Kreuzberger Chronik
Mai 2005 - Ausgabe 67

Strassen, Häuser, Höfe

Die Schönleinstraße


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von Werner von Westhafen

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Ganz am Anfang hieß sie schlicht und prosaisch: Nummer 4; Abt. II des Bebauungsplanes. Gemeint war der Bebauungsplan des großen sumpfigen Feldes im Süden Berlins vom berühmtesten Stadtplaner Peter Joseph Lenné. Doch schon am 22. September 1872 hieß das Sträßchen Schönleinstraße. Damit ist sie eine jener Kreuzberger Straßen, deren Name Preußen, den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überlebt hat.

Demzufolge kann es sich bei Johann Lukas Schönlein nicht um eine jener politischen Zeiterscheinungen handeln, nach denen so viele unserer Straßen benannt wurden, sondern um einen, dessen Wirken bis zum heutigen Tage noch spürbar ist. Tatsächlich handelt es sich bei Schönlein um jenen Mann, der den Verursacher des sogenannten »Erbgrinds«  einer lästigen und weitverbreiteten Hautkrankheit  ausfindig machte. Der kleine Schimmelpilz trägt seitdem den schönen Namen »Achorion Schönleinii«, wird aber wegen des beinahe unaussprechlichen doppelten Vokals am Ende des Wortes gern auch »Schönleins trichophyton« genannt.

Die Entdeckung des Mediziners Schönlein war, auch wenn ihr Name nicht eben bedeutungsschwanger klingt, nicht unbedeutend; weder für die Wissenschaft, noch für das kränkelnde Volk des 19. Jahrhunderts. Denn zum ersten Mal konnte mit dem »Achorion Schönleinii« ein Kleinstlebewesen als Erreger einer menschlichen Krankheit nachgewiesen werden. Nicht verwunderlich also, daß der inzwischen mit 5.200 Euro dotierte Johann-Lukas-Schönlein-Preis in diesem Jahr bereits zum 16. Mal vergeben wird, und daß der Zeitgenosse Robert Remak sich beeilte, den »Achorion Schönleinii« noch zu Lebzeiten Schönleins nach seinem Entdecker zu benennen.

Schönlein selbst wurde 1793 noch als Johann Schönlein, Sohn des Bamberger Seilers Thomas Schönlein, geboren. Erst später setzte man den »Lukas« dazwischen. Die Mutter soll es gewesen sein, die den Johann Lukas auf das Gymnasium in Bamberg schickte und aus der Seilerwerkstatt des Vaters fernhielt. 1803 fiel das Fürstentum Bamberg an Bayern, viele der Lehrer und Professoren verließen die Stadt und gingen nach Landshut. Die Mediziner aber blieben des großen Hospitals wegen, das es in Bamberg gab.

Doch der junge Schönlein interessierte sich nicht für Medizin. Die Naturwissenschaften hatten es ihm angetan. Physik, Chemie und Biologie schickten sich gerade an, die Welt vollkommen neu zu erklären. Also ging Schönlein als Achtzehnjähriger nach Landshut, um sich mit den Naturwissenschaften und der Philosophie zu beschäftigen. Doch 1816 reicht er in Würzburg eine Doktorarbeit mit dem Titel »Von der Hirnmetamorphose« ein. Es ist mit 140 Seiten das mit Abstand längste Schriftstück Schönleins, der zeit seines Lebens nur noch zwei weitere Schriften offiziell veröffentlicht hat, von denen die eine zweiseitig und die andere einseitig ist. Seine Studenten waren es, die seine Vorträge niederschrieben und publizierten. Schönlein war kein Mann für den Schreibtisch.

Darüber hinaus pflegte Schönlein seine Vorlesungen nicht, wie sonst an den Universitäten üblich, in lateinischer Sprache abzuhalten; er bediente sich der Sprache des Volkes. Dennoch hat der scheinbar wenig wortgewandte Mediziner außer dem Schönleinii noch weitere Begriffe in die Welt der Medizin gesetzt, die bis heute Bestand haben. Zum einen trägt eine Blutfleckenkrankheit den Namen »Schoenlein-Henochsche Purpura«, zum anderen war er es, der die Bluterkrankheit als »Hämophilie« bezeichnet, und 1830 erstmals den Begriff der »Tuberkulose« verwendet hat.

So machte sich Schönlein durchaus auch als Theoretiker einen Namen, doch seiner Zeit voraus war er vor allem auf handwerklichem Gebiet. Er war zwar nicht der einzige Mediziner, der mit dem Mikroskop arbeitete, aber er war der einzige, der es in der Praxis und bei der Diagnose anwandte. Er war nicht der erste, der chemische Untersuchungen des Blutes und des Urins durchführte, aber die meisten taten es zu Forschungszwecken. Er war auch nicht der erste, der es wagte, seine Studenten an die Betten der Kranken zu führen. Aber Schönlein war, egal was er tat, immer unter den Pionieren.

Schönlein, dieser Arzt, der eigentlich Naturwissenschaftler hatte werden wollen, führte neue, naturwissenschaftliche Methoden in die Medizin ein. Bis heute klopfen Ärzte unseren Körper mit zwei Fingern ab, lauschen mit dem Stethoskop in unsere Lungenflügel. Der Mann, der damit begann, war kein anderer als Johann Lukas Schönlein. Sein berühmtester Schüler, der Pathologe Rudolf Virchow, betonte in seiner Gedächtnisrede auf Schönlein: »Keiner & hat Schönlein das Verdienst bestritten, daß er zuerst die Methode der deutschen Klinik festgestellt habe.« Und bei der Verleihung des Johann-Lukas-Schönlein-Preises heißt es, man erinnere an einen »großen deutschen Kliniker, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Umbruch von der natur-philosophisch orientierten zur modernen naturwissenschaftlichen Medizin maßgeblich beteiligt war.« Schönlein gilt als der Gründer der »Naturhistorischen Schule« der Heilkunde.

Johann Lukas Schönlein, der nicht Seiler werden wollte, sondern Naturwissenschaftler, der nach Indien fahren wollte, anstatt zu studieren, ein Akademiker des 19. Jahrhunderts, der die lateinische Sprache verabscheute, war ein eigensinniger Mensch ohne Sinn für Kompromisse. Er tat nur, was er für richtig hielt. Als man ihn 1832 seiner freiheitlichen Überzeugungen und politischen Reden wegen von Würzburg nach Passau strafversetzen will, scheidet er entrüstet aus dem bayrischen Staatsdienst aus und geht nach Zürich. 1840 kehrt er nach Deutschland zurück. Er folgt dem Ruf an die Berliner Charité, wo er bis 1859 lehrt und schließlich zum Leibarzt des Königs Friedrich Wilhelm IV. wird. Schönlein macht zeitlebens nicht viel Aufhebens um seine Position und beruft sich nur selten auf sie. Er versteht es, sich anders durchzusetzen. Als eines Tages die Gemahlin des schwer erkrankten Friedrich Wilhelm, der von Schönlein und dem Geheimen Sanitätsrat Doktor Weiß betreut wird, einen gewissen Doktor Nix aus München zu Rate ziehen möchte, erhebt Schönlein Einspruch. Man könne die für die Öffentlichkeit bestimmten Bulletins doch nicht mit »Schönlein, Weiß, Nix« unterzeichnen.

Die Medizin bedeutete Schönlein viel, aber nicht alles. Als Schönleins Sohn Philip auf einer Expedition in Afrika ums Leben kommt, legt der Vater kurzentschlossen seine Ämter nieder und kehrt in seine Heimatstadt nach Bamberg zurück, wo er 1864 stirbt. Die Heimatstadt ehrt den treuen Sohn seitdem mit Ausstellungen und dem zentralen Schönleinplatz. Nur acht Jahre nach seinem Tod benannte man auch in Kreuzberg eine Straße nach ihm.


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