Kreuzberger Chronik
Oktober 2005 - Ausgabe 71

Das Essen

In der Gartendisko


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von Michael Unfried

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Es ist so ein goldener Oktobernachmittag, auf dem Sportplatz nebenan spielen Halbprofis um Punkte, andererseits grölen Kinder auf Schaukeln, Rutschen und Klettergerüsten, und irgendwo im Gebüsch geht es zum Hintereingang des gut versteckten Gartenlokals, das eigentlich gar nicht mehr geöffnet haben sollte im Oktober. Es sei denn, es ist eben so ein warmer Sonntagnachmittag, dann kann es schon einmal passieren, daß auf dem Dach des Golgatha die Hollywoodschaukeln wieder zurechtgerückt werden, in denen sich die Sonne so wunderbar einfangen läßt. Und in denen dann die Liebespärchen in der Sonne schaukeln und Händchen halten. Oder Bier trinken. Manchmal auch viel Bier. »Wieso heißt das hier eigentlich Golgatha?« »Weeß ick doch nich. Wegen dem Kreuz wahrscheinlich« »Wasn fürm Kreuz?« »Na, dem Kreuz vom Kreuzberg, du Dickschädel. Oder glaubste, der heißt einfach nur so Kreuzberg. Da steht doch n Kreuz drauf, dahinten irgendwo ...« »Wieso sollte man ein Sportlerheim Golgatha nennen?« »Wieso Sportlerheim. Das hier ist ne Disko.« »Ne, das war mal so ne Sportlergaststätte, wo die nach dem Sport ihr Bier tranken, das sieht man doch, daß das dazugehört. Aber irgendwie ist das hier eben so ein sonniger Platz, daß sich die Leute fragten, wieso hier eigentlich nur Sportler hindürfen. Ist doch klar, oder?«

»Alles Spekulation. Ich weiß, daß das hier ne Disko ist. Nachts suchen die Mädels hier immer den Eingang und finden ihn nich. Und drinne die tanzen vorm Spiegel. Damits aussieht, als wären es doppelt so viele. Und die Typen stehen an der Bar und sehn zu ...«

»Quatsch, da unten wird doch Bratwurst gegrillt und Steaks und so was, da gibts Brezel und Kuchen, das ist doch keine Disko. Das ist n Gartenlokal, das sieht man doch. Guck Dir doch mal die Liegestühle an, die Sonnenschirme, die Holztische ... Sieht so etwa ne Disko aus? Und was sollte so ne Disko auch hier drinne im Grünen, das wär ja pervers geradezu. Und was die fürn Lärm machen würden. Überleg doch mal!«

»Ach, Lärm, der stört doch hier niemanden. Da wohnt ja niemand in der Nähe. Ist doch optimal. Und in den Bäumen dahinten können sie knutschen. Oder aufm Spielplatz. Alles ganz optimal ...«

»Oder aufm Sportplatz.  Wieso kommt hier eigentlich keiner?« »Na, weil das eben eine Disko ist und kein Gartenlokal. Ist doch klar. Hier ist Selbstbedienung. Getränke gibts an der Bar, du Dickschädel ...« »Ich verdurste gleich. Die Sonne hat 100 Grad hier oben. Hier könnte man zur Mumie schrumpeln, wenn man keine Flüssigkeit nachfüllt.« Da kommt ein junger Mann mit rasselndem Schlüsselbund und sam

melt die leeren Flaschen von den Tischen. »Ein Bier noch bitte!« Doch der junge Mann hört schlecht. »Wegen der vielen Diskomucke wahrscheinlich, du Dickschädel« »Quatsch, das is n Gartenlokal! Und sag nicht immer Dickschädel.« »Sagen Sie, wieso heißt das hier eigentlich Golgatha?« »Golgatha, das kommt aus der Bibel.« »Des hab ich mir schon gedacht. Und was heißt das nun?« »Schädelstätte!«


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