Kreuzberger Chronik
Juni 2005 - Ausgabe 68

Strassen, Häuser, Höfe

Der Südstern


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von Dr. Seltsam

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Der phantastische ScienceFiction und GesellschaftsRomancier Jules Verne starb vor genau hundert Jahren, am 24. März 1905, in Freude über den Ausbruch der Russischen Revolution, denn am Ende seines Lebens war er ein radikaler Roter geworden. 1884 erschien sein Abenteuerroman »Létoile du sud«, »Der Südstern oder das Land der Diamanten«. Der Südstern darin ist ein gigantischer schwarzer Diamant, geheimnisvoll und einzigartig,  kein schlechtes Symbol für unseren »Place détoile« im südlichen Kreuzberg!

Doch: Genauso wenig, wie der Große Stern im Tiergarten etwas mit Astronomie zu tun hat, genauso wenig hat der Name des Kreuzberger Sterns etwas Romantisches. Der Südstern benennt lediglich einen Verkehrsknoten, einen Platz, an dem mehrere Straßenzüge, aus verschiedenen Richtungen kommend, sternförmig zusammenlaufen. Die Wegeplaner des 19. Jahrhunderts haben von Jules Vernes Roman wahrscheinlich niemals ein Wort gehört und zweifellos keinen blassen Schimmer davon verspürt, wie schön mystisch schillernd dieser Name ist. Ein wahrer »Diamant« zwischen dem Militär Gneisenau und der ländlichbäuerlichen Hasenheide.

Es ist keine zwei Wochen her, als unser Platz durch alle Nachrichtenbilder geisterte. Die Spitzen von Politik und Gesellschaft versammelten sich unter allfälligem Hubschraubergeknatter und schwerbewaffneten Bodyguards und Panzerlimousinen, als läge unser Stern von Kreuzberg irgendwo in Bagdad Saddam City und nicht im Mittelpunkt von einem Dutzend friedliebender Alkoholausschankstätten. Anlaß war der Abflug des Leiters der »katholischen Großsekte« (K. H. Deschner) zu seinem himmlischen Chef.

Wie John Lennon vor vierzig Jahren auf »Sergeant Pepper« fragte, »how many holes it needs to fill the Albert Hall«, so kam bei diesem Halbstaatsakt in der katholischen Kirche am Südstern die Frage auf, wie eine solch einmalige Zusammenrottung öffentlicher Nullen noch vor dem Ersten Mai sich in unsere verschlafene Gegend verirren konnte. Antwort: Die ehemalige Garnisonskirche wurde aufgrund ihrer schieren Größe zur Hauptkirche der wenigen Katholiken im preußischprotestantischen WestBerlin. Sie heißt heute »Sankt Johannes Basilika« und ist der offizielle Sitz des katholischen Bischofs dieser Diözese, und deswegen Ort des Abschieds vom Polenpaul. Daneben, in dem häßlichen Betonblock, für dessen Bau 120 Bäume, nicht ohne Kreuzberger Protest, gefällt wurden, residiert der Nuntius, der Botschafter des Vatikanstaates bei der Bundesregierung  ein diplomatisches, kein religiöses Amt.

300 Meter weiter südlich liegt die wunderschöne marmorweiße TürkenMoschee am Flughafen, und direkt auf dem Südstern steht die autoumtoste schwarze Kirche einer evangelischen Sekte. In der Fontanepromenade im barocken Judenarbeitsamt der Nazijahre residiert eine Versammlung der »Heiligen der letzten Tage«, und weitere 200 Meter nach Norden in der Wilmsstraße ragt die hohe Kuppel der altapostolischen Hauptgemeinde auf (intern »Katapostki« genannt), eine ebenfalls sehr spukhafte Vereinigung mit toten Aposteln, Glossolalie und Heilungswundern in ihrer Vergangenheit. Kurz: Man findet hier im Umkreis von einem halben Kilometer alle religiösen Irren dieser Welt versammelt; und falls Jesus mal wiederkommt, werden sie ihn am Südstern in Stücke reißen.

Für den architektonisch Interessierten bildet dieser kurze Fußweg einen Schnellkurs in europäischer Stilkunde: Die Moschee imitiert den feinen Istanbuler SinanStil, die JohannesBasilika kopiert die romanischen Dome von Worms und Speyer, die Südsternkirche zeigt sich in grotesker NeoGotik, die Katapostki karikiert die renaissancehafte Petersdomkuppel im Spielzeugformat. Sämtliche Gebäude sind Beispiele für schlimmsten frommen Kitsch, wie ihn die Preussen lieben, die außer Sanssouci nie ein originäres Bauwerk hinbekommen haben, das nicht eine Kopie aus Schinkels italienischem Skizzenbuch gewesen wäre. Nur das Judenamt ist echt barock, ein Schmuckstück.

Man fragt sich, wo all die Frommen wohnen, die regelmäßig diese Tempel füllen, und gut füllen. Das öffentliche Leben auf dem Platz erscheint durchaus weltoffen unfromm, versoffenverbettelt, heutig zuplakatiert und gemäßigt links; schließlich liegen hier die Wahlbezirke, wo die Grünen Wahlergebnisse einfahren wie die CSU in Passau und die CDU mit 4,9 % zur Splittergruppe mutierte. »Für Kreuzberger Verhältnisse überall!«, lautete eine Wahlparole der KPD/RZ.

Anläßlich der brutalen Baumschlachtung für die Nuntiatur bildete sich 2000 eine Kneipenrunde im Sternling und Yamas, die den Katholiken mit einer radikalreligiösen Vereinigung aller ihrer Gegner Angst machen und sie vertreiben wollte: »Wagt Euch nur her, ihr Pfaffen! BinLadenFans und irische Protestanten, kleine Messerstecher von den 36boys, kurdische Partisanen und rabenschwarze Harlem Gospelsinger der Pfingstgemeinden, griechischrussischorthodoxe Mafiosi, Derwische aus dem tiefsten Neukölln, Assassinen des Alten vom Berge und Praktikanten der Voodoo und KargoKulte aus den unergründlichen Weiten WeddingAfrikas werden Euch Schwarzröcke einfach aufessen, wenn Ihr Euch hier neben Berlins größter Schule an die Jungs heranmachen wollt ...«

Ein schönes Dokument kultureller Bürgerinitiative, das immerhin von einer gewissen theologischen Grundbildung der umnebelten Verfasserhirne zeugte. Allerdings brachte die anschließende Deckelsammlung für das Haßpamphlet nicht genügend Geld für eine größere Druckauflage zusammen, so daß die finstere Drohung die katholische Kirche wahrscheinlich nicht erreicht haben dürfte. Die Nuntiatur jedenfalls wurde ohne Zwischenfälle fertiggebaut, und lediglich bei der Grundsteinlegungszeremonie ließen zwei lesbische Politikerinnen der DL (Demokratische Linke) aus ihrer Wohnung an der Hasenheide lautstark MariaCallasArien auf die versammelten Würdenträger herabhageln, bis das SEK ihr Schlafzimmer stürmte und sich ziemlich lächerlich machte, weil man bei diesen verdammten modernen Stereoanlagen den Knopf zum Ausschalten gar nicht mehr findet ...

Das Sympathische an Kreuzberg ist die selbstverständliche Vielfalt seiner Lebensformen. Heute herrscht religiöse Toleranz am Südstern, was vor allem daran liegt, daß sich kein Religionsfunktionär im Talar zeigt, und kein Mensch gewahr wird, wieviele Fromme hier eigentlich wohnen. Die beiden lesbischen Protestiererinnen allerdings sind vertrieben und leiten die Verwaltung einer großen Ostseestadt, die DL gibt es nicht mehr, den Sternling auch nicht, die Kneipenrunden süffeln weiter vor sich hin, und die SEKEinsatzkolonnen aus der Friesenstraße jagen weiterhin durch die Lilienthalstraße über den Südstern zu ihren Prügeleinsätzen am Heinrichplatz. Ungehindert, dabei wären »kleine Barris hier so easy zu bauen«, wie ein Besuch aus SO 36 kürzlich bemerkte.



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