Kreuzberger Chronik
April 2006 - Ausgabe 76

Kreuzberger
Nils Plogstedt

In der Tischlerei, das war mir zu viereckig


linie

von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Michael Hughes

1pixgif
Man könnte fragen, was zuerst war: Musik oder Instrument. Aber natürlich war zuerst die Musik. Freunde von Nils Plogstedt erzählen, daß er manchmal im Gespräch plötzlich die Hand hebt und sagt: »Hört ihr das?« Denn da sind plötzlich Töne, die sich zusammenfügen und zu klingen beginnen. Es muß kein süßes Amselgezwitscher sein, nicht das romantische Rascheln der Blätter in Baumwipfeln, auch nicht das Säuseln des Windes, es kann ein Klopfen, ein Rhythmus, eine Vibration sein  und schon beginnt Musik.

Der Sackpfeifenspieler aber sagt, daß weder die Musik, noch das Instrument zuerst da war. Bei ihm hielten sie sich immer die Waage, die Liebe zur Musik und die Lust am Instrumentenbau. Schon der Schulcomputer, in den die Schulabgänger Angaben zu ihren Berufswünschen und Hobbys eingeben sollten, prophezeite dem jungen Mann den Beruf des Geigenbauers. Denn Nils, ein Kind des Ikeazeitalters, wollte mit Holz arbeiten, andererseits keine Schwerarbeit leisten. Weshalb er die Tischlerlehre auch eines Tages wieder abbrach. »In der Tischlerei, das war mir alles zu viereckig!«

Jetzt spielt und baut er Dudelsäcke. Was nicht jeder versteht. Sein Bruder zum Beispiel, Mitbegründer der Rote Gourmet Fraktion, der seit 1993 die erfolgreichen deutschen Rock oder Punk oder sonst irgendwelche Bands auf ihren Tourneen bekocht, hat für dudelnde Säcke wenig Verständnis. Er hat, so weit sich Nils erinnern kann, auch nie etwas anderes im Leben gewollt als eben zu kochen. Schon die Eltern waren froh, daß wenigstens einer der Sprößlinge »einen soliden Beruf erlernen, und nicht Schauspieler, Tänzer oder Springreiter werden wollte«, wie Ole wahrheitsgetreu in den etwas verfrühten Memoiren der alternativen Kochfirma schreibt. Mit dem »jüngeren Bruder«, so der Koch, »hatten sie weniger Glück: Er baute sich mittelalterliche Instrumente, knotete sich Glöckchen an die Narrenschuhe und startete eine Karriere als Feuerspucker und Minnesänger auf MittelalterMärkten und Gauklertreffen.«

Mit Minnegesang freilich hat Nils Plogstedt nichts zu tun, und auch Feuer hat der Dudelsackspieler nie gespien. »Ich brauche meine Lungen noch!« Allerdings jonglierte er mit Fackeln, bis er eines Tages selbst Feuer fing. Man erstickte die Flammen unter Säcken, und Nils Plogstedt stand wieder auf, nahm seinen Dudelsack und spielte. Erst danach brach er zusammen. Und lag mit schweren Verbrennungen eine Woche auf der Intensivstation. Er hatte nicht den Helden spielen wollen, obwohl Helden gut ins Mittelalter passen. Aber er wollte einfach nur weitermachen. Zu Ende spielen. Er ist ein leidenschaftlicher Dudelsackspieler. Wenn er das Mundstück ansetzt und Luft in den Sack pumpt, wenn plötzlich diese lauten, langgestreckten Fanfaren erklingen, dann betritt er eine andere Welt. Dann tritt er eine Zeitreise an. Zurück ins Mittelalter.

Mit Leib und Seele. Und dann kann er schon mal vergessen, daß es erst sechs Uhr morgens und in der Bergmannstraße ist. Weshalb ihm dann die Nachbarn später auf die Schulter klopfen und sagen: »Also, lieber Nils, du spielst ja wirklich ganz schön, aber ... das war nun doch ein bißchen früh heute morgen.« Andere halten den dudelnden Musiker schlichtweg für verrückt. Aber das ging schließlich vielen Künstlern im Mittelalter so.

Dabei ist Nils Plogstedt eigentlich ein rücksichtsvoller, vorsichtiger,
feinfühliger Mensch. Er hat sich sogar einen Proberaum eingerichtet.
Ganz hinten in diesem Zweizimmerschlauch im Erdgeschoß im Hinterhof, unter dem Hochbett. Da ist alles dick isoliert, und da brennen im Winter die Scheinwerfer so hell, daß es warm und gemütlich ist, auch wenn der Winter wieder einmal viel zu lange dauert und alle Kohlen längst verglüht sind.

Foto: Privat
In seiner Nische unter dem Hochbett stehen ein mächtiges Tonband, ein Verstärker, ein Computer, ein Keyboard, zwei EGitarren, ein Schlagzeug, eine selbstgebaute Trommel, ein Aschenbecher voller Zigarillostummel, Pfeifen und Flöten und einige andere, schwer identifizierbare Musikinstrumente, sowie diverseste Bauteile zukünftiger Geräuscherzeuger. Bereits fertig ist die sogenannte »Gampengitarrole mit Mandolinenbespannung und Zisternstimmung« , also AEAE. Den alten Korpus hat er auf dem Flohmarkt erstanden, für 10 Mark damals. Eigentlich verehrt er Ginger Baker und Hendrix, und nicht ganz zufällig nennt sich die vierköpfige Formation mit dem Dudelsackspieler Plogstedt Varios Coloribus Experience. »Der Dudelsack war so was wie die EGitarre des Mittelalters, nichts war so laut wie diese Sackpfeifen!« Aber insgeheim mochte er immer auch diese leisen Töne einer akustischen Gitarre.

»Ich habe ja, schon bevor ich zum Mittelalter kam, mittelalterliche Lieder komponiert. Immer auf der akustischen Gitarre.« Das Mittelalter war ihm bestimmt. Oder er dem Mittelalter. Nils Plogstedt stand in dem Plattenladen in Neukölln, damals noch dem Jazz und Rock verpflichtet, und suchte eine Scheibe des Bassisten Stanley Clarke. Und wieder einmal sagte der Typ im Plattenladen, er sei schon dabei, die für ihn zu kopieren. Dieser Typ habe hellseherische Fähigkeiten gehabt, mehrmals habe Nils erlebt, wie der die Platte für seine Kunden schon in der Hand hielt, wenn die gerade erst zur Tür hereinkamen. Und dieser Musikhändler war es auch, der eines Tages zu ihm sagte: »Hör dir das mal an!« Und das war Alan Stivell. Der Mann mit der Harfe und dem Dudelsack. Der Mann, der die bretonische Musik in die Charts brachte.

1995 kaufte sich Nils den ersten Dudelsack bei Tir Na Noc in der WillibaldAlexisStraße. Inzwischen sind es zehn oder fünfzehn Säcke geworden, der Ire, der Ungar, der Bulgare, der Italiener, der Schotte &, eine multikulturelle Dudelsackgesellschaft. Daneben existieren so skurrile Eigenbauten wie der »Dödelsack« mit dem gewaltigen Phallus, der im Kitkatclub sein Debüt hatte, oder der Schlangensack, der eigentlich eher als ein Kunstwerk zu bezeichnen wäre denn als ein Musikinstrument. Ebenso wie die »Expopfeife«, eine Schalmai mit zwei Pfeifen, die wie langgestreckte Beine in einem weiblich geschwungenen, hölzernen Po enden, »dem Po meiner Ex«.

Nicht immer sind alle Pfeifen einsetzbar. Manche steckten schon jahrelang in keinem Sack mehr. In der Küche, die sich an einer winzigen Anrichte in Form eines etwa 40 mal 40 cm großen Brettes mit Kaffeemaschine, Messer und Brotkorb auf dem Kühlschrank identifizieren läßt, stehen auf dem Sofa, in den Ecken, auf dem Schrank und auf dem Boden unzählige Pfeifen und Flöten, Holzstücke zum Trocknen und Teile verschiedener Zupf und Streichinstrumente. Auf dem Küchentisch unter der tiefhängenden Lampe herrscht ein kreatives Chaos, da stapelt sich Kleines und Kleinstes übereinander, da stehen und liegen unzählige Feuerzeuge, zwei Zigarrenschachteln voll mit Zigarillos, silberne Armreifen aus Marokko, zwei Telefone, eine Schere  »aber in der Regel weiß ich, wo ich was abgelegt habe, und finde die Sachen auch meistens gleich wieder« & eine Familienpackung mit Pflaster, ein Stecheisen, Unmengen an Stiften, ein Spitzer, ein Messer, Glocken und Schellen, Telefonrechnungen, eine Dose Kunstharz, Schraubenzieher, Landkarten, Handschuhe, Flöten, Schrauben, ein Bohrer und ein Zettel mit den Terminen der nächsten Konzerte: Dresden, Leipzig, Frankreich, Polen, Tschechien...

Foto: Privat
Denn bald geht Varios Coloribus Experience wieder auf Reisen, zwischen Ostern und Halloween hat das Mittelalter Hochsaison. Aber noch ist es März, kalt und lichtlos im Erdgeschoß des Kreuzberger Hinterhofes, finster blickt die teuflischrote, hölzerne Maske von der Wand. Sie heißt »Hieronymus«, weil sie wie eines der Gesichter von Hieronymus Bosch statt einer Nase eine langgestreckte Schalmei in der Mitte hat. Manchmal, auf Burgfesten und Gauklermärkten, stülpt Nils den Hieronymus über und bläst auf seiner Nase.

Im Winter, sagt Nils, verbringt er die meiste Zeit im Proberaum, schon wegen der Wärme. Am kältesten ist es in der Werkstatt, dem zweiten Zimmer, das einer Tischlerei ähnelt, in der sich die Hölzer stapeln, in der die Drehbank steht, die Werkzeuge in einer undurchschaubaren Ordnung umherliegen, »aber in der Regel weiß ich, wo ich was abgelegt habe.« Im Sommer dann sitzt er oft vor der Tür in der Sonne. Und schnitzt an einem Stück Holz herum, einem Stück Kirsche oder Holunder oder auch Tanne, oder an einer Pfeffermühle oder einer alten Tralje, die aus einem Treppengeländer gefallen ist, und die Nils zum Klingen bringen will. Mit Hilfe eines ledernen Sackes, der Luft durchs Holz preßt.

Wer die Sackpfeife spielt, muß ein geschicktes Händchen haben. Nicht nur, um Töne herauszubringen. Ein Dudelsack braucht seinen Handwerker. Denn einen Dudelsack, den kauft man nicht einfach, stellt ihn ins Regal und holt ihn zum Spielen wieder heraus. Ein Dudelsack ist ein ständiges Provisorium, an ihm gibt es immer etwas zu machen. Die Nähte am Sack müssen erneuert werden, die Ventile im Anblasrohr, über das die Luft in den Sack geblasen wird, müssen fehlerfrei funktionieren. Die Rohrblätter in den Spielpfeifen müssen schwingen, und auch die Bindung der großen Bordunpfeifen, mit denen die Bläser den typischen anhaltenden, dunklen Grundton erzeugen, muß absolut dicht sein. Sonst bläst sich der Spieler die Lunge aus dem Leib.

Und das tut Nils Plogstedt ja ohnehin schon. Nils Plogstedt alias Silvana Sackwahn. Wenn er mit vier, fünf anderen blasenden Freunden auf der Bühne steht und in der Zeit zurückreist. Mittwochs im Arcanoa zum Beispiel, dieser Legende einer Kreuzberger Kneipe, diesem sagenumwobenen, mittelalterlichen Keller mit den Metbechern und Kettenhemdträgern und Spinnen an den Wänden und den bleichen Gesichtern am Tresen. Dann spielen sie bis morgens um vier. Während der Ofen bollert und den Männern in ihrer Kaninchenfellkleidung der Schweiß läuft.

Das Mittelalter war seine Bestimmung. So wie es die Bestimmung des Bruders war, einmal Künstlerkoch zu werden. Weil eines Tages, als er durch Spanien trampte, die Nina HagenCrew vorbeikam und ihn mitnahm. Und er der Tochter einen Salat anrichten durfte. So stand eben auch Nils Plogstedt eines Tages in dem Plattenladen in Neukölln. Und dieser Hellseher legte Alan Stivell auf. Anstatt Stanley Clarke.

Hans W. Korfmann

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg