Kreuzberger Chronik
März 2005 - Ausgabe 65

Die Reportage

Couch oder Coach?


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von Martin Blath

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Geht es wieder mal um einen schnellebigen Trend auf dem stark expandierenden Psychomarkt, den eigentlich niemand braucht – der aber die Kassen einer cleveren Spezies klingeln läßt? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Für die einen ist Coaching Hokuspokus und Beutelschneiderei. Für die anderen ein ernstzunehmendes Instrument, mit dem sich schwierige Fragen beantworten und kritische Situationen meistern lassen. Den Nährboden für Diskussionen dieser Art liefert nicht zuletzt der schwammige Begriff selbst, weil er Spekulationen Tür und Tor öffnet. Sportler und Manager lassen sich coachen – aber zunehmend auch »Menschen wie du und ich«. Aber was macht ein Coach eigentlich? »Er unterstützt Menschen bei der Persönlichkeitsbildung, meist in Verbindung mit beruflichen Themen. Hierzu stellt er Gewohnheiten, Sichtweisen, Lebenseinstellung und bestehende Strukturen in Frage, um Veränderungen zu ermöglichen«, sagt Guntram Platter. Der 45-jährige katholische Theologe und promovierte Philosoph betreibt seit zwei Jahren in der Hagelberger Straße eine »Philosophisch-Theologische Praxis«, in der auch Coaching zum Angebot gehört.

Dr. Platter
Coach Dr. Platter. Foto: Michael Hughes
Die Branche kann nicht klagen. Das verdankt sie zum einen dem »schnelllebigen Trend« (der so schnell auch nicht wieder in der Versenkung verschwinden dürfte) und zum anderen der Massenarbeitslosigkeit, die zunehmend Akademiker und andere hochqualifizierte Arbeitnehmer in den Strudel des beruflichen Abstiegs reißt. Bis vor noch nicht allzu langer Zeit wähnte sich diese Gruppe in der trügerischen Sicherheit, von der Entlassungswelle verschont zu bleiben, bzw. schnell eine neue Stelle zu finden. Doch der Wind hat sich um mindestens 180 Grad gedreht: Heute kommen die Hochqualifizierten schwerer zu einem neuen Job als der »durchschnittliche« Arbeitslose. Über derart vom Schicksal gebeutelte Klienten können sich die Coachs freuen. Es gibt viel zu tun. Denn die These, wonach jede Krise auch eine Chance in sich birgt, ist für die Betroffenen kaum mehr ein Trost. Auch, und vielleicht sogar ganz besonders, in Kreuzberg nicht. Denn das war doch einmal so etwas wie der Hort der Kreativen.

Menschen, die zum Coach gehen, sind nicht psychisch krank; sie gehören also nicht auf die Couch, stellt Platter klar. Diese Menschen haben ein berufliches oder privates Problem, das sie nicht allein lösen können. »Sie brauchen dann jemand, der fragt, was ist das für ein Problem, wie kann ich es angehen, wie trage ich selbst zu ihm bei, und wie kann ich es durch mein Verhalten aus der Welt schaffen.« Coaching versteht sich als eine Wegbegleitung, während der die Begabungen und Möglichkeiten des Klienten deutlich werden sollen. Oder, wie Platter es formuliert, »der Mensch wird in seiner einzigartigen Individualität erkannt und gefördert«. Mit Therapie hat das also nichts zu tun, und mit Beratung auch nicht. Der Coach präsentiert dem Hilfesuchenden keine Lösung. Auf die soll er im Laufe des zeitlich begrenzten Coachings nämlich selbst komme. »Ich gehe davon aus, daß der Klient die beste Lösung bereits in sich trägt.« Um sie mit Hilfe des Coachs hervorzuholen, sind nach Einschätzung Platters in der Regel vier bis sechs Sitzungen mit einer Dauer von ein bis zwei Stunden ideal. Kürzer oder länger geht es aber auch. Das hängt nicht zuletzt vom Zustand des Geldbeutels ab. Eine Sitzung kostet zwischen 40 und 100 Euro.
Mit Training hat Coaching ebenfalls nichts zu tun, weil es nicht darum geht, eine Methode oder Fähigkeit zu erlernen, sondern eine individuelle Lösung für das jeweilige Problem zu entwickeln. Für den Theologen Guntram Platter hat Coaching allerdings etwas mit Seelsorge zu tun, »weil ich ein christliches Verständnis vom Menschen habe«. Im Coaching wie in der Seelsorge geht es diesem Verständnis zufolge nicht darum, dem Klienten seine Entscheidung abzunehmen oder ihn aus der Verantwortung für sein Tun zu entlassen: »Der Mensch soll sich selbst begegnen, mit sich in Kontakt treten und mit sich kommunizieren. Dann spürt er, wo das Problem ist und kann Visionen entwickeln und umsetzen – der Coach ist kein Guru.« Und: Der Klient muß bereit sein, sich und sein Verhältnis zu anderen Menschen auf den Prüfstand zu stellen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und den Status quo mit Unterstützung des Coachs ändern zu wollen.

Wie aber findet man den »richtigen« Coach? Mit dieser Bezeichnung darf sich zwar jeder schmücken, aber über die entsprechende Befähigung sagt das noch lange nichts aus. In der Branche mangelt es nicht an Scharlatanen, die sich vor allem darauf verstehen, ihren Kunden innerhalb kurzer Zeit möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Wenn etwa ein selbsternannter Coach seine Dienstleistung im Hotelzimmer anbietet oder behauptet, »ich weiß, was du tun mußt und was für dich gut ist«, sollte sich die Warnblinkleuchte einschalten. Eine spezielle Coachingausbildung ist nach Meinung Platters nicht unbedingt erforderlich, »aber ein Studium der Psychologie, Theologie oder Pädagogik sowie eine zusätzliche therapeutische Ausbildung sind ebensowichtig wie Selbst- und Therapieerfahrung«.
In seine »Philosophisch-Theologische Praxis« kommen Menschen aus allen sozialen Schichten und Berufsgruppen. Zum Beispiel der Unternehmensberater, der einerseits voll in seiner Karriere aufgeht, andererseits befürchtet, auf diesem Weg seine Familie zu verlieren. Oder die hochqualifizierte Ingenieurin, die von ihren überwiegend männlichen Kollegen nicht respektiert wird. Oder die Mutter, die wieder berufstätig sein möchte oder muß und nicht weiß, wie sie Job und Familie unter einen Hut bringen kann. Eines ist allen Klienten gemein, sagt Platter: »Sie sind Reisende, die zwar ein Ziel haben, aber nicht wissen, auf welchem Weg es zu erreichen ist.«

Bei der Suche nach diesem Weg möchte auch Carola Trenkle ihre Kunden begleiten. Die Kommunikationswissenschaftlerin hat ihre Praxis am Chamissoplatz und legt den Schwerpunkt auf die Arbeit mit Musikern, Schauspielern und Medienschaffenden. Als ehemalige Mitwirkende bei Berliner Filmproduktionen, Autorin für Fernsehdokumentationen und Ehefrau eines Orchestermusikers weiß die 44-jährige, wo die Kreativen der Schuh drückt. Da ist beispielsweise der arbeitslose Posaunist, der zum Vorspiel beim Ensemble eingeladen wird, und dem schon beim Gedanken an diesen Termin der kalte Schweiß ausbricht. Nicht viel besser geht es dem Geiger, dessen den Bogen führende Hand mitten im Konzert von jetzt auf gleich so heftig zittert, daß es den Kollegen nicht verborgen bleibt. Am liebsten auf der Stelle vom Erdboden verschluckt werden möchte auch die Schauspielerin, die plötzlich kein Wort mehr über die Lippen bringt.
Carola Trenkle
Carola Trenkle. Foto: Michael Hughes
Passend zu ihrer Klientel und ihrem eigenen beruflichen Hintergrund arbeitet Carola Trenkle unter anderem mit einer imaginären Leinwand. Auf der versucht sie, den bisherigen »Film« ihrer Kunden zurückzuspulen – mit dem Kunden als Regisseur, der dabei auf Distanz zu sich selbst gehen und sein Leben von außen betrachten soll. »Viele Menschen haben den Kontakt zu ihren Gefühlen verloren. Sie sind technisch perfekt, vergessen dabei aber sich selbst«, stellt Trenkle fest. Vor allem bei Menschen, die sehr verkopft und analytisch strukturiert sind, wendet die gebürtige Schwarzwälderin gerne die »Hypnotherapie« an: Der Klient wird in Trance versetzt, träumt sich »einfach so« weg und begibt sich auf eine »Phantasiereise« ins Unterbewußte. »Das hilft, Ängste abzulegen und Selbstvertrauen aufzubauen.« Zuweilen wird am Chamissoplatz aber auch ordentlich geackert: »Ich mute meinen Kunden auch was zu.« Doch bei allem Ernst soll der Humor nicht zu kurz kommen – mindestens einmal lachen pro Sitzung ist quasi erste Klientenpflicht.

Auch in der Skalitzer Straße 52 beschäftigen sich die Diplom-Pädagogin Susanne Birk und die Diplom-Sozialpädagogin Andrea Frank mit den Sorgen und Nöten von Menschen. Ihre Klientel ist eine Spezies zwischen 30 und 50, die zum großen Teil aus sozialen Berufen kommt. Birk und Frank führen sie in verschiedene Wahrnehmungsperspektiven: in die Zukunft (was ist das Ziel?), in die Vergangenheit (was wurde dafür bereits getan?) und in die Gegenwart (Bestandsaufnahme). Ziel ist es, zu einer realistischen Selbstwahrnehmung zu kommen, »also zu wissen, was man möchte und was man kann«. Auf dem Weg dorthin, so Susanne Birk, spielt zudem der Blick über den Kirchturm hinaus eine wichtige Rolle. Die Fremdwahrnehmung, auch in Form von Rollenspielen, zieht sich deshalb ebenfalls wie ein roter Faden durch das Coaching der beiden Pädagoginnen.
Nach fünf bis zehn Sitzungen können sich die meisten Klienten selbst die Frage beantworten, wie es beruflich weitergeht, wo sie hinwollen. Ob sie beispielsweise eine weitere Sprosse auf der Karriereleiter nehmen möchten oder den Posten als Gruppenleiter aus persönlichen oder familiären Gründen sausenlassen sollen. Menschen mit rein privaten Problemen sind in der Skalitzer Straße an der falschen Adresse. »Wenn sich etwa eine Frau mit Ende 30 fragt, ob sie noch ein Kind bekommen soll, ist das keine Angelegenheit für den Coach, sondern für eine psycho-soziale Beratung«, sagt Andrea Frank, »es sei denn, die Frage stellt sich im Kontext mit dem weiteren beruflichen Werdegang.« Wie radikal der unter Umständen in eine völlig andere Richtung gehen kann, konnten Birk und Frank bei einer ihrer Klientinnen beobachten: Im Coaching wurde der Webdesignerin klar, daß sie gerne Lkw fährt – und hatte damit ihre wahre Leidenschaft gefunden.

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