Kreuzberger Chronik
Februar 2005 - Ausgabe 64

Der Kommentar

Bildung oder Ausbildung


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von Joachim Wortmann

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Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich brauchen Eltern eine »sachgerechte« Betreuung für ihre Kinder. Vor allem dann, wenn Vater und Mutter arbeiten müssen, damit abends noch Brot auf dem Tisch ist. Dann brauchen sie notfalls auch eine ganztägige Betreuung.

Aber eben nur notfalls. Doch dieser Notfall soll nun zum Status quo gemacht werden. Die Ganztagsschule, eine unbedachte Antwort auf panikerregende Studien à la Pisa, ist ein Schritt zurück in die Steinzeit der Pädagogik. In den sechziger und siebziger Jahren bewiesen stapeldicke Studien, daß Heimkinder mit erheblichen Störungen in ihrer Entwicklung rechnen mußten. Und zwar nicht nur deshalb, weil sie aus ungünstigen familiären Verhältnissen kamen. Sondern auch deshalb, weil sie tagelang kaserniert waren. Ulrike Meinhof, den Nachwuchseltern nur noch als Terroristin und schwarzes Schaf der deutschen Geschichte im Gedächtnis, war eine der engagiertesten Gegnerinnen von Internaten und Erziehungsanstalten, ihre Recherchen in Kinderheimen erregten Aufsehen und regten zum Nachdenken an. Selbst ein wenig politische Schriftsteller wie Hermann Hesse legte er mit »Unterm Rad« ein erschütterndes Zeugnis von den Zuständen in konservativen Bildungsstätten ab. Und wenn heute in den Bundeswehrkasernen mit Strom an Mitgefangenen gespielt und in Strafgefangenenlagern gefoltert und in Gefängnissen getötet wird, dann ist das auch ein Indiz dafür, wie der Mensch in Unfreiheit zur Bestie werden kann.

»Das kann man doch nicht miteinander vergleichen!«, würde Schulsenator Böger sich empören. »Schule und Gefängnis! Das war einmal, das ist doch heute alles ganz anders.« Aber was ist denn wirklich so anders daran? Entscheidend ist, daß unsere Kinder den ganzen Tag in der Schule und im Kindergarten verbringen werden. In abgeschlossenen Klassensälen und Gruppen, die immer größer werden, weil niemand das Personal bezahlen kann. In Erziehungsgroßbetrieben. Weil die kleinen nämlich allmählich alle verschwinden. Wie das eben so ist in der Privatwirtschaft. Staatliche Kindergärten sind schon jetzt ein Auslaufmodell. Die Schulen werden folgen. Denn es geht nicht mehr um Bildung, es geht nur noch um Ausbildung.

Dabei geht es jedoch um unsere Kinder! Kinder: Für die Politik eine Zahl, über die man nachdenkt, wenn es um Renten, Krankenversicherungen und Wachstum in der Wirtschaft geht. Über die gesprochen wird, wenn Schüler zu Waffen greifen und auf ihre Lehrer zielen. Oder auf ihre Eltern, die versäumt haben, sich mehr Zeit zu nehmen. Oder sich keine Zeit nehmen konnten. Bald werden sie noch weniger Zeit für ihre Kinder haben. Denn die Kinder müssen ihre Kindheit in der Kita und ihre Jugend in der Schule absitzen. In den Ausbildungsstätten. Um am Ende keine Arbeit zu finden und als Hartz-XXI-Empfänger in Einzimmerapartments zu enden. Rosige Aussichten.

Damit wir uns also richtig verstehen. Nicht die Kinder brauchen die Ganztagsschule. Die Wirtschaft braucht sie, um aus der Masse der Schulabgänger noch effizientere Arbeitskräfte filtrieren und den Gewinn weiter steigern zu können – bei gleichzeitigem Abbau von Arbeitsplätzen. Wir brauchen eine Ganztagsschule nur, weil das Einkommen eines Durchschnittsbürgers zur Ernährung einer Familie nicht mehr ausreicht. Die Kinder aber brauchen keine Ganztagsbetreuung und keinen Ganztagsunterricht. Was Kinder brauchen, sind Väter und Mütter. Nicht nur deren Wochenendbetreuung.

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