Kreuzberger Chronik
Juli 2006 - Ausgabe 79

Essen, Trinken, Rauchen

Essen am Marheinekeplatz


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von Lutz Ballwahn

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Sag, mußten wir uns ausgerechnet hier treffen?«

»Aber wir haben uns doch schon öfter hier getroffen!« »Ja, wenn man draußen sitzen kann. Aber im Sommer bekommt man hier doch keinen Platz mehr. Und drinnen dampft das Fett.«

Ein Blind Date ist das nicht. Auch kein heimliches Treffen von zwei frischgebackenen Ehebrechern. Wahrscheinlich handelt es sich um einen nun schon sechs Jahre andauernden Seitensprung, bei dem die Hauptakteure den Absprung verpaßt haben. Wenn es sich nicht gar um das Ehepaar selbst handelt, das da am Tisch des zentralsten Speiselokals von ganz Kreuzberg sitzt, dem Gasthaus Friedrich Hertz, gleich hinter der Markthalle. Mit Ausblick auf die Wasserspiele des Marheinekeplatzes.

»Hier gibts doch nichts als Fleisch. Wiener Schnitzel, Zigeunerschnitzel, Grillteller ... und alles kostet 6 Euro. Das kann doch nichts sein ...«

Die Kellnerin kommt vorbei, bleibt stehen, schaut über den Tisch hinweg aus dem Fenster, zückt den Block und den Bleistift und fragt, ob man sich vielleicht schon einig sei. Sie wartet auf eine Antwort und schaut dabei weiter aus dem Fenster. Das alte Paar weiß nicht so recht, ob sie nun eigentlich mit ihnen spricht oder mit jemandem, der womöglich irgendwo draußen hinter diesem Fenster steht.

»Also noch nicht!«, beschließt die Kellnerin. »Gleich«, stottert der Gast. »Gleich«, wiederholt die Kellnerin und steckt den Block in die Tasche. »Und unfreundlich sind sie auch!«, sagt die Frau. »Na, was verlangst Du denn für 6 Euro?«, sagt da der Mann, der jetzt

langsam in Fahrt kommt. Aber dann wird er schon wieder leiser. »Was glaubst Du, was die hier verdient, wenn die Schnitzel 6 Euro kosten. Da muß man sich eben entscheiden, ob man beim Essen ständig freundlich angelächelt werden möchte und 20 Euro dafür zahlt oder ob man für 6 Euro in aller Ruhe ein ordentliches Schnitzel essen möchte.«

»Ich will überhaupt kein Schnitzel. Ich will Salat!« »Warum sind wir dann hier?« »Das weiß ich doch nicht. Du wolltest unbedingt hierher!« In diesem Moment startet die Kellnerin den zweiten Versuch: »Na, haben die Herrschaften es sich überlegt?« Die Frau mit dem Block in der Hand schaut aus dem Fenster. »Nein, noch nicht. Aber Sie können mir ein Bier bringen!« »Und für Sie?« »Nichts«, sagt die Ehefrau oder Ehebrecherin. Da steigt ihrem Ehebrecher oder Ehemann die Schamröte ins Gesicht. Er sagt: »Bringen Sie ihr einen Salat!« »Einen Salat? Wieso denn einen Salat? Der ist bestimmt voller Mayonnaise.« »Die Herrschaften können es sich ja noch überlegen«, meint die Kellnerin und verschwindet wieder.

Eine Viertelstunde später läuft sie noch einmal an ihrem Tisch vorbei, aber sie verlangsamt ihre Schritte kaum noch und geht schnell weiter, ohne auch nur einen einzigen Blick aus dem Fenster zu werfen.

Eine halbe Stunde später ist das Paar noch immer unglücklich vereint. Vielleicht sitzt es zum letzten Mal zusammen an einem gemeinsamen Tisch an diesem frühen Nachmittag im Gasthaus Friedrich Hertz. Vielleicht liegt es daran, daß es so dunkel ist, daß es nach Fett riecht, daß die Kellnerin nicht lächelt. An den Tischen ringsum aber sind die Leute glücklich. Sie essen und trinken und freuen sich über die humanen Preise im rauen HartzIVZeitalter, und es stört sie kein Fett, kein Rauch, kein Spielautomat. Und auch keine aus dem Fenster blickende Kellnerin. Als das unglückliche Paar aufsteht, werfen sie beide noch einen verstohlenen Blick aus dem Fenster. Aber da war wirklich nichts.


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