Kreuzberger Chronik
April 2006 - Ausgabe 76

Essen, Trinken, Rauchen

Der andere Kebab


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von Michael Unfried

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Der Geruch der Bratwurst wehte einem schon auf der Treppe zum UBahnhof Mehringdamm entgegen, und das erste, was der Untergrundfahrer erblickte, wenn er ans Licht kam, das waren die Fähnchen der Würstchenbude mit den Fotografien von Pommes mit Ketchup. Sie lag strategisch ausgesprochen günstig, direkt gegenüber dem Waschsalon, in dem man garantiert immer Hunger bekommt, und auch nicht weit entfernt vom Kreuzberger
Finanzamt mit seinen Hundertschaften von Bürohengsten und stuten.

Und dennoch führte diese Würstchenbude am Ausgang des UBahnhofs eine der traurigsten Würstchenbudenexistenzen von ganz Berlin. Nur selten gesellte sich ein Kunde zum Würstchenverkäufer, meistens stand er dort ganz allein, und die Würste schrumpelten langsam vor sich hin, auf ganz, ganz kleiner Flamme. Nur wenige Meter weiter jedoch standen die Leute in der Schlange, nur wegen einer Tüte Pommes,
wegen einer »Curry mit oder ohne«, und sogar der Regierende Bürgermeister von Berlin wurde spätnachts mit einer krummen Roten in der Hand am Stehtisch von Berlins berühmtester Würstchenbude gesehen: bei Curry 36.

Es war hoffnungslos, es kam nicht einmal dann jemand auf die Idee, bei der naheliegenden Konkurrenz eine Wurst zu kaufen, wenn die Schlange von der Curry 36 bis vor dessen Bude reichte, und man dem zu Tode betrübten Würstchenverkäufer quasi Aug in Aug gegenüberstand. Es war dramatisch, das Schicksal des Wurstverkäufers gegenüber vom Waschsalon war besiegelt, die einzige Alternative zu Curry 36 im Umkreis von mehreren hundert Metern mußte schließen.

Jetzt gibt es dort keine Wiener, Knacker, Brat oder Currywürste
mehr, sondern eine echte Alternative zur Wurst. Tatsächlich nämlich essen gar nicht alle Deutschen immer nur Wurst. Und während aus den Lautsprechern zur Unterhaltung des neuen Imbißverkäufers und seiner Kunden gerade die neuesten Nachrichten von Geflügelnotschlachtungen verbreitet werden, schnippelt der Dönerverkäufer schon wieder großzügig Fleisch vom gigantischen Hühnerspieß. Und weil Gemüse gesund ist, gibt es Hähnchendöner mit Gemüse für 2,50 und, der Mode letzter Schrei, sogar einen rein vegetarischen Kebab für 2 Euro.

Was Berlins größte Boulevardzeitung euphorisch als »die Weiterentwicklung des Döner« beschrieb. Das alternative Gericht besteht aus frischen Paprikaschoten, frischen Möhren, frischem Kraut und anderem frischen Gemüse, das auf dem heißen Blech unter dem Drehspieß kurz erhitzt und dann mit etwas Soße in das Klappbrot gekippt wird. Wem das im Hähnchenfett Gebratene noch zu fleischlich schmeckt, der kann sich das Gemüse auch in der Friteuse erhitzen lassen, weshalb das Gemüse dann nicht mehr nach Hähnchen, dafür aber ein bißchen nach Pommes schmeckt. Doch schließlich sind auch Pommes vegetarisch.

Die Pommes bei Mustafa sind im Vergleich zu denen bei Curry 36 mit einem glatten Euro sogar günstig, allerdings reicht man weder Majo noch Ketchup. Sie sind ja allerdings auch nicht so kross, daß sie eine Soße zum Einweichen bräuchten. Sie sind, ganz im Gegenteil, vom Bad im Fett manchmal richtig schlapp und müde, doch verbirgt sich unter der weichen Hülle hin und wieder dann doch noch ein knackiger Kern. Die Kreuzberger mögen es ja schließlich »al dente«, weshalb sich Mustafas Gemüsekebab bereits eines regen Besuches und einiger treuer Stammkunden erfreuen kann. Der Gemüsekebab wird das Rennen machen. Da könnte sich die Curry 36 noch umgucken!

Obwohl ja auch die Hähnchendöner der neuen Konkurrenz wirklich
groß sind und jeden Hunger stillen könnten. Wenn nur nicht immer das Radio dazwischenquatschen würde.

Michael Unfried


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