Kreuzberger Chronik
Februar 2005 - Ausgabe 64

Die Geschichte

Vom friedlichen Hinterhof in die laute Welt


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von Werner von Westhafen

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Kreuzberg ist ein Bezirk der Innovationen. Hier entwickelte Zuse den ersten funktionstüchtigen Computer der Welt, die Berthold’sche Schriftgießerei machte mit ihrer »diatype« den ersten Schritt vom Bleisatz zum Fotosatz. Hopf braute am Kreuzberg das erste untergärige Bier jenseits von Bayern. Sarotti und Muratti versüßten das Leben in aller Welt, die Flügel von Bechstein eroberten die Bühnen, und die Firma Lindström produzierte an einem einzigen Tag so viele Schallplatten, daß sie aufeinandergestapelt einen zweihundert Meter hohen Schellackturm ergeben hätten.
Der unumstrittene Star der Unternehmer aber ist Werner Siemens. Im Hinterhof in der Schöneberger Straße 33 (damals Nr. 19) begann er gemeinsam mit dem Mechaniker Johann Halske und zehn Mitarbeitern 1847 mit dem Bau von Telegrafen. »Ich bin jetzt ziemlich entschlossen, mir eine feste Laufbahn durch die Telegraphie zu bilden, sei es in oder außer dem Militär«, schrieb Werner Siemens anläßlich seines 30. Geburtstages an seinen Bruder William, worauf ihm ein Vetter 6.800 Taler zur Existenzgründung lieh. Das Geld war gut angelegt. Siemens wurde ein Weltkonzern, der Jahresumsatz nähert sich in den fetten Jahren der 50-Milliarden-Marke, eine halbe Million Menschen arbeiten im weltweiten Siemens-Imperium.

Schon die Erfindung des »Zeigertelegraphen«, die Siemens und Halske eine Woche nach der Firmengründung aus der Schublade zogen und patentieren ließen, war erfolgreich. Hinzu kam die Entdeckung eines gummiartigen Isoliermaterials für Telefonleitungen, die es ermöglichte, die elektrischen Signale auch über weite Entfernungen hinweg störungsfrei zu übertragen. Die Firma trug den Namen »Telegraphenbauanstalt von Siemens & Halske«, doch schon bald leitete Werner Siemens zusammen mit seinen Brüdern Carl und William das Unternehmen und errichtete Telegraphenverbindungen in ganz Europa. In nur drei Jahren baute Siemens die »Indo-Europäische Telegraphenlinie«, eine 11.000 Kilometer lange Verbindung zwischen London und Kalkutta. 67 Jahre soll die Leitung einwandfrei gearbeitet haben.Da gehörten die romantischen Zeiten, als Werner Siemens noch gemeinsam mit seinem erfinderischen Kompagnon in der Kreuzberger Zeughofstraße wohnte und arbeitete – Siemens residierte Parterre, Halske im zweiten Stock, und zwischen ihnen lag die Werkstatt –, schon längst der Vergangenheit an. Bereits 1851 zog die Firma in die Markgrafenstraße. 1866 ließ Siemens eine Dynamomaschine patentieren, die mechanische in elektrische Energie umwandelte. 1879 baute die Firma die erste elektrische Eisenbahn der Welt, 1896 das erste Röntgenröhrengerät und 1933 das erste Telexnetz der Welt. »Innovationen seit über 140 Jahren«, verkündete Anfang der neunziger Jahre stolz die Firmen-Chronik.

Innovativ aber waren nicht nur die Produkte mit dem Schriftzug Siemens, zukunftsweisend war auch die Geschäftspolitik.

Schon früh begann die Firma, ihr Kapital global zu streuen. 1919 kaufte Siemens die Glühlampenfabriken von Auer und AEG und nannte die neue Birne Osram. Jahre später folgte der Kauf des amerikanischen Lampenherstellers GTE, bis nach dem bitteren Ende der DDR-Leuchte NarvaSiemens endlich »zu den beiden größten Lampenproduzenten der Welt aufschließen« konnte.

Nur wenige hatten die Stärke, sich dem unbändigen Expansionsdrang des Giganten zu widersetzen. Siemens kaufte, als wäre die Welt ein Monopoly-Spiel. Günstigstenfalls konnten die anvisierten Firmen mit dem Konzern fusionieren. So wie die Firma Bosch, die seit 1967 als »Bosch-Siemens Hausgeräte GmbH« gemeinsam mit dem Imperator erfolgreich baugleiche Produkte unter verschiedenen Namen verkauft. Was auch vierzig Jahre später viele Kunden noch nicht wissen.
Zeigertelegraph
Zeigertelegraph von Siemens & Halske. Foto: Kreuzberg Museum
Aber nicht alles, was Siemens baut, ist so friedlich wie Glühbirnen und Waschmaschinen. Siemens liefert Radaranlagen, Wärmebildgeräte und Armee-Funknetze. Auch an der Elektronik des Raketenprogramms »Patriot« ist Siemens beteiligt. Siemens hat Kriegserfahrung. Bereits im 1. Weltkrieg lieferte die Firma elektronische Minenzünder und U-Boote. Was sie nicht davon abhielt, heimlich auch die britische Marine mit 700 Tonnen Elektrokohle und Elektrostiften zu beliefern. Der letzte Kriegsschauplatz, auf dem Siemens von sich reden machte, raucht noch immer. 1998-99 hatte der Irak sechs Nierensteinzertrümmerer der Firma Siemens erhalten und zusätzlich 120 sogenannte Schalter bestellt – angeblich als Ersatzteile. Diese sogenannten Schalter seien, so die Internationale Atomenergiebehörde in Wien, nichts anderes als atomwaffentaugliche Zünder.

Erfolg und Krieg waren bei Siemens stets eng miteinander verflochten. Schon als der Artillerieleutnant Werner Siemens 1847 in Kreuzberg seine Firma gründet, hält er die Verbindung zum Militär aufrecht und bleibt gleichzeitig Offizier der Armee, wo er Mitglied der preußischen Telegraphenkommission wird. 1848 beauftragt ebendiese Kommission ihren Kollegen mit dem Bau einer Ferntelegraphenlinie zwischen Frankfurt und Berlin. »Es ist die erste Ferntelegraphenlinie Europas« und der erste Großauftrag der Firma Siemens.Immer wieder erhält die Firma seitdem Aufträge von höchster Instanz, zu den Banken pflegt das Unternehmen stets gute Beziehungen. Als 1870 die Deutsche Bank AG gegründet wird, geschieht dies nicht ohne Beteiligung der Familie Siemens, Werners Vetter Georg wird später sogar einer ihrer Direktoren. Die Deutsche Bank, so die Kritiker des Konzerns, soll dem Unternehmen den Weg nach Oben geebnet haben, indem sie Konkurrenten die notwendigen Kredite so lange verweigerte, bis Siemens sie kaufen konnte. Bis heute sind die Geschäftspraktiken des Konzerns umstritten: 1993 steht Siemens in München wegen Bestechung vor Gericht, 1996 schließt die Regierung von Singapur Siemens wegen Bestechung von allen öffentlichen Aufträgen aus.Doch nicht nur in der Geschäftspolitik beweist das Unternehmen seine Skrupellosigkeit. Auch in der deutschen Geschichte hat Siemens Spuren hinterlassen. 1932 fordert Carl Friedrich von Siemens mit anderen Industriellen den Reichspräsidenten Hindenburg schriftlich auf, die Regierung an den Führer der NSDAP zu übertragen. Zwei Monate später, am 30. Januar 1933, übernimmt Adolf Hitler die Macht. 1942 errichtet Siemens Fabriken in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Konzentrationslagern in Auschwitz und Ravensbrück, über 30 Prozent der Siemens-Belegschaft sind Fremdarbeiter, Kriegsgefangene, jüdische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.Zwanzig Jahre danach zahlt der Konzern an 2.203 jüdische Überlebende Entschädigungen. In den neunziger Jahren beklagt er jedoch in einem Geschäftsbericht, daß »die Entspannungspolitik zwischen Ost und West zu erheblichen Einbußen im Bereich der Waffenelektronik« geführt hätten. Siemens ist entschlossen, seinen Weg zu machen, ganz so, wie es der Gründer bereits 1847 prophezeite; »sei es in oder außer dem Militär«.

Literatur: »Made in Kreuzberg«, 1996, Lothar Uebel

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