Kreuzberger Chronik
Februar 2005 - Ausgabe 64

Die Literatur

Michael Wildenhain: Russisch Brot


linie

von Michael Wildenhain

1pixgif
Bei einem der nächsten Besuche begrüßte er meine Mutter nur kurz, wechselte wenige Worte mit ihr, auch sie vermied jede Unterhaltung, und nahm mich mit nach Kreuzberg, einem Bezirk, der mir ähnlich dunkel erschien wie Ostberlin und den meine Mutter nicht mochte.
Er zeigte mir das Hinterhaus, von dem ich bisher nur gehört und in dem er mit Tante Annie und meiner Mutter nach dem Krieg gewohnt hatte, bevor sie nach Schöneweide in die Laube gezogen waren.
Der Putz bröckelte von den Balkonen, das Dach einer Remise war in den Hof gestürzt, der Treppenflur war seit dem Krieg nicht mehr renoviert worden, nur die Toiletten im Hof, einem asphaltierten Viereck, in dessen Mitte eine Kastanie wuchs, hatte man durch Außentoiletten auf halber Treppe ersetzt.
Als mein Großvater die Stufen des Quergebäudes ein Stück hochgestiegen war und nicht allein die Muster und Risse im Anstrich wiedererkannte, sondern auch ein Klingelschild mit einem ihm vertrauten Namen, blieb er stehen und fuhr mit den Fingerspitzen über Beschlag und Mauerwerk. Er hob die Kuppen vors Gesicht, als prüfe er Geruch, Beschaffenheit und Farbe.
»Lange her«, sagte er.
Es kam mir vor, als wolle er nicht noch einmal hierher zurückkehren.
Unverhofft begann er zu erzählen. Aber nicht, wie ich es mir gewünscht hätte, von Günter Hoppe, sondern von sich und seinen Nachbarn im Haus.
»War die Familie des Blockwarts. Mußt du dir vorstellen. Die kam seit Anfang des Krieges zu uns, um für die Winterhilfe zu sammeln.
Hatte streng untersagt, was zu geben. Bin aber mal nicht zu Hause gewesen. Bin damals sehr jähzornig gewesen. Seien bloß Träumer und Phantasten. Hat Deine Oma immer gesagt. Jähzorn zeichne Spinner aus. Die war immer so praktisch, deine Oma.
Hat was gegeb’n. Ich kam nach Hause. Will ma’ so sag’n, mir ist … einfach der Kragen geplatzt.
Konnte dem Blockwart ja keine, keine auf die Backen geben. War schon so nicht alles ganz einfach, gar nicht! Hab die BDM-Uniform von der Inka zerrissen. An der sie so hing. Bin draufgetrampelt. Sag’n wir ma’so …
Die hatte sie sich sicher gewünscht. Und ich immer drauf. Und drauf. Deine Oma … hatte die doch aus Reststoffen selber zusammengenäht.
Aber fürs Winterhilfswerk gab’s fortan keinen Groschen mehr, sag’n wir ma’ so.«
Seine Erzählung klang, als könne im nächsten Moment jemand an die Wohnungstür im Quergebäude klopfen und um eine Spende für das Winterhilfswerk bitten. Unter Winterhilfswerk stellte ich mir eine Organisation vor, die Leute ohne Wohnung mit Nahrung, warmer Kleidung und einem Schlafplatz versorgte.
Mein Großvater schwieg und setzte sich auf die Treppe. Er sah aus wie der Rentner, dem meine Mutter manchmal Zwieback und Muckefuck gegeben hatte und dem ich im Park beim Kartenspielen hatte zusehen dürfen. Der Treppenflur roch feucht. Die Tauben flatterten vorm Fenster. Ich fühlte mich unbehaglich.
Wenn mein Großvater erzählte, lächelte er meist. Diesmal lächelte er nicht.

Vorabdruck von Michael Wildenhain, »Russisch Brot«. Der Roman erscheint Ende Februar 2005 im Klett-Cotta-Verlag, 18,50 EUR <br>

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg