Kreuzberger Chronik
Februar 2006 - Ausgabe 74

Luft und Kerr

StageDiven


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von Michaela Kerr

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Nicht daß Sie meinen, es läge hier eine historische Anspielung auf die legendären Kritiker Friedrich Luft und Alfred Kerr vor. Nein, es gibt sie wirklich: Frau Michaela Luft und Herrn Michael Kerr, die, wenn sie im Theater sitzen, stets unzertrennlich sind. Ansonsten haben sie nicht so viel gemeinsam, aber ins Theater gehen sie beide gern. Was läge also näher, als das Pärchen für die Kreuzberger Chronik in die dunklen Räume des Kulturbetriebs zu schicken, damit sie sich für wenige Stunden im Abglanz des Scheinwerferlichts sonnen dürfen. Wenn schon sonst im Berliner Winter die Sonne selten wärmt ...

Und bei den StageDiven im BKA am Mehringdamm wurde den beiden nun tatsächlich warm, wenn nicht gar ein bißchen heiß. Jeden letzten Sonntag im Monat tritt eine explosive Mischung aus weiblichen Profis und Newcomern im Scheinbar Variété in Schöneberg auf. Und jeden zweiten Donnerstag im Monat bevölkert die weibliche Crème de la Crème aus StandUpComedy, Chanson, Tanz, Artistik und Improvisationstheater die Bühne des BKA.

Luft & Kerr klemmten sich ihr Weinglas zwischen die Schenkel, um noch eine Hand für die Chipstüte frei zu haben, die sie mit den Zähnen aufrissen. Dann lehnten sie sich entspannt in die Bestuhlung zurück und überließen der Pantomimin Bartuschka, die durch die Show führte, die Einführung in den Abend. Das breite Lächeln des weiblichen Clowns hatte sich schnell in ihre Herzen geschlichen, der Zungenschlag tat ein übriges: ein leises, urigostiges Idiom, das die geborene Slowakin mit der Muttermilch eingesogen zu haben schien. Und schon paradieren sie eine nach der anderen über die Bühne: Vera Deckers aus Köln, die
sich  als ausgebildete Psychologin  über Luder und Affären ausläßt, die schöne Jewels mit ihrer sensationellen Entfesselungsnummer, die romantische Dota mit ihrer Bossa NovaGitarre, die süßen Sunshine Sisters mit ihrer Jonglage und ein Gaststar aus der Ukraine, der ganz außerordentlich gekonnt mit HulaReifen hantiert.

Kerr lachte donnernd und Luft gluckste glücklich, als Bridge Markland Michael Jackson auflegen ließ (auf den Plattenteller) und sich auf die Tour durch den Dark Room des BKA machte. Da packt ihn ja naturgemäß die Erregung, den Zuschauer. Ha, hoffentlich setzt sie sich mir auch auf den Schoß! Wenn sich die Diva an den Tischen vorbeischlängelt, bleibt kein Auge trocken. Und tatsächlich, am Ende ihrer Runde, landete sie tatsächlich quer auf den Beinen von Luft & Kerr. Manche setzen sich absichtlich bei den StageDiven in die erste Reihe, um in jedem Fall drangenommen zu werden oder gar das Zuschauerprotokoll führen zu dürfen, das dann im Internet unter www.stagediven.de zu lesen steht. Streber!

Luft & Kerr sind da zurückhaltender. Na ja, sie konnten gar nicht anders, da der strenge Platzanweiser sie mit ihren Freikarten auf die hinteren Ränge verwiesen hatte. Woher sollte er auch wissen, daß er es mit Luft & Kerr zu tun hatte. Zudem war das Kritikerpärchen vorgewarnt worden: Setzt Euch ja nicht in die erste Reihe, dann müßt Ihr auf die Bühne! Und das ist ja wahrlich das Schlimmste, was sich ein Kritiker vorstellen kann. Also bleibt er schön im Dunkeln, wie eine Schnecke im Schneckenhaus, und streckt nur ein bißchen seine Fühler aus. Gerade so viel, daß er reportieren kann, was an jenem Abend los war.

Also, Luft & Kerr haben sich gut eingeführt ins Kritikergeschäft: Dies ist eine der oft zu lesenden anbiederndschmierigen, enthusiasmierten Hymnen. Widerlich, aber sie sind eben unwiderstehlich: die StageDiven. Luft & Kerr, unser Kritikerpärchen, hat sie gesehen und empfiehlt rückhaltlos: Die Best of StageDivenShow im BKA.

Michaela Kerr

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