Kreuzberger Chronik
Februar 2006 - Ausgabe 74

Die Geschäfte

Die Axt an der Wand


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von Martin Blath

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Die Geschichte von Roy Katzur und Alexis Zweifler beschreibt zwar nicht einen Werdegang vom Tellerwäscher zum Millionär, aber immerhin den Weg von einem Kreuzberger Hinterhof zum Charlottenburger Stilwerk. Dort haben die beiden Möbeltischler im Herbst dieses Jahres ihren dritten Laden eröffnet. Die beiden anderen Geschäfte befinden sich in der Kollwitzstraße 100 d in der Bergmannstraße 25, gegenüber der Markthalle. In keinem der drei Läden werden handgefertigte Tische, Stühle oder Schränke verkauft, sondern vorwiegend handgefertigte Messer, Scheren, Äxte und Beile.

Doch der Reihe nach. In einer 32 Quadratmeter großen Doppelgarage in der Möckernstraße 67 fingen Katzur und Zweifler 1996 ganz bescheiden an: mit luftgetrockneten Möbelbauhölzern und ein paar japanischen Sägen, Stecheisen und Messern. Trotz der nicht gerade exponierten Lage entwickelte sich der Handel mit dem Tischlerbedarf bald im Sinne der Gründer. »Trotzdem mußten wir uns anfangs auch noch mit unserer eigenen Tischlerei über Wasser halten«, berichtet Roy Katzur. Das sollte sich jedoch mit der Eröffnung des ersten »richtigen« Ladenlokals 1997 in der Kollwitzstraße ändern. Dort lag der Schwerpunkt zunächst noch auf speziellen Werkzeugen für die Holzbearbeitung, bevor das Sortiment schrittweise um ebenso hochwertige wie schöne Küchen, Taschen und Rasiermesser (um nur einige Beispiele zu nennen) ergänzt wurde.

»Den Gewinn haben wir natürlich nicht in die eigene Tasche gesteckt, sondern investiert«, betont Katzur. Dank der Befolgung dieses kaufmännischen Grundsatzes konnten er und Alexis Zweifler 1997 dann die zweite HolzapfelDependance in der Bergmannstraße eröffnen  dort, wo die großen, martialisch anmutenden Holzsägen im Schaufenster oft auf fragende Blicke der Passanten treffen. »Diese japanischen Sägen sind weltweit die besten, dazu gibt es keine Konkurrenz«, beteuert Roy Katzur. Für die beiden Tischlermeister ist Konkurrenz ebenfalls kein Thema, was bei ihrem Spezialsortiment von rund 3.000 Artikeln rund ums Schneiden, Sägen und Hobeln nicht verwundert.

Foto: Michael Hughes
Entsprechend bunt ist die Kundschaft zusammengesetzt: Tischler, Zimmerleute, Gärtner, Musikinstrumentenbauer und Köche gehören ebenso dazu wie Fleischer, Schuster, Buchbinder oder Friseure. Der Anteil an Kunden, die sich in den HolzapfelLäden für den privaten Bedarf eindecken, ist dabei keinesfalls zu vernachlässigen. So schlägt das Herz des Hobbykochs gewiß einige Takte schneller, wenn er eines der handgeschmiedeten Küchenmesser aus Japan in die Hand nimmt, das zwar mindestens 40 Euro kostet, ihn bei guter Pflege aber auch ein Leben lang begleitet. Nach oben hin scheinen den Preisen schier keine Grenzen gesetzt, wenn man Katzurs und Zweiflers bestes Stück betrachtet: ein vom japanischen Meister selbst hergestelltes Exemplar mit einer ganz besonderen Maserung, Ebenholzgriff und Hornzwinge, das mit 850 Euro zu Buche schlägt.

Wie weit verbreitet die deutsche Sammelleidenschaft ist (und was so alles gesammelt wird), läßt sich bei Holzapfel ebenfalls in Erfahrung bringen. Daß jemand bei außergewöhnlich schönen Taschen und Rasiermessern in Verzückung gerät, mag ja noch nachvollziehbar sein. Aber bei Äxten und Beilen? »Doch, doch«, versichert Katzur, »auch dafür gibt es Sammler, die sich mit dem gesamten Programm unseres schwedischen Herstellers die Wände schmücken.« Meistens handelt es sich dabei (natürlich) um männliche Sammler, die mit verklärten Gesichtern vor den begehrenswerten Objekten stehen  und von der begleitenden Frau oder Freundin vor allzu ausufernden Investitionen in ihre Leidenschaft bewahrt werden. Diese vorbeugenden Maßnahmen greifen jedoch nicht in jedem Fall, wie die HolzapfelInhaber immer wieder feststellen können: »So mancher kommt irgendwann zurück  und zwar ohne weibliche Begleitung.« Von Scherensammlern erzählt Katzur nichts, aber die wären in der Bergmannstraße auch an der richtigen Adresse: Bonsai, Ikebana und Rosenscheren liegen neben Ingwerreiben, die dem Hobbykoch das Leben beim aufwendigen Zerkleinern des Gewürzes erheblich leichter machen.

Leichter ist das Leben auch, wenn die teuren Werkzeuge sorgsam behandelt und gepflegt werden. So gilt etwa für die edlen handgeschmiedeten Küchenmesser der Grundsatz, sie auf der richtigen Unterlage zu benutzen und nach dem Gebrauch nicht achtlos zu anderen Gegenständen in die Schublade zu legen oder in einen herkömmlichen Messerblock zu stecken, weil das auf Kosten der Klingenschärfe geht. »Die Klinge wird nicht durchs Schneiden stumpf, sondern durch die Anwendung und Lagerung des Messers«, erklärt Roy Katzur. Stumpfe Klingen können sich die HolzapfelKunden entweder in der Bergmannstraße wieder fitmachen lassen, oder sie schreiten selbst zur Tat  aber bitte nicht mit einem normalen Wetzstein. Denn zu diesem Zwecke hält der Kreuzberger Messerspezialist einen japanischen Wasserstein zum Preis von rund 30 Euro bereit, dessen Gefüge aus Natursteinen und Schleifpartikeln dem guten Stück schonend seine Schärfe zurückgibt.

In Zeiten der »Geizistgeil«Mentalität bildet der Laden von Roy Katzur und Alexis Zweifler einen wohltuenden Zufluchtsort. Die Tischlermeister haben etwas gegen Massenabfertigung und geben jedem Kunden die Beratung und Zeit, die er braucht, bis er sich entschieden hat. Das kann schon mal eine Weile dauern  vor allem dann, wenn sie mit interessanten Hintergrundgeschichten aus ihrem Fach aufwarten, von Besuchen bei japanischen Meisterschmieden erzählen oder einfach aus dem Werkzeugkästchen plaudern. Dann kann es auch passieren, daß ein Verkaufsgespräch beim aktuellen Weltgeschehen, in philosophischen Ausführungen oder bei den zu hohen Steuern landet.

Ein noch schöneres Gefühl, als die Bergmannstraße 25 gut informiert und mit einem Messer für 100 Euro zu verlassen, behauptet Katzur, ist das, sich selbst eines geschmiedet zu haben: »In unserer von Industrieprodukten geprägten Welt ist ein handgeschmiedetes Messer ein faszinierender, archaisch anmutender Gegenstand, der immer mehr Liebhaber und Sammler findet.« Viele dieser Liebhaber und Sammler besuchen einen der jeden Monat an zwei Tagen stattfindenden Messerherstellungs und Schmiedekurse, die Holzapfel in Zusammenarbeit mit der Firma Stahlwerk anbietet. Zum Preis von 200 Euro lernen die Teilnehmer unter fachkundiger Anleitung des Schmieds Thomas Huber, der sein Handwerk seit 20 Jahren beherrscht, wie ein einfaches, robustes Messer aus Ganzstahl entsteht.

Beim Holzapfel handelt es sich übrigens um eine uralte, eigentümliche Apfelsorte mit kleinen Früchten, die besonders widerstandsfähig und deshalb nicht kleinzukriegen ist. Das paßt zu Roy Katzur und Alexis Zweifler und zu ihrem Weg von einem Kreuzberger Hinterhof bis ins Charlottenburger Stilwerk.


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