Kreuzberger Chronik
Dez. 2005/Jan. 2006 - Ausgabe 73

Dieter Peters Kreuzberger
Hulusi Halit

29 Jahre, das ist schon eine ganz schön lange Zeit!


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Hulusi Halit heißt er. Sein Vater hieß Halit Hulusi. Und so hätte eigentlich auch sein erstgeborener Sohn wieder heißen müssen. Denn das war alte türkisch-zypriotische Tradition: Daß der Sohn den Vornamen des Vaters zum Nachnamen, und dessen Nachnamen zum Vornamen erhält. Halit Hulusi, Hulusi Halit, Halit Hulusi & und immer so weiter, über Jahrhunderte, bis die Welt untergeht. Aber Hulusi klang so fremd und umständlich für deutsche Ohren, Halit war viel einfacher, und deshalb sagten die Kinder im Schülerladen alle Halit zu Hulusi.

Sein halbes Leben hat er in der Nostitzstraße gearbeitet, in enem Schülerladen, den der Pfarrer der Heiligkreuzkirche in den frühen Siebzigern für jene eröffnete, die kein Geld für den Kindergarten hatten. Bis 1987 war die Nostitzstraße 67 ein offenes Haus für Sechs- bis Zwölfjährige aus verschiedenen Ländern. »Kinderparadies« nannte der optimistische Pfarrer die Auffangstation für jene, die nach der Schule nicht wußten, wohin. Der Pfarrer sah nicht ein, daß die Armen auf der Straße spielen mußten, während die Reichen daheim waren. Pfarrer Quandt ist »ein freundlicher, aber strenger Mann«, sagt Halit. Er ist diesem Quandt nicht unähnlich. Auch Hulusi Halit war im Laden streng, dort galten Gesetze, Überschreitungen wurden geahndet. Wenn er aber mit den Kindern allein war, dann war er ihr Freund, »dann konnten sie alles von mir haben«.

Auch die vier Studenten aus Berlin, die Anfang der Siebziger nach Zypern kamen, um an einsamen Stränden zu liegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, sahen, daß Halit ein freundlicher Mensch war. Er hatte sie im Schuppen seiner Großmutter hinter dem Haus einquartiert. Die Deutschen blieben gleich eine ganze Woche und luden ihn nach Berlin ein. Da sei das Studieren »ganz easy«, da bekäme er Bafög und ein Stipendium, da sei alles viel einfacher als in der Türkei.

Also reiste der Zypriote Halit im Sommer 1974 nach Berlin.
Foto: Privat
Denn schon früh hatte er sich in den Kopf gesetzt, Kunst zu studieren. Er hatte seine Eltern bei einem Unfall verloren, da war er gerade elf Jahre alt. Zusammen mit seiner Schwester Meyrem kam er beim »Großgrundbesitzer« unter, bei dem zuvor schon seine Eltern gearbeitet hatten. Die Ferien verbrachte er auf den Feldern, und nach der Schule half er im Laden aus und fuhr mit der Fahrradrikscha die Einkäufe der Kunden vom Geschäft zum Busbahnhof. Halit hatte ein Zimmer, Schuhe und Kleider, er bekam zu essen und konnte die Schule besuchen. Aber er wurde das Gefühl nie los, nur »eine billige Arbeitskraft« zu sein. Damals faßte er den Entschluß, fortzugehen und zu studieren.

Kaum war er 18, setzte er den Entschluß in die Tat um und ging nach Istanbul. Der Kunstlehrer auf dem Gymnasium und ein Preis, den er für eines seiner Bilder erhalten hatte, machten ihm Mut. Aber Istanbul in den siebziger Jahren war ein Monster. Der Himmel war nicht zu sehen, so finster hingen die Wolken aus Abgasen über der Millionenmetropole. Stille gab es nie in der Stadt am Bosporus, durch die Tag und Nacht hupende Lastwagen irrten. Zu siebt wohnten sie in einer winzigen Wohnung, bis dem jungen Studenten das Geld ausging. Arbeit, mit der er sich das Studium hätte finanzieren können, gab es nicht, und deshalb kehrte Halit schon nach einem Jahr enttäuscht nach Zypern zurück.

Doch auch in Berlin war das Studieren nicht so einfach, wie die Studenten erzählt hatten. Das Stipendium, das sie ihm versprochen hatten, fiel aus. Immerhin brachten sie ihn im Studentenwohnheim unter, wo er im Bierkeller irgendwann Maria kennenlernte, eine schöne und intelligente Studentin. Bald werden sie ihre Bronzene Hochzeit feiern, Hulusi Halit aus Zypern und Maria aus Bochum.

Vielleicht wäre er gar nicht in Berlin geblieben ohne Maria. So aber blieb er, studierte an der HDK und arbeitete im Schülerladen. Denn das gab es ja damals noch: Arbeit. Aber nach einigen Jahren stellte der Vorstand des Schülerladens den jungen Mitarbeiter Halit vor die Wahl: »Entweder du studierst Kunst, oder du machst jetzt eine Ausbildung zum Erzieher und wirst Leiter des Schülerladens.« So waren sie eben, die von der Kirche, streng aber freundlich.

Der zypriotische Student entschied sich für den Broterwerb und hängte das Kunststudium an den Nagel. Beinahe dreißig Jahre hat Halit im Schülerladen gearbeitet, und es waren nicht die einfachsten Kinder, mit denen er zu tun hatte, es waren die Kinder der Alleinerziehenden, der ausländischen Arbeiter, der Armen. Beinahe dreißig Jahre lang hat er Steuern gezahlt. Daran dachte er, als er der Frau im Arbeitsamt gegenübersaß und sagte, er habe sich das ja nicht ausgesucht, ausgerechnet jetzt arbeitslos zu werden, wo er nach Zypern müsse, weil die zypriotische Botschaft in Berlin ihn für eine Ausstellung in der Melina Mercouri Hall in Nikosia empfohlen habe.

Er erzählte seiner Sachbearbeiterin die ganze Geschichte, daß er schon immer Künstler hatte werden wollen, daß er mit Wowereit den zypriotischen »Wunschbaum«, ein Gemeinschaftswerk verschiedener Berliner Künstler, vor dem Brandenburger Tor eingeweiht hat. Daß er quasi im Auftrag der Botschaft nach Zypern fahre, und daß er eine reelle Chance habe, sich als Künstler zu etablieren und zu finanzieren. Aber die Frau schüttelte unentwegt den Kopf und sagte, er dürfe das Land nur für 21 Tage verlassen und nicht für 32. Sonst würde sein Arbeitslosengeld ausgesetzt. Und auch, als er den letzten Trumpf aus der Tasche zog und erzählte, daß er seine Familie seit 28 Jahren nicht gesehen hatte und jetzt wiedersehen würde, schüttelte die Frau den Kopf. Hulusi Halit stand auf, unterschrieb den Zettel, den sie ihm hinhielt, und sagte, er werde so lange bleiben, wie er wolle.

Halit ist nicht laut geworden. Aber Halit ist hartnäckig. Er ist am nächsten Tag noch einmal wiedergekommen. Denn als er am Abend den Zettel durchlas, den er unterschrieben hatte, wurde er ärgerlich. Da hatte er sein halbes Leben erzählt, daß er schon als Kind beschlossen hatte, Künstler zu werden, nach Istanbul gegangen war und in Berlin mit dem Studium an der HDK begonnen hatte, und sie schrieb nur einen einzigen Satz, nämlich, daß Herr Halit seine Verwandtschaft besuchen wolle. Halit ging zur Vorgesetzten. Und bekam 32 Tage Ausreisegenehmigung.

Es ging ihm nicht ums Geld. Es ging um sein Recht. Zu oft hat er das erlebt: Ungerechtigkeit. Im Kinderladen in der Nostitzstraße. Beim »Großgrundbesitzer«. Oder als sie ihn 1976, nach seinem zweiten Besuch in der türkisch-zypriotischen Heimat, nicht mehr aus dem Land lassen wollten. Weil er sich bei der Einreise einen wichtigen Stempel nicht hatte geben lassen. Er verhandelte stundenlang, und sie schüttelten stundenlang den Kopf. Sie wußten, daß das Flugzeug nicht warten würde, aber erst, als er seinen Cousin bei der Polizei erwähnte, winkten sie ihn durch. An diesem Tag beschloß Halit, nie wieder einen Fuß auf den nordzypriotischen Boden zu setzen. Erst 29 Jahre später, im September 2005, brach er den Schwur. »Und 29 Jahre, das ist schon eine ganz schön lange Zeit.«

Immer wieder hatte Halit Ärger mit seinem Paß. 1983, als er sich in Bonn einen neuen Ausweis holen wollte, weil der alte von den DDR-Grenzposten schon komplett vollgestempelt war, nahm der Botschafter eine Schere und schnitt die Seite, auf der ein nordzypriotischer Stempel war, einfach heraus. Denn dieses Nordzypern, wo Halit geboren ist, gab es offiziell nicht. Also konnte es auch keinen Stempel dieses Landes geben. »Das war reine Schikane«, aber Halit blieb ruhig. Er fragte nur, wie er denn jetzt wieder nach Berlin reisen solle, »so ohne Paß und so.« Der Botschafter stellte einen Passierschein aus und schickte ihm den neuen Paß zwei Wochen später per Post hinterher.

Foto: Dieter Peters
Auch jetzt, in Nikosia, der geteilten Stadt, hatte Halit wieder seine Probleme mit dem Ausweis. Die Verwandten warteten schon am Flughafen auf ihn, dreißig Jahre hatten sie ihn nicht gesehen. Auch Meyrem war da, die wie er das Land verlassen hat und jetzt in London lebt. Sie hatte den Namen Halit in Berlin aufgespürt, als eine von Hulusis Ausstellungen im Internet auftauchte. Auch er hatte nach seinem Bruder gesucht, aber der hatte nach dem Krieg mit der alten Tradition gebrochen und den Namen des Vaters abgelegt. Er hieß jetzt nicht mehr Halit, sondern Sancak.

Die Familienmitglieder »entführten« den »verlorenen Sohn« vom Flughafen gleich nach Hause in den türkischen Teil der Insel. Und als Halit zu seinen Bildern in die Melina Mercouri Hall im anderen Teil der Stadt wollte, verweigerten ihm die Türken zum zweiten Mal die Ausreise. Halit, der noch immer keine nordzypriotische Identitätskarte besitzt, sondern nur den allgemeingültigen zypriotischen Paß, mußte bis zum Ministerium vordringen, um eine siebentägige Pendlererlaubnis zu erhalten. Selbst der »türkische Bürgermeister« von Nikosia, einer der offiziellen Gäste bei der Ausstellungseröffnung, hatte ihm bei seinen Ein- und Ausreiseproblemen nicht helfen können und hob lediglich die Schultern.

Das sind Momente, in denen Halit Ungerechtigkeit empfindet. Und wäre er nicht so lange bei diesem Quandt und in diesem Kinderhaus gewesen, vielleicht hätte er diese Geduld nicht gelernt, die er immer wieder braucht: an den Grenzen, auf den Botschaften, auf dem Arbeitsamt. Doch anders als bei Quandt hat die Geduld des Hulusi Halit etwas kämpferisches, etwas hartnäckiges und zielstrebiges. Mit dieser hartnäckigen Geduld erreicht er sein Ziel. Schafft es, daß er dann doch nach Zypern fahren kann, daß sie dann doch alle da stehen, die Familie, die Politiker, die Honoratioren. Sogar der chinesische Botschafter von Zypern ist zur Ausstellungseröffnung in die Halle von Nikosia gekommen. Und auch der alte Lehrer vom Gymnasium, der Halit einst diese Idee in den Kopf setzte: Künstler zu werden.

Inzwischen ist Hulusi Halit zurück in Berlin. Und malt. Da ist jetzt niemand mehr, der zu ihm sagt: »du mußt dich entscheiden. Entweder, du wirst Künstler, oder du arbeitest!« Es gibt kaum noch Arbeit. Und so wird Hulusi Halit, hartnäckig und geduldig wie er ist, sich nun endlich ganz der Kunst zuwenden dürfen.


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