Kreuzberger Chronik
Dez. 2005/Jan. 2006 - Ausgabe 73

Die Reportage

Die Stadträtin und die Eltern


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von Michael Unfried

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Die Stadträtin trägt eine schwarze Aktentasche. Sie kommt ein bißchen zu spät an diesem Oktobertag und schaut neugierig zu den drei Männern hinüber, die vor dem Saal stehen. Wahrscheinlich hört sie, wie einer von ihnen sagt: »Tja, die Studierten kommen eben immer zu spät!« Sie verlangsamt den Schritt, aber keiner der vermeintlichen Väter macht Anstalten, Frau Stadträtin zu begrüßen. Also wünscht sie einen »Guten Tag die Herren«, in einem Ton, der an mahnende Schuldirektoren erinnert.

Drinnen rutschen die Menschen schon unruhig auf den Stühlen, hierzig sind es, fünfzig, es müssen noch ein paar Stühle her. Frau Klebba legt die schwarze Aktentasche vor sich auf den Tisch, der Kopf aber überschaut den ledernen Schutzwall und sondiert das Publikum. Sie kennt den einen oder anderen schon, sie hat viele Bekanntschaften gemacht, seit im vergangenen Jahr mit der flächendeckenden Schließung kleinerer Kindertagesstätten begonnen wurde. Sie ahnt, sie wird es nicht leicht haben an diesem Abend, die Frau, die den Spagat machen muß zwischen den Interessen des armen Bezirkes und den Interessen eines noch ärmeren Volkes. Denn es geht um einen bei Eltern und Kindern beliebten Betonklotz am Mehringdamm, in dem das sogenannte Elternzentrum untergebracht ist.

Frau Heese, Leiterin des Elternzentrums, hat die Stadträtin eingeladen. »Leider«, sagt Frau Heese, seien nur »Wenige« gekommen, viele seien verhindert gewesen. »Dann wäre das hier auch viel zu klein gewesen, wenn die alle gekommen wären!«, scherzt die Stadträtin, und ergreift das Wort: »Wir haben uns verabredet im Juni, am Rande des Familienfestes den Zeitraum bis nach der Sommerpause abzuwarten  ähem , weil ich Ihnen damals noch keine klaren Antworten  ähem  auf die Frage nach der Zukunft dieses Standortes geben konnte. Und in der Tat

ist die Situation  ähem , das will ich gleich mal an dieser Stelle sagen, auch zum heutigen Zeitpunkt noch nicht wirklich klar.« Sie hat es nicht leicht an diesem Abend, aber sie fährt fort:
»Wenn man heute über den Erhalt des Standortes einer stadteigenen Immobilie nachdenkt, dann kommt der Frage von Bewirtschaftung und Wirtschaftlichkeit viel mehr Bedeutung zu als früher. Es stellt sich einfach die Frage: Geben wir sinnlos Geld zur Bewirtschaftung von Immobilien aus, und ist dieses im Vergleich zu einer vergleichbaren Anmietung zu teuer? Und da wir in Berlin einen sehr entspannten Immobilienmarkt haben und sehr viele Immobilien angeboten werden, deren Quadratmeterpreise unter diversen Verhandlungsaspekten noch weiter absenkbar sind, gibt es durchaus günstige Angebote. Man denkt immer, es kann doch nicht wahr sein, daß ein Mietobjekt günstiger ist als ein eigenes Haus, aber
...«

Frau Klebba ist jetzt in ihrem Metier, sie spricht ohne Ähem und Punkt und Komma von Immobilien, Quadratmeterpreisen, Veräußerungen, Bewirtschaftungen, Mietpreisen, Finanzmitteln, Abschreibungszeiträumen... Es ist, als spräche ein Immobilienmakler zu potentiellen Eigentumswohnungsbesitzern, und nicht ein Vertreter des Bezirksamtes zu den Eltern der Kinder. Sie spricht, bis sie unterbrochen wird, von einem weinenden Kind. Frau Klebba lächelt ein bißchen.

Dann spricht sie von drei Standorten im Bezirk iFriedrichshain-Kreuzberg, an denen Elternzentren geplant gewesen seien: Eines in der Adalbertstraße, eines in der Frankfurter Allee, und dieses hier am Mehringdamm. Der Standort Mehringdamm aber stünde jetzt zur Disposition. Man suche nach anmietbaren Ausweichquartieren, und es könne sein, daß dann eben »keine Sporthalle in unmittelbarer Nähe« mehr zur Verfügung stünde wie hier im Zentrum mit seinem eigenen Gymnastikraum.

Allmählich wird die Stimme der Stadträtin von einem leisen Brummen im Raum begleitet. »Sie dürfen auch nicht vergessen, daß ein nicht unerheblicher Teil des Hauses zur Zeit leersteht«, sagt sie und meint

mit dem nicht unerheblichen Teil das Standesamt, das im Rahmen der Bezirksfusion mit Friedrichshain vor 2 Jahren in die Schlesische Straße verlegt wurde. Nun dient der leere Seitenflügel des Betonklotzes als Argument der Unrentabilität. Darüberhinaus sei das Gebäude nicht »I.T.-fähig«, also für eine moderne Vernetzung via Internet und Satellit ungeeignet. Doch da fällt ihr ein Mitglied des Fördervereins des Elternzentrums ins Wort, das seit 25 Jahren in dem Haus arbeitet. Der Mann nennt bautechnische Details und erwähnt die Kabelschächte, die bereits alle vorhanden seien und eine Vernetzung äußerst einfach gestalten würden. Das Brummen im Saal wird lauter.

»Es ist ja das letzte Wort noch nicht gefallen«, beschwichtigt die Stadträtin, aber dann erwähnt sie die »außerordentliche Randlage« des Mehringdamms. Das verstehen die Menschen nicht. Der Damm liegt mitten in ihrer Welt. Ob er am Rand einer verwaltungstechnischen Parzelle liegt, interessiert die Eltern so wenig wie die Kinder. »Das ist doch Quatsch. Dieses Haus hier ist etabliert, da kommen die Leute schon ziemlich lange und von ziemlich weit her. Meine Frau ist mindestens einmal die Woche hier, meine Kinder kommen zum Tanzen, und ich spiele hier Tischtennis. Sie glauben doch nicht, daß wir nach Friedrichshain in die Frankfurter Allee fahren, um in den Tanzunterricht zu gehen? Da fährt ja nicht mal ein Bus hin.«

Frau Klebba ist zur Angeklagten geworden, auf allen Seiten schnellen jetzt die Hände hoch. Einsam verteidigt Frau Heese ihre Stadträtin. Vielleicht weiß sie bereits, wo sie hinkommen wird, wenn das Haus geschlossen wird. Die Eltern wissen noch nicht, wo sie hingehen sollen. »Aber es ist doch noch nichts entschieden«, sagt die Stadträtin, »wir befinden uns doch nur in der Möglichkeitsform.«

»Sie reden doch immer im Konjunktiv,« sagt da ein verärgerter Vater. »Ich fühle mich schon lange von Ihnen verschaukelt. Mein Kind ist hier im Kindergarten, der im Dezember geschlossen wird. Erst hieß es, wir bekämen als Ersatz die Räume in der Methfesselstraße. Dann hieß es, ein anderer Kindergarten zöge dort ein. Jetzt heißt es, wir sollen uns die Räume teilen, obwohl wir vollkommen verschiedene Konzepte und Öffnungszeiten haben.« Frau Klebba winkt ab, so sei das nicht gewesen, doch der Vater ist nicht zu bremsen: »Sie haben immer wieder Versprechungen gemacht, die Sie nicht gehalten haben. Sie vertrösten uns mit Entscheidungen erst von Juni auf September und dann auf November und dann auf Dezember, und irgendwann werden wir vor vollendeten Tatsachen stehen, ohne daß wir vorher etwas erfahren hätten oder etwas hätten verhindern können.«

»Ich stelle mir wirklich vor, daß zumindest in der Kindergartenfrage bis Mitte November Klarheit herrscht«, sagt Frau Klebba.

»Es kann doch nicht sein, daß immer erst dann Geld lockergemacht wird, wenn die Kinder zu Problemfällen geworden sind!«, sagt eine junge Frau und verläßt demonstrativ den Saal. Frau Klebba holt Luft und sagt:

»Mir fällt auf, daß hier ständig von der Schließung gesprochen wird. Das ist doch noch gar nicht klar. Ich versuche ja, zu erhalten, was erhalten werden kann. Und ich möchte wirklich nicht, daß es Gewinner und Verlierer gibt.« Sagt Frau Klebba, und man glaubt ihr, daß sie es ernst meint. Auch wenn es bei einer Schließung immer Verlierer gibt. Als sie noch einmal von der schwierigen Finanzierung des Zentrums zu sprechen beginnt, steht eine Frau mit Kind auf und sagt: »Sie reden immer wieder vom Geld. Das verstehe ich. Aber Sie wissen gar nicht, was dieses Haus eigentlich wert ist. Und das werden Sie mit ihren Berechnungen auch nicht herausfinden. Ich sage Ihnen: Dieses Haus ist mit Geld gar nicht zu bezahlen!« Applaus.

»Ich bin mitten in Kreuzberg großgeworden«, protestiert der Nächste, »aber wissen Sie was: Ich habe noch nie so viele Türken, Polen, Griechen kennengelernt wie hier. Sie haben gar keine Ahnung, was in diesem Haus alles passiert.«

»Ich verspreche, daß ich tun werde, was ich kann. Sehen Sie mich als Ihre Verbündete«, sagt Frau Klebba und sieht sich wirklich als Mittlerin, als Bindeglied zwischen Regierung und Volk. Aber sie ist eben auch die Frau zwischen den Fronten, zwischen Macht und Ohnmacht. Und deshalb fällt es den Eltern nicht leicht, die Frau mit dem weißen Pullover und der dicken Aktenmappe als Verbündete zu betrachten. Es fällt den Vätern und Müttern auch nicht leicht, all diese verwaltungstechnischen und finanzpolitischen Erwägungen zu verstehen. Es geht ihnen um die Zukunft und die Kinder. Aber zur Zukunft und zu den Kindern hat die Stadträtin wenig gesagt. Sie hat nur gesagt, daß das Haus zu teuer sei. Daß die Entscheidung noch nicht gefallen sei. Daß sie alles Mögliche tun werde. Aber Ideen, wie das Haus zu retten sei, Alternativen, hat sie keine gehabt. Was allerdings aus dem Haus werden könnte, wenn die Kinder erst einmal draußen wären, das weiß sie: Der Bezirk denke darüber nach, das Jugendamt am Mehringdamm unterzubringen.

»Und in der Turnhalle werden dann die Akten gestapelt, wa?« murmelt einer. Und eine junge Mutter fragt flüsternd die Stuhlnachbarin: »Aber dann hätte der Bezirk den Betonklotz doch immer noch am Bein, oder?«  »Ja, aber die Kabelschächte sind schon da!«, antwortet die andere. Das Gemurmel im Saal wird noch einmal lauter.

»Ach, Sie gehen doch sowieso den Weg des geringsten Widerstandes. Da, wo sich keiner wehrt, wird zugemacht!« Das war wieder dieser Herr von Varbe e. V., dem Förderverein des Zentrums. Frau Klebba weist den Vorwurf entschieden zurück. Sie entscheide nicht nach dem Prinzip des geringsten Widerstandes, sondern sachlich. »Daß Sie mir die Kompetenz absprechen, das kann ich nicht dulden!« Die Luft ist dick geworden von den vielen Menschen im Saal, jemand steht auf und öffnet die Tür. Das ist das Zeichen zum Aufbruch.

Frau Klebba erhebt sich: »Es ist ja das letzte Wort noch nicht gesprochen«, sagt sie und spricht damit zumindest das letzte Wort des Abends. Die Eltern gehen wieder, aber alle sind sich sicher, daß das Zentrum ausziehen wird. Einige sehen das Jugendamt hier einziehen. Andere haben das unheimliche Gefühl, daß genau dort, wo jetzt noch ihre Kinder tanzen und turnen, vielleicht einmal ein lukratives Baugrundstück freigesprengt werden könnte, und daß dann anstelle des Elternzentrums vielleicht sogar ein neues Einkaufszentrum stehen könnte. Denn das fehlt ja noch im idyllischen Bergmannkiez.


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