Kreuzberger Chronik
März 2005 - Ausgabe 65

Olaf D?hmlow Kreuzberger
Die Trilogie vom Yorckschlösschen - Teil 1:

Olaf Dähmlow

»Hier muß ’ne Ordnung herrschen wie im OP.«


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Michael Hughes

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Olaf steht hinter dem Tresen, läßt gutgelaunt den Blick durch den Raum schweifen, hört der Musik zu, die auf der kleinen Bühne gespielt wird, fängt gerade an, ein wenig mitzuswingen, da gefriert plötzlich alles an ihm, der Fuß hört auf zu wippen, die Hand erstarrt in der Schwebe, der Blick wird eisig und fixiert eine Stelle irgendwo auf dem alten, grauen, während 25 langer Jahre von Tausenden von Jazzfans malträtierten Bretterboden des Yorckschlösschens.

Wie versteinert steht er da, der schon ergraute Mann, aber das Gehirn arbeitet, die Gedanken rasen. Alles dreht sich um eine einzige Frage: »Wie komme ich da jetzt unauffällig hin?« Schließlich ist er gerade erst von einer dieser kleinen Inspektionsrunden zurückgekommen, hat eben erst diese lockere Position neben dem Zapfhahn eingenommen und allen, die ihn kennen – und das sind nicht wenige, das sind fast alle hier –, signalisiert, daß er sich jetzt zurücklehnt und Jazz hört. Gerade setzt der Trompeter das Horn an die Lippen, fängt an zu spielen, keine 80 cm von jener Stelle entfernt, die der Mann hinter dem Tresen so anstarrt, als löse sich an dieser Stelle gerade jene Diele, unter der er vor Jahren eine Leiche verscharrt hat.
In seiner Not greift er auf einen alten Trick zurück: Er schnappt sich ein Tablett, obwohl er eigentlich längst nicht mehr kellnert, und schlendert an den Tischen vorbei, nickt einmal hier, einmal da, am liebsten an den Tischen mit schönen Frauen, und nähert sich auf diese Weise langsam, aber unaufhaltsam dem grauen Punkt auf dem grauen Bretterboden. Dort angekommen bleibt er einen Moment stehen, als lausche er der Musik, läßt wie zufällig den Blick auf den Boden fallen und dann – das plötzliche Runzeln der Stirn, die Anspannung jeder Sehne seines Körpers, alles an ihm verrät es und jeder kann es sehen – entdeckt er plötzlich etwas.

Es ist ein winziges Schnipselchen Papier, er weiß nicht, hat er es vorhin auf seiner kleinen Runde mit Schaufel und Besen übersehen, oder ist es tatsächlich erst wenige Minuten, ach Sekunden alt? Blitzschnell bückt er sich, schnappt sich den Schnipsel des Anstoßes und geht erhobenen Tabletts zurück zum Tresen. Er ist sichtlich erleichtert, der Wirt, jetzt ist wieder alles in Ordnung im Yorckschlösschen, und gerade möchte er das Papier in den Papierkorb werfen, da sieht er, daß etwas darauf geschrieben steht. Er entfaltet eine kleine Botschaft, die da lautet: »Hallo Olaf!«

Olaf Dähmlow weiß bis heute nicht, wer sich diesen Scherz mit ihm erlaubt hat. »Die wissen doch alle, daß ich meinen Spleen habe.« Aber schließlich hat jeder seinen Spleen. Und Putzen ist immerhin nützlich. Ordnung muß sein. Hier zumindest. »Bei mir zuhause herrschen italienische Verhältnisse, mein Büro ist ein Chaos.« Aber hier, im Schlösschen, da kommt Olaf Dähmlow morgens um zehn vor acht und bringt erst mal die »Grundordnung« rein. Da hat alles hinterm Tresen seinen Platz, da steht nichts zufällig herum. »Wenn’s hier voll ist – und das ist öfter mal voll hier! – dann muß hier eine Ordnung herrschen wie im OP!«, sagt Olaf Dähmlow. Und bevor er sich dann um neun, wenn das »Gasthaus« aufmacht, seinen ersten Kaffee in die Tasse laufen läßt, geht er noch einmal schnell mit dem Lappen über die Zapfanlage. Auch wenn das die Zapfer am Abend und die gut ausgesuchte Putzfrau zwei Stunden vorher schon einmal gemacht haben. Dreimal ist besser als einmal.

Und schließlich hat ja auch alles mit dem Putzen angefangen. Zumindest »das zweite Leben« des Olaf Dähmlow, das Leben in Berlin, begann mit Putzen. Jeden Vormittag putzte der Olaf aus Frankfurt das Yorckschlösschen, »vier Stunden für 30 Mark«. Eine hoffnungslose »Schnapsnaseneckkneipe mit Linoleumfußboden« war das Schlösschen, leere Tische und ein Cola-Verbrauch von zwei Flaschen am Tag. Da war Olaf 27 und wollte eigentlich an die Berliner HdK.
Jetzt, genau ein halbes Leben, genau 27 Jahre später – putzt er noch immer das Yorckschlösschen. Wenn auch gern heimlich. Weil jeder hier weiß, daß ihm das jetzt alles gehört, eines der berühmtesten Jazzlokale Berlins, wenn nicht der Republik. Und das ganze schöne Haus obendrüber dazu.

»Ja, irgendwann hatte ich das Ding eben an der Backe«, sagt der Wirt. Grage war es, Jürgen Grage, dieser Kneipenfuchs, der einmal im Jahr als Auktionator an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, um kurz vor Weihnachten die berühmte Kreuzberger Bilderversteigerung im Schlösschen durchzuführen. Dieser Mann, der eine ganze Reihe Kneipen aufmachte, die Ruine am Winterfeldtplatz, die Meisengeige, den Dschungel, und der jedes Mal, wenn er irgendwo aufhörte, die Gäste gleich mitnahm. So kam auch Leben in die Bude, als er hinter den Tresen des Yorckschlösschens trat. »Lauter Künstler oder solche, die es gerne gewesen wären, Literaten, Bohemiens, auf jeden Fall alles ordentliche Trinker. Drei Hauereien am Tag waren die Regel.« Olaf hatte hinterher immer ordentlich was aufzuräumen, und irgendwann sagte Grage: »Komm, Olaf, mach mal Kellner!«
Aber Olaf trank nicht. Olaf war noch nicht lange in Berlin. Und als Kalle kam und irgendwas von Metaxa erzählte, ging Olaf zum Telefon und rief ’ne Taxe. »Mann!«, meinte Kalle irgendwann ungeduldig, »wo bleibt ’n dette?« – »Kommt gleich!«, sagte Olaf, »ist schon bestellt!« – Kalle nahm’s lässig, als statt des Metaxas ein Taxi kam. Kalle kommt heute noch, und er braucht Olaf nur anzusehen, damit Olaf weiß, was Kalle will.

Inzwischen trinkt der Wirt auch mal Bierchen, auch mal zwei, auch mal ein Schnäpschen … – »aber kontrolliert!« – Ordnung muß sein. Wie im OP. Oder wie damals bei Hertie, »im ersten Leben«. Wo sie ihn rausgeworfen haben. Ihn, den jüngsten Abteilungsleiter ganz Deutschlands, gerade mal 25 Jahre alt. Der alle Filialen Deutschlands kennengelernt hatte. Dem alle eine steile Karriere voraussagten. Bis eines Tages dieser Typ im weißen Anzug zu ihm sagte, er sei entlassen. Nur, weil Dähmlow sich einen Tag freigenommen hatte. Bis heute erinnert er sich daran, als wäre es gestern gewesen. Olaf Dähmlow ist ehrgeizig, und er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Beides hatte man verletzt.

Andererseits war es gut so. Er wäre sonst wohl nie in diese Frankfurter WG gezogen, hätte nie angefangen zu studieren und nie als Statist auf der Bühne gestanden. Mit solchen Sternchen wie David Bowie und Marlene Dietrich in »Schöner Gigolo, armer Gigolo«. Er wäre auch nie mit diesem Hans Richter und »August, August, August!« auf Tournee gegangen, mit einem Zirkuszelt und der Geschichte von einem Clown, der davon träumte, einmal die Lipizzaner in die Manege führen zu dürfen. Der Direktor aber suchte die Löwen für August aus, und der Clown fand ein tragisches Ende. Das Stück hätte in Berlin ein Erfolg werden müssen, doch schon die Premiere war ein Reinfall, Willy Brandt sagte kurzfristig ab, und nach vier Wochen war das Projekt pleite.
Aber mit der Filmerei hat Olaf nichts mehr zu tun. Es sei denn, man dreht im Yorckschlösschen mal wieder einen Tatort. Oder Helma Sanders-Brahms macht einen Film über Abdourahmane Diop. Da darf Olaf Dähmlow dann den Olaf spielen, den Mann hinterm Tresen. Aber auch, wenn »Farbe der Seele« mit Eva Mattes und Abdourahmane Diop und Olaf Dähmlow im Fernsehen und in den Kinos ein plötzlicher Erfolg würde: Olaf bliebe bei seinem Leisten. Hinterm Tresen vom Schlösschen. »Das ist die wahre Bühne!«

Da laufen die Fäden zusammen. Hier ballt sich, hier verknäult sich das Leben, seins und das der andern. Und seins mit dem der anderen. Hier kommen sie rein und erzählen ihm ihre Geschichten, seit 27 Jahren. Hier hat er sie alle kennengelernt, die Freunde, und hier hat er einige auch schon wieder verloren. Auch seine Frau, der die langen Nächte irgendwann zu lang wurden, hat er wegen des Schlösschens verloren. Andere hat er wegen des Schlösschens kennengelernt. Das Schlösschen ist eben Olafs zweites Leben.
Olaf D?hmlow u. Eva Mattes
Eva Mattes und Olaf Dähmlow. Foto: Privat
Das Schlösschen und die Musik. Auch wenn Olaf die Tuba schnell wieder an den Nagel gehängt und sich aufs »Waschbrett verlegt« hat. Damit zieht er dann los, zum Karneval nach Köln, jedes Jahr, mit ein paar andern, die sich alle irgendwie aus der Kneipe kennen, die sogenannte »Rasselbande«, weil außer dem harten Kern der Blue Bayou Band nur wenige etwas vom Musikmachen verstehen, und deshalb mit irgendetwas Klapperndem in die »Rhythmsection« integriert werden. Dieses Jahr gaben sie »Die Scheinheiligen«, bastelten sich blinkende Auren aus kreisrunden Neonleuchten, kleideten sich in weiße Gewänder und zogen eine Woche lang durch Kölns Kneipen: Streetworker, Handwerker, ARD-Korrespondenten, Zitty-Gründer, Ärzte … die Kreuzberger Mischung.

»Dieser blöde Karneval ist eins der beiden Highlights« im zweiten Leben des Olaf Dähmlow. Das zweite ist die Reise nach Amerika. Dann fahren sie alle zum Jazz & Heritage Festival nach New Orleans. Da spielen auf der Pferderennbahn die wirklich Großen des Jazz und Blues. Auf zig verschiedenen Bühnen, für 11 $, zwei Wochenenden lang. »Das ist das Jazz-Festival überhaupt! Fats Domino, BB King, die Neville Brothers, Joe Cocker, Bob Dylan …« – die Liste der Legenden, die die Kreuzberger Delegation dort erlebte, ist unendlich und zwanzig Jahre lang. Denn seit die Kreuzberger White Eagle Band auf die Rennbahn eingeladen wurde, fahren sie jedes Jahr. Mal sind sie fünfzig, mal sind sie fünfzehn. Und zwischen den Festtagen ziehen die Yorckschlössler dann durch die Jazzkneipen von New Orleans, hängen in so wunderbaren Kneipen wie in Donna’s Bar & Grill am Tresen. Wolfgang Rügner, einer der ältesten Freunde Olafs, gerät ins Schwärmen, wenn er an diese Kneipe denkt. Wo man bis vor zwei Jahren noch »durch die Musiker durch mußte, um pinkeln zu gehen«, weil es keine Bühne gab, sondern weil die mit ihren Instrumenten in der Ecke vor den Toilettentüren standen. Wo in der winzigen Küche, wo sie Steaks und Würste grillen, ein Motorrad steht »und wo für nix Leute spielen, die ’nen Abend vorher noch die teuersten Konzertsäle gefüllt haben«. Nur, weil Donna’s für die Musiker immer kochte, wenn die Hunger hatten. Und die hatten eigentlich immer Hunger. Es sei denn, sie waren gerade berühmt geworden. So wie jetzt Kermit Ruffins, der mit seiner fahrbaren Grillstation immer wieder mal vor Donna’s Tür hält, ein paar Stückchen spielt und in der Pause dann seine Hamburger aus dem Auto verkauft. So wie früher, als man ihn noch nicht als den neuen Louis Armstrong handelte.
Olaf D?hmlow und Keith Stone
Die Scheinheiligen: Olaf Dähmlow und Keith Stone. Foto: Privat
New Orleans und seine Kneipen, diese Orte aus Jazz und Bier und Motorrädern: Olaf Dähmlow, der einstige Abteilungsleiter von Hertie, der auf die Harley umsattelte, der ehemalige Antialkoholiker, der mit Metaxa und Whisky handelt, er ist ihnen auf der Spur, in den Seitenstraßen, den entlegenen Vierteln spürt er den Legenden nach, sammelt Bilder, fotografiert Musiker, Mülleimer, Tresen, Speisekarten, Bühnen, und manchmal findet er etwas so schön, daß man es irgendwann im Yorckschlösschen wiederfindet. So wie den roten Teppich auf der Bühne oder den Posaunenkoffer, der jetzt von der Decke baumelt, und auf dem steht: »Preservation Hall«. Der Abteilungsleiter des Kaufhauses ist so etwas wie der Berliner Botschafter des New-Orleans-Jazz geworden, 13 Live-CDs hat er »in der Yorckstraße eingespielt«, er organisiert das Jazz-Fest in der Bergmannstraße, er ist Mitbegründer der Jazzinitiative Berlin und des nun auch schon wieder fünf Jahre alten Jazz Award Berlin. Alles aus Liebe zu New Orleans.

Sonst ist er nicht so viel herumgekommen, dieser Olaf Dähmlow, er hat ja nie Zeit, er muß sich um die Ordnung kümmern. Zum 50. Geburtstag schenkten ihm die Mitarbeiter einen Urlaub auf den Kapverden, »wahrscheinlich, weil sie mich mal loswerden wollten«. Manchmal machte er vom Mississippi einen Abstecher nach Chicago oder New York. In New York, da wollte er sich einen Traum erfüllen. Er wollte ins Apollo-Theater. Aber das hatte geschlossen, er drückte sich die Nase an den gläsernen Eingangstüren platt, bis er die Schulklasse sah, und klopfte wie verrückt, bis endlich jemand öffnete. Sie ließen den Deutschen mitlaufen, und da hingen an den Wänden die Fotografien lauter schwarzer Musiker, und die ganzen kleinen, schwarzen Kinder kannten nicht einen von ihnen. Der aus Berlin aber kannte sie alle, und die Kleinen machten große Augen. Am Ende stand er dann wirklich da, wo er hinwollte: auf der Bühne des Apollo-Theaters. Dort, wo auch er einst gestanden hatte: James Brown. Olaf Dähmlow ist ein gelernter Kaufmann, er hält eine strenge Ordnung, er hat alles im Griff, er kann reden wie ein Tonband. Aber diesen Augenblick, als er da stand, den kann er nicht beschreiben. Da sucht er plötzlich nach Worten.
Auch über den Koch will er nicht viele Worte machen. Den Koch, der jetzt nicht mehr da ist. Der sich in Heike verliebt hatte, die auch im Schlösschen arbeitet. Den Koch, der mit ihrem Jungen in dieser großen Welle blieb, die bis nach Berlin, bis ins Yorckschlösschen schwappte. Jetzt ist nur noch sie da. Die vom Schlösschen haben ein Konzert gemacht für sie, die Musiker, die Belegschaft, die Gäste … – diese ganze Familie eben. Sie haben Eintritt genommen. Was sie sonst nie tun im Schlösschen. Ein kleiner Trost für die Frau.
So ist es eben, das Leben im Yorckschlösschen, das zweite Leben des Olaf Dähmlow. Es verknoten sich, und es lösen sich die Fäden, die das Schicksal spinnt. Es ist nicht immer leicht. »Manchmal denke ich, ich verkaufe. Und mache ganz was anderes!« Ein drittes Leben! Aber es gibt auch andere Tage. So wie diesen Tag – es ist schon ewig her – als drüben in der Nulpe eine Combo spielte, und Olaf ging rüber, um mal reinzuhören. Das haute ihn um, das war richtig guter Jazz. Der Wirt von der Nulpe meinte irgendwann zu der schwarzen Truppe: »Laßt mal gut sein!« – Olaf aber ging zu dem Mann mit der Gitarre und sagte: »Komm mal rüber zu mir.«
Der Mann hieß Rudy Stevenson. Auch er gehört inzwischen irgendwie zum Yorckschlösschen. So wie Olaf. So wie Wolfgang Rügner. Wie Kalle. Wie Heike. Wie Grage. Und viele andere. Deren Geschichten eigentlich auch noch alle zu erzählen wären.

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