Kreuzberger Chronik
Juli 2006 - Ausgabe 79

Kreuzberger
Helmut Hahne

Es kann so still sein in der Stadt


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Michael Hughes

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Es gibt sie immer wieder, diese Momente, da wird es plötzlich leiser im Raum. Der Zufall möchte es, daß alle, die da an den Tischen des Le Couchon Bourgeois sitzen und mit den Gläsern anstoßen, dem Geschirr klimpern und sich unterhalten, daß plötzlich alle gleichzeitig ihren Gedanken zu Ende gebracht haben oder den Teller beiseite schieben oder sich still verliebt in die Augen blicken, so daß man nur noch die Pianistin am Klavier hört. Und dann lacht er. Lacht so laut, daß sich alle nach ihm umdrehen und daß der Mann am Tresen ganz hinten die Hand aufs Herz legt und sagt: »Jetzt hast du mich aber wieder erschreckt, Helmut!«; und ihm noch ein Glas vom guten Bordeaux an den Tisch bringt. Jeder, der den Wirt der Enoteca Bacco bei der Markthalle kennt, kennt auch dieses laute Lachen. Es ist ein unbändiges, unaufhaltbares Lachen, immer wieder bahnt es sich seinen Weg durch die täglichen, kleinlichen Nachdenklichkeiten, bricht durch den grauen Berliner Alltag und klingt ein bißchen nach Süden, nach Italien, nach dem lauten Leben auf der Straße in diesem warmen Land, das der Wirt der Enoteca so liebt. Dem Land, in dem niemand sich umdreht, wenn der Wirt laut lacht. In dem auch der Wirt gern ein gutes Glas Wein trinkt. Weil dort alle wissen, daß »das Leben zu kurz ist, um schlechten Wein zu trinken.«

Seines wäre beinahe äußerst kurz geraten. »Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein!«, sagt Helmut Hahne und läßt die Faust auf den Tisch fallen, um diesen Paukenschlag zu simulieren, der gleich am Anfang seiner Biographie steht. Es sei sehr kalt gewesen, wie ihm später die Mutter erzählte, an diesem Sonntag, an diesem 3. Januar 1954 in Achtum, so kalt, daß Eisblumen am Fenster wuchsen und daß man den Atem sah in diesem kleinen Zimmer des Schmieds. Das Kind war gerade geboren, die Mutter war glücklich, alles hinter sich zu haben, und die Hebamme wartete ungeduldig auf die Nachgeburt, um endlich ihr Köfferchen packen und die Heimreise antreten zu können. Da kam nach dem Mädchen plötzlich dieser Junge zur Welt. Ein starker Junge, ein Kämpfer, einer, der sich nicht so einfach beiseite schieben ließ. Und damit man ihn in Zukunft nicht mehr übersah, brüllte er gleich los. So laut, daß sich alle nach ihm umdrehten.

So kennt man ihn bis heute. Laut und deutlich. Wenn jemand in die Enoteca kommt und eine Cola bestellt, sagt er: »Hier kommt keine Cola rein, keine Marlboro und auch kein amerikanischer Präsident.« Und wenn einer hereinkommt und sagt, daß das Wetter schlecht ist, dann sagt er: »Das ist die Rechnung für den Irakkrieg und die amerikanische Umweltpolitik!« Und wenn einer kommt und eine schiefe Bemerkung über seine bezaubernde Bedienung macht, die nicht aus Achtum oder Frankfurt oder Bielefeld, sondern aus der Mongolei kommt, oder aus der Türkei oder aus Trinidad, dann stellt er seine »85 Kilo aktives Lebendgewicht« vor den Gast und sagt unmißverständlich: »Raus! Sofort!« So laut, daß die Gäste eine Gänsehaut bekommen.

Aber er kann auch leise sein, dieser Helmut Hahne. So leise, daß es fast schon niemand mehr hört. Man muß genau aufpassen, was er sagt, wenn zum Beispiel die Kinder von der Straße hereinkommen, Abdullah zum Beispiel, und wenn er sich dann zu ihm herunterbeugt. Dann spürt man, daß dieser Helmut Hahne nicht nur der kräftige Sohn des Schmieds ist, der sich durchzuschlagen weiß, sondern daß er einmal nach Berlin gekommen ist, um Sozialpädagogik zu studieren, daß er mit drogenabhängigen Jugendlichen gearbeitet hat, in der Jugendstrafvollzugsanstalt in Hameln seine Ausbildung gemacht hat, wo sie plötzlich Henry hereinführen, Henry Haamann, mit dem er schon im Sandkasten gespielt hatte. »Was machst denn du hier!«, rief der Student Hahne, der in diesem Moment wieder einmal ahnte, wie zufällig der Mensch auf die Seite der Gewinner oder der Verlierer geraten konnte. Drei Jahre hatte Henry bekommen, und draußen wartete seine Frau, schwanger, und als das Kind geboren wurde, übernahm Hahne die Rolle des Taufpaten und konnte mit Henry zur Taufe fahren, »ganz ohne Begleitschutz!«

Es sind solche Erlebnisse, es ist die Erfahrung von Ungerechtigkeit, von Schicksal, von Zufall, die ihn manchmal laut, die ihn aber auch leise werden läßt: «Kommt!«, sagt er zu den Kindern, nimmt sie an der Hand und führt sie an einen Tisch. »Aber leise sein, hört ihr!« Und dann spendiert er ihnen einen Kuchen, einen Kakao, einen Saft. Nicht jeden Tag, nur dann, wenn er Zeit hat. Das wissen die Kinder. Wenn es voll ist, kommen sie gar nicht erst herein. Kürzlich besuchten ihn auch deren Eltern einmal, um sich zu bedanken bei diesem Mann, der die Kinder nicht gleich wieder hinauswarf. Und der ihnen dabei ein bißchen das Gefühl gab, daß Deutschland vielleicht doch nicht so viel anders ist als andere Länder.

Langsam füllen sich die Fenster wieder / weht ein Hauch von Orient durch die Straßen / vermischt sich die laue Frühlingsluft / mit dem erfrischenden Lachen / bunt gekleideter Kinder ...

So beginnt eines seiner Gedichte, »Frühling in Kreuzberg«. Denn Helmut Hahne hat immer einen Stift in der Tasche, immer ein Blatt Papier. Für den Fall, daß er es laut nicht sagen kann. Dann nämlich beginnt er zu schreiben. «Gegendichte« hieß ein Gedichtband, den er 1980 veröffentlichte. Im Alleingang. Den Druck bezahlte er aus eigener Tasche. Dabei hatte er eigentlich schon einen Verlag gefunden. Aber wenige Tage vor der Drucklegung erkannte die CoAutorin, daß dieser Gedichtband in Frauenläden keinen Platz finden würde. Die Zeit der Emanzipation war angebrochen, eine strenge Zeit. Dabei hatten sie nächtelang über den Berliner Dächern gesessen, Texte gesammelt, darüber diskutiert, sich gut verstanden. »Mann, ich fahre in 48 Stunden nach Nepal!«, rief Helmut. Er wurde laut, dann wieder leise, und dann zog er sich in sein Zimmer unter dem Dach in der Mariannenstraße zurück, um den ganzen Gedichtband neu zu ordnen. Er saß die ganze Nacht und schrieb sechs neue Gedichte, trug alles in die Druckerei in der Oranienstraße und legte 400 Mark auf den Tisch. Und saß ein paar Stunden später im Flugzeug. Nach Kalkutta. Neben Gernot, dem alten Studienfreund. Und in Kalkutta »starben die Menschen auf der Straße, da kamst du morgens an einem Bettler vorbei, der noch die Hände aufhielt, und am Nachmittag hatte er schon für immer die Augen geschlossen.«

Doch sie blieben. Und fuhren weiter. Denn Helmut wollte den Himalaya besteigen. Der Mont Blanc war gerade in Mode gekommen, aber Helmut sagte: »Der höchste Berg Europas interessiert mich nicht!« Drei Monate lang hatten sie trainiert, auf dem Teufelsberg, mit gerade mal 70 Metern ziemlich winzig neben den Achttausendern, aber sie »sind täglich rauf und runter«, und sie waren Athleten, Helmut hatte schon mit Olympioniken trainiert, er lief und schwamm und schmettert noch heute Badmintonbälle so schnell durch die Sporthallen, daß es pfeift, und er schreit dabei so laut, daß »Weicheier für immer den Platz verlassen.«

So kamen sie nach Katmandu, und Katmandu war ein Traum, »ein wirkliches Märchen«. Sie überquerten den Thorong La ohne Karte im Gepäck und auf einem kaum bekannten Weg, sie stiegen bis auf 5.438 Meter und schlugen ihr Zelt im Schnee auf, der laut Reiseführer im Oktober gar nicht hätte liegen dürfen, und die Nacht war so schwarz wie eine Nacht nur sein kann. In der Nähe der tibetischen Grenze kehrten sie in einer Teestube ein, und während sie auf der Strohmatte in der Lehmhütte saßen und den dampfenden Sud schlürften, hörten sie von hinten aus der Hütte das Stöhnen. Als sie ins Halbdunkel traten, »flog ein Schwarm von Fliegen aus der offenen Wunde« des Mannes, der für schlecht zahlende Touristen schweres Gepäck barfuß über den Paß getragen hatte. Bis er dann in die Scherben einer Colaflasche trat. »Wir haben ihn verarztet, so gut wir konnten, haben die Wunde desinfiziert, aber ich hab fast gekotzt dabei.« Dann sind sie weitergezogen, einen ganzen Tag

Foto: Privat
lang, sie wollten Hilfe holen. Aber das Zelt mit dem Roten Kreuz war vom Wind zerfleddert und menschenleer. »Ich weiß nicht, ob ers überlebt hat«, sagt Hahne, »aber Nepal war für mich spielentscheidend!«

Noch heute wird er laut, wenn er von den Glasscherben erzählt. Aber auch diese leisen »99 Gedichte auf Reispapier« erzählen vom Konflikt zwischen unberührter Landschaft und den Eindringlingen des 20. Jahrhunderts: Weißt du nicht / wieviel Träger / Lasten getragen / durch Flüsse, Schluchten, über Berge / abgestürzt, erfroren und / mit nackten Füßen / die Wege immer noch gehen / ohne zu fragen. Und wieder zurück in Berlin schreibt er: »Dann setze ich mich an meine fünfzigtastige Waffe / und lasse sie an meinem Visier vorüberziehen/ die Friedensdemagogen / die folternden Menschenrechtler / die strahlenden Energiemanager / die Nahrungsmittelspekulanten / Ich habe mein Magazin leergeschossen / Aber Worte töten nicht &

Es ist ein unruhiges, ein kämpferisches Leben, das Leben des Helmut Hahne, »aber es ist schön so.« Es war ein Abenteuer vom ersten Tag an. Auch später, als sie in diesem winzigen Achtum mit seinen 350 Einwohnern eine WG gründeten und die Schule besetzten, oder in Berlin, als sie im Kampf um Wohnungen mit Werner Orlowsky die leerstehenden Häuser stürmten und ihr »Klo blau anmalten und dachten, das wäre schon das Paradies«, war das Leben immer spannend geblieben. Aber in all diesen wilden, lauten Jahren gab es nur wenige Inseln der Ruhe. Auch wenn er irgendwann in der Zossener Straße einen Feinkostladen eröffnete und Käse verkaufte. Wirkliche Ruhe, wirkliche Klarheit fand er meist nur in seinen Texten.

Bis dann dieser Nachmittag auf dem Wannsee kam. Da erwischte ihn eine richtige Flaute. Sie waren zum Segeln hinausgefahren, ein Freund und zwei Freundinnen. Aber es wehte kein Lüftchen und sie dümpelten so dahin auf dem Berliner Haussee, »während die andern mit ihren 120 PSYachten an uns vorbeirauschten«. Da packte Helmut in aller Ruhe sein Picknickpaket und drei Flaschen Bordeaux aus und sagte: »Wir machen jetzt erst mal Brotzeit«. Und da sah Beate das erste Mal zu ihm herüber. Seitdem hat Helmut einen kleinen, ruhigen Winkel gefunden in seinem Leben. Ein Zuhause.

Seinen Stift hat er trotzdem nicht aus der Hand gelegt, noch heute hat er immer ein paar Zettel mit Skizzen in der Tasche. Und als kürzlich einer seiner alten Freunde sich beklagte, daß die Arbeit immer mehr wurde und das Geld immer weniger, daß die Parties langweilig wurden, die Musik immer schlechter und die deutschen Texte sowieso, da sagte Helmut, daß er seit über dreißig Jahren Texte schreibe, und zog einen seiner Zettel hervor. Als er drei Gedichte gelesen hatte, wurde sein Gesprächspartner nachdenklich. Noch in der gleichen Nacht begann der Musiker damit, Hahnes Texte zu vertonen. Und einige Wochen später stand Helmut Hahne das erste Mal im Tonstudio.

Jetzt begleiten ein Saxophon, eine Flöte, ein Piano seine Worte. Manchmal hört es sich an wie Kinsky, und manchmal wie Tom Waits. Und manchmal ein bißchen wie dieser Wirt von der Enoteca, der immer so laut lacht. Seine Worte haben jetzt einen Rhythmus gefunden, einen Ton, ein Gewicht. Sie werden getragen von einer Stimme, einer ruhigen, einer leisen manchmal, aber einer unnachgiebigen, unaufhaltsamen Stimme. Einer Stimme, die einem keinen Weg läßt, keine andere Wahl, als zuzuhören  egal, ob sie nun laut lacht oder leise weint. Es kann / so / still / sein / in der Stadt / die Stadt schläft / nie / Es kann / so / laut / sein / in der Stadt / wenn sie schläft / und die Menschen / reden &


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