Kreuzberger Chronik
Oktober 2005 - Ausgabe 71

Die Geschäfte

Geht nicht, gibts nicht


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von Martin Blath

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Geht nicht, gibts nicht«. Wenn dieser Slogan auf ein Berliner Geschäft zutrifft, dann auf Paint your Style! in der Bleibtreustraße  und seit Juli auch in der Bergmannstraße. »Geht nicht« gibts deshalb nicht, weil die Kunden selbst entscheiden, was alles geht. Und das ist unvorstellbar viel und funktioniert so: Man betritt den Laden, sucht sich unter den rund 200 vorgebrannten Keramikrohlingen ein Stück aus, um es dann vor Ort nach eigenen Vorstellungen zu bemalen. Zwei bis drei Tage später kommt das selbstgestylte Werk aus dem Brennofen und kann abgeholt werden.

Die Idee, ein solches Geschäft in Berlin zu betreiben, brachte die Inhaberin Sandra Grygier vor acht Jahren aus San Francisco mit. In die »Stadt der Blumenkinder« der sechziger Jahre hatte es sie nach Abitur und kaufmännischer Ausbildung verschlagen, um Sprachen zu studieren. Blumenkinder waren nicht mehr anzutreffen, aber eine Reihe von Läden, in denen man keramische Gebrauchsgegenstände nach eigenem Gusto verzieren konnte. Zurück in ihrer Heimat Berlin arbeitete Grygier in mehreren Firmen, fand aber nicht das, was zu ihr paßte. Also packte sie den Stier bei den Hörnern und eröffnete 1997 am Savignyplatz Paint your Style!.

Foto: Michael Hughes
»Das Interesse war von Anfang an groß, weil die Berliner damit überhaupt nichts anzufangen wußten«, erzählt Sandra Grygier, die sich das entsprechende Fachwissen durch Schulungen und Seminare aneignete. Die Neugier des Laufpublikums in der Charlottenburger 1-A-Lage zahlte sich schnell aus: »Viele kamen nach dem Schauen innerhalb kurzer Zeit zurück, um das auszuprobieren.« In Kreuzberg war es nicht anders. Hier wie dort können die Kunden zum Ausprobieren ihrer kreativen Fertigkeiten unter 50 Farben wählen, mit denen sie Tassen, Tellern, Türschildern, Teekannen oder dem Sparschwein »Piggy Bank« ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken.

Deutschland, so Grygier, ist für die Branche noch ein Entwicklungsland. »Wenn Sie zum Beispiel in Kalifornien oder in New York Urlaub machen, sehen Sie fast an jeder Ecke so einen Laden.« Vorreiter in Europa sind Holland, Österreich und England, wo bereits eine große Kette die Insel mit Geschäften überzieht. Sandra Grygier leistet diesem Trend nun auch in Deutschland Vorschub, indem sie eine Art Franchise-System anbietet: »Wir schulen Menschen, die so einen Laden eröffnen möchten; sie bekommen das gesamte Know-how und können auf Wunsch auch unseren Namen übernehmen.«
Viele Neugierige mißtrauen ihren kreativen Fertigkeiten und glauben, kein Talent fürs Malen zu besitzen. Doch Sandra Grygier kann Hemmungen dieser Art zerstreuen: »Wir haben eine große Auswahl an Malhilfen, wie Schablonen, Keramikpauspapier oder Vorlagenbücher. Außerdem kann man alles mit dem Bleistift vorzeichnen und so lange wieder wegradieren, bis es einem gefällt.« Und schließlich geht es ja auch nicht ums Zurschaustellen seiner künstlerischen Ader, sondern um Individualität. »Und oft entstehen aus den einfachsten und leichtesten Mustern die schönsten Motive«, verspricht die 38-jährige Unternehmerin.

Für den eigenen Gebrauch malen die wenigsten. Die meisten sind auf der Suche nach einem originellen Geschenk. Nun stehen sie vor den Regalen und haben die Qual der Wahl unter 200 aus Italien stammenden Rohlingen. Der am meisten gefragte Artikel, ein klassischer Kaffeepott im zeitlosen Design, kostet neun Euro. Teller im Frühstücksformat gibts ab zehn Euro, und der schwungvolle Wasserkrug schlägt mit 45,90 Euro zu Buche. Paint Your Stile! lockt Menschen aller Altersgruppen an. Einige von ihnen haben erst wenige Wochen zuvor das Licht der Welt erblickt  und hinterlassen, tatkräftig unterstützt von Mama oder Papa, einen farbigen Fußabdruck auf einem Keramikteller. Aller Anfang ist offensichtlich doch nicht so schwer, wie der Volksmund glauben machen will. Ohne fachkundige Anleitung greifen bereits zweijährige Kinder zum Pinsel oder setzen die Finger als Malwerkzeug ein. An manchen Tagen tritt der Nachwuchs gleich in Gruppenstärke auf  wenn etwa der Kindergeburtstag nicht bei Mc Donalds, sondern zwischen Müslischalen, Eisbechern und »Lazy Dino« über die Bühne geht. Voll wirds zudem, wenn ganze Schulklassen oder Kindergartengruppen das Geschäft entern.

»Wir organisieren alles, was die Kunden möchten«, sagt Grygier. Zum Beispiel eine Geburtstagsparty der besonderen Art für den Liebsten, der davon nichts ahnte und unter einem Vorwand in die Bergmannstraße gelockt wurde. Dort fiel ihm fast die Kinnlade runter: Seine ganzen Freunde hatten sich im Paint your Style! versammelt, um ihm ein Sushi-Geschirr zu bemalen. »Der Mann war hin und weg.« In der Bleibtreustraße, wo zudem Töpfer- und Modellierkurse im Programm sind, gehören Weihnachtsfeiern für Firmen oder Vereine ebenfalls zum Angebot. Ist halt mal was anderes und gewiß origineller als das übliche Essen mit anschließender Tombola und Geschenken, die bestenfalls auf dem Flohmarkt landen. Selten endet eines der liebevoll verzierten Keramikstücke mal im Mülleimer. Das passiert dann, wenn es während des Brennvorgangs kaputtgegangen ist. In diesem Fall gibts Ersatz und zum Trost ein zweites Teil kostenlos dazu.

Auf Wunsch machen Sandra Grygier und ihr Team aus Töpfern und Porzellanmalerinnen auch Hausbesuche und reisen mit Sack und Pack beim Kunden an  wie kürzlich zur Feier einer Bank mit 200 Mitarbeitern. Seine Kreativität vor Zeugen unter Beweis zu stellen, ist nicht jedermanns Sache. Deshalb besteht auch die Möglichkeit, Rohlinge, Farben und Pinsel zu kaufen, die Stücke ungestört in den eigenen vier Wänden zu dekorieren und sie zum Brennen zurückzubringen. Und wer sich das Pinselschwingen überhaupt nicht zutraut und trotzdem ein spezielles Design auf dem Rohling sehen möchte, gibt das für 15 Euro pro Stunde in Auftrag.

Es ist Abend geworden in der Bergmannstraße. Ein ruhiger Abend, denn nun schlägt die Stunde der erwachsenen Maler, die ausprobieren möchten, was alles geht. Ein Kunde trifft eine sehr ausgefallene, individuelle und politisch klare Entscheidung: In einer jungfräulich weißen Kloschüssel entsteht unverkennbar das Konterfei eines weltweit bekannten amerikanischen Politikers. Geht nicht, gibts eben nicht.


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