Kreuzberger Chronik
November 2005 - Ausgabe 72

Essen, Trinken, Rauchen

Im Casolare


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von Benno Eisenmann

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Sie ist schlank und blond und trägt die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre vorteilhafte äußere Erscheinung verschafft ihr ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Sie könnte eine Ärztin aus dem nahegelegenen »Urban« sein, wenn sie nicht so jung wäre. Doch wahrscheinlich studiert sie noch und wartet gerade auf ihren ersten richtigen Freund.

Als der Kellner kommt, die weiße Papiertischdecke über den Tisch streicht, schüttelt sie nur den Pferdeschwanz. Der Kellner ist ein echter, schlanker, schwarzhaariger Italiener in schwarzem Hemd, der meistens Italienisch spricht und auch keinen großen Wert auf Konversationen mit deutschen Backfischen legt. Wortlos schlendert er zum nächsten Tisch weiter, ein Handtuch lässig über den Arm geworfen, als müsse er in Kürze einen riesigen Braten aus dem Ofen ziehen.

Auch seine Kolleginnen, die sich zwischen den vollen Tischen durchschlängeln, sind echte, schlanke Italienerinnen mit stolzen Blicken und stolzen Sitten. Alles im Casolare ist sehr italienisch, die einfachen Tische, die Anrichte, auf der das Brot geschnitten wird, der Fernseher  vor allem bei Länderspielen mit italienischer Beteiligung , die dünnen Pizzafladen, die dampfenden Nudelteller, der billige Wein, der duftende Espresso und vor allem die Geräuschkulisse der vielen essenden, trinkenden und in allen möglichen Sprachen erzählenden Gäste. Es ist nur merkwürdig, daß draußen auf dem Landwehrkanal keine venezianischen Gondeln vorbeigleiten. Nur die von Gästen oder Künstlern mit Sprüchen oder Zeichnungen dekorierten Wände erinnern daran, daß man noch in Kreuzberg ist.

Die junge Frau mit dem Pferdeschwanz und den Reiterstiefeln sitzt noch immer allein am Tisch. Der Kellner geht jedesmal noch ein bißchen lässiger an ihr vorüber und würdigt die Reiterin keines Blickes. Schon zweimal hat sie jetzt den Finger gehoben, aber der Kellner sieht erhobene Zeigefinger nicht. Er wartet darauf, daß die Reiterin das Wort an ihn richtet. Aber das tut die Reiterin nicht. Sie hebt auch den Finger nicht mehr, die stolze Reiterin, bis endlich der junge Mann hereinkommt, auf den sie gewartet hat. Ihr erster Freund. Wahrscheinlich ein Pferdeknecht.

Jetzt beachtet der Kellner sie erst recht nicht mehr. Als wäre der Pferdeknecht ein Nebenbuhler. »Können wir die Karte mal haben?«, ruft der Knecht. Der Kellner reicht wortlos zwei Kartons hinüber. Der Pferdeschwanz verschwindet hinter der Karte. Dann plötzlich taucht er wieder auf und macht ein Gesicht, als wolle man ihm gegrillte Engerlinge oder Seegurkensalat vorsetzen.

»Schau mal hier!«, sagt sie, »schau mal!«

Sie deutet mit ihrem langgestreckten Zeigefinger auf eine Zeile in der schier unendlich langen Liste der Pizzen. Der Knecht sucht nun auf seiner Karte die Stelle, auf der ihr Zeigefinger auf ihrer Karte gerade ein Loch zu bohren droht. »Das darf doch nicht wahr sein!«, ruft sie, »Hier gibt es Pizza mit Pferdefleisch!« Der Knecht schaut sich besorgt um, doch der Ausruf des Entsetzens wird in der Wirtschaft gar nicht registriert, die Gäste sind zu sehr mit Essen und Trinken und lautem Erzählen beschäftigt.

Nur der Kellner steht plötzlich neben ihr und ruft in die Küche hinüber: »Einmal Pizza mit Pferdefleisch!«

»Niemals!«

»Aber ich habe es doch genau gehört!«, sagt der Kellner.

»Ich reite auf Pferden, aber ich esse keine!«

»Sie reiten?  Ach, wunderbar!«, heuchelt der Kellner. Und da passiert plötzlich doch noch etwas Außergewöhnliches: Die blonde Reiterin lächelt, ihre Augen haben plötzlich einen seltsamen Glanz. Und der Pferdeknecht sieht aus, als gäbe es neben all den Pferden noch einen anderen Nebenbuhler.


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