse am Platz, die engagierten Aktionen der Kreuzberger zur Rettung ihrer Marheinekehalle, stehen in einer alten Tradition. Doch wer war jener Mann, der dem Platz und der Halle seinen Namen gab? Wer war eigentlich dieser Conrad Philipp Marheineke? >In den meisten Nachschlagewerken erscheint er als Theologe. Geboren am 23. 4. 1780 in Hildesheim, studiert er später in Göttingen vier Jahre lang Theologie und Philosophie. 1803 promoviert der bekennende Protestant, und zwei Jahre später wird er als Professor und 2. Universitätsprediger nach Erlangen berufen. Im Jahre 1811 folgt er einem Ruf an die neugegründete Universität von Berlin, wo er Kirchen und Dogmengeschichte lehrt. 1814 veröffentlicht er die »Aphorismen zur Erneuerung des kirchlichen Lebens im protestantischen Deutschland«, eine Gedankensammlung, die sich mit verständlichen Worten zuerst einmal an die Menschen und weniger an die Akademiker und Studenten richtet. Auch spätere Werke, wie der »Entwurf zur praktischen Theologie« (1837) oder »Die Reformation, dem deutschen Volk erzählt«, wenden sich nicht nur an die Intellektuellen. Wie sehr ihm neben der theologischen Theorie die Praxis am Herzen lag, belegen auch die vielen Predigten, die Marheineke von der Kanzel der Dreifaltigkeitskirche herunter hielt.

Doch war Marheineke mehr als nur ein volksnaher Prediger. Er profilierte sich ebenso als scharfsinniger Wissenschaftler, insbesondere durch seine jahrzehntelange intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Denker Hegel, der am Fuße des Kreuzbergs für den Sommer des Jahres 1831 in einer Villa Quartier genommen hatte. Womöglich besuchte auch er einmal den kleinen Kreis auserlesener Philosophen, den Hegel sein »Kreuzberger Völkchen« nannte und der sich in der Villa zwischen den Gärten und Gartenlauben zum abendlichen Diskutieren und Disputieren traf.

Als sich nach dem frühen Tod des Philosophen die Anhänger Hegels endgültig in zwei Lager spalteten, avancierte der Theologe Marheineke zu einem der Wortführer des gemäßigten Flügels. Die sogenannten Althegelianer lasen in den Schriften Hegels, daß die Menschheit bereits zur »Vernunft« gekommen sei. Die Junghegelianer dagegen, deren Wortführer keine geringeren als die Philosophen Feuerbach und Marx waren, sahen die menschliche Vernunft noch in ferner Zukunft und ahnten in Hegels Philosophie ganz im Gegenteil erst »den Entwurf für eine (...) Befreiung aus der alten Herrschaftsordnung«. Conrad Philipp Marheineke aber war überzeugt, daß die Menschheit längst auf dem rechten Weg war und ließ daran auch in seiner Funktion als einer der Herausgeber der Hegelschen Schriften keinen Zweifel.

Doch hatte Marheineke einen erbitterten Gegenredner: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Auch der hatte sich ausgiebig mit Hegel auseinandergesetzt, war sogar in einen heftigen akademischen Streit mit Hegel selbst geraten, bis die beiden Denker an einem lauen Sommerabend das Kriegsbeil begruben und am Ende sogar Hand in Hand die Rutschbahn des nahegelegenen Tivoli, der späteren Hasenheide, hinunterrutschten.

Dieser Schleiermacher war Marheinekes ewiger Kontrahent. Er war sowohl in der Kanzel des Gotteshauses als auch am Rednerpult der Universität so etwas wie Marheinekes Vorgänger gewesen. Schleiermachers Predigten in der Dreifaltigkeitskirche waren ein gesellschaftliches Ereignis und lockten Hunderte von Berlinern aus der ganzen Stadt an, bis seine Reden endlich als zu revolutionär und weltlich vom christlichen Veranstaltungsplan gestrichen wurden. Auch die Berliner Universität betrat Schleiermacher als erster. Bereits im Jahre 1810 wurde er der erste Dekan der theologischen Fakultät und damit der spätere direkte Vorgesetzte des jungen Marheineke, der erst ein Jahr nach Schleiermacher nach Berlin kam.

Zum offenen Konflikt zwischen den beiden Kirchenvertretern kam es, als Friedrich Wilhelm III. die Union von lutherischer und reformierter Kirche beschloß, diese jedoch unter das Diktat der Politik stellte. Schleiermacher aber bestand darauf, die Kirche  ebenso wie das Bildungs und das Erziehungswesen  »freizuhalten von staatlicher Einmischung und Bevormundung«. Sein »fanatischer Gegenspieler« Marheineke dagegen verteidigte die »absolute Fürstengewalt über die Kirche« und erklärte damit seinem einstigen Vorgesetzten den Krieg. Die Zeiten, als Schleiermacher sich noch bei seinem Kollegen über einen Besuch bei dem Dichter Jean Paul beklagte, der kaum Notiz vom Eintreten des Theologen Schleiermacher genommen hätte, weil er »eigentlich nur Weiber sehen« wolle, waren vorüber.

1834  just in dem Jahr, als Schleiermacher starb  veröffentlichte sein ewiger Gegenspieler einen Text, der von allen anderen Publikationen Marheinekes abweicht, und der in der Bibliographie des Theologen oft fehlt. Es handelt sich um einen Briefroman mit dem Titel »Das Leben im Leichentuch«, eine von vielen Publikationen zum weltbewegenden Thema Kaspar Hauser, einem Jungen, der unter Tieren aufgewachsen war und keine menschliche Sprache kannte. Womöglich wäre dieser Roman Öl auf die Flammen des alten Zwistes gewesen, denn auch Schleiermacher hatte sich bereits als Literat zu Wort gemeldet. Womöglich aber hätte dieser Roman auch den alten Streit endlich geschlichtet.

So aber dauerte es noch zwölf Jahre, bis sie einander annäherten. 1846 starb auch Marheineke, und sein Grab ist nicht weit von der Markthalle entfernt, die heute seinen Namen trägt: Er ruht auf dem St. Dreifaltigkeitsfriedhof in der Bergmannstraße, ganz in der Nähe von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher.


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