Kreuzberger Chronik
Dez. 2005/Jan. 2006 - Ausgabe 73

Die Geschichte

Benno Wolf aus der Hornstraße


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von Werner von Westhafen

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Es war nur ein kleiner Haufen von Menschen, die sich am 5. August 2005 vor dem Haus in der Hornstraße Nummer 6 trafen und eine Rose neben dem kleinen, glänzenden Stein niederlegten, den Gunter Deming wenige Tage zuvor im Berliner Pflaster versenkt hatte. Zwei Monate später bekam Deming das Bundesverdienstkreuz überreicht für seine Idee der »Stolpersteine«. Seit 1990 hat der Künstler in Deutschland über 5.000 dieser Gedenksteine vor den letzten zivilen Wohnstätten jener versenkt, deren allerletzte Anschrift Dachau, Theresienstadt oder Auschwitz lautete. Die kleinen, glänzenden Steine im Pflaster sind letzte Spuren, Erinnerungen an ausgelöschtes Leben.

Der kleine Haufen von Menschen steht im Halbkreis vor der Hornstraße Nummer 6. Ein Mann namens Friedhart Knolle, der gemeinsam mit Hans Bergeman und Bernd Schütze den Stein spendete, erzählt aus dem Leben von Dr. Benno Wolf. Er erinnert an den bis heute nur in Fachkreisen bekannten Höhlenforscher und Juristen, der am 8. Juli 1942 mit einem Koffer letzter Habseligkeiten zum Bahnhof ging, um mit dem

17. Alterstransport seine letzte Reise nach Theresienstadt anzutreten. Erst am Tag zuvor hatte man ihm mitgeteilt, daß sein Besitz, den er zuvor in einer »Vermögenserklärung« hatte auflisten müssen, »zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen« werde. Auch von seiner wertvollen höhlenkundlichen Bibliothek mußte Wolf sich trennen, wohlwissend, daß sie in falsche Hände geraten und von nun an militärischen Zwecken dienen könnte. Denn die Nazis waren auf der Suche nach bombensicheren Produktionsstätten.

Doch scheint es, als hätte sich der alte Benno Wolf ruhig in sein Schicksal gefügt. Bereits zehn Jahre zuvor, als mit Inkrafttreten des Gesetzes »zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« sämtliche jüdischen Beamten aus dem Staatsdienst scheiden mußten, schien für den Juristen Wolf die Situation ausweglos. Zwar erhob Wolf Einspruch, als er am 1. April 1933 vom Dienst beurlaubt wurde, denn es gab in diesem »Säuberungsgesetz« des preußischen Justizministeriums einen Paragraphen, der sogenannte »Altbeamte«, die vor dem 1. August 1914 in den Staatsdienst getreten waren, von dem Berufsverbot »nichtarischer« Juristen ausnahm. Das traf für Wolf, der seit 1912 beim Landgerichtsrat in Berlin angestellt war, zu. Doch man »legte ihm nahe, freiwillig die Versetzung in den Ruhestand zu beantragen. Benno Wolf versuchte noch in einem langen Schreiben, in dem er auf seine anerkannten Verdienste als Jurist und als Höhlenforscher hinwies, das Ministerium umzustimmen« (Friedhart Knolle). Umsonst. Obwohl es dieser Wolf gewesen war, der die vielbejubelte Änderung des preußischen Feld- und Forstordnungsgesetzes vorangetrieben und mit dem sogenannten »Kleinen Naturschutzgesetz vom 8. Juli 1920« den Grundstein für einen modernen Naturschutz gelegt hatte. Doch obwohl die Nationalsozialisten Wolfs Arbeit für ihre vaterlandsverherrlichende Propaganda nutzten, gab es für ihn keine Gnade. Am 13. August 1933 stellte er den Antrag auf Versetzung in den Ruhestand.

Vielleicht kam die frühe Pension dem 62jährigen Dr. Wolf nicht ganz unrecht. Denn der in Dresden als Sohn eines Arztes geborene Benno hatte ein zeitraubendes Hobby. Schon als Achtzehnjähriger, während seine Freunde gerade die Geheimnisse der Weiblichkeit erforschten, entdeckte Wolf eine ganz andere Leidenschaft: die Erforschung von Höhlen. Tatsächlich war die ständige Begleitung in seinem Leben eine alte Haushälterin, »ein Erbstück seiner Eltern«, wie der Höhlenforscher Spöcker schreibt. Einmal im Jahr allerdings, immer zur gleichen Jahreszeit, tauchte Wolf in einem kleinen Grenzdorf in Kroatien auf, wo die Kinder schon auf ihn warteten und riefen: »Bosch, Bosch, der Wolf ist da ...«. Hier, weit entfernt vom »Matronat« der altmodischen Haushälterin, hatte Wolf eine Freundin mit dem süßen Namen Milka.



Ansonsten aber galt seine Liebe den Höhlen, und die Jahre zwischen der Entlassung und der Deportation nutzte Wolf zu Forschungsreisen und Publikationen. Zwischen 1933 und 1938 veröffentlichte er mehrbändige bibliographische Kataloge über Höhlentiere und Fossilien und redigierte noch bis 1937 die Mitteilungen über Höhlen-und Karstforschung, die führende deutschsprachige Fachzeitschrift, deren Herausgeber er Jahre lang gewesen war. »Auch im Verband der Höhlenforscher konnte er einige Zeit weiter mitwirken, was ungewöhnlich war, weil auch die meisten Verbände und Vereine sehr bald einen Ariernachweis forderten« (s. u.).

Wolf bestieg 200 Gipfel und kroch in mehrere hundert Höhlen. »Seine letzte große Expedition, bei der er 26 Stunden unter Tage blieb, führte ihn 1932 in die Adelsberger Grotte«, und noch 1935 und 1936 erkundete er am Zugspitzplatt mit zwei Kollegen mehr als 28 Schächte des höchstgelegenen Karst- und Höhlengebietes im Land. Bei all den Expeditionen, auch jenen im Flachland, hatte der ewige Junggeselle stets einen Eispickel bei sich, und immer trug er einen abgelegten Frack, was

seine ohnehin etwas gnomenhafte Erscheinung noch denkwürdiger machte. Vielleicht war es die Haushälterin, die ihn dazu trieb, sich alljährlich im Frühjahr einen neuen Frack maßschneidern zu lassen, jedenfalls trug Wolf, wie er selbst es formulierte, »aus Grün- den ökonomischer  rationeller  Lebensführung (...) die alten Stükke« in den Höhlen auf. Darüber hinaus war Wolf berühmt für seinen Verschleiß an Schirmen und Stöcken auf Expeditionen und Wanderungen. Kein Wirtshaus, vor dem er nicht einen Stock oder einen Schirm hätte stehenlassen. »Aber wie zum Hohn folgte der jeweils verlorene ihm wieder nach. Mit der Bahn, durch Boten, oder sonstwie.«

Wolf muß so ein liebenswerter »schrulliger« Bilderbuchforscher gewesen sein. Belächelt, bewundert, beliebt. Ende Juni 1942 erhielt er »die Aufforderung, sich für die Evakuierung (...) bereit zu machen. Er mußte sich vor dem Abtransport in dem Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26, dem ehemaligen jüdischen Altersheim, einfinden.« Am 8. Juli, 71 Jahre alt, wurde der langjährige Staatsdiener nach Theresienstadt gebracht. Schon ein halbes Jahr später, berichtet der Referent im August 2005 anläßlich der Stolpersteinlegung vor dem Haus in der Hornstraße, kam Benno Wolf »unter noch nicht geklärten Umständen ums Leben.«

Wolfs Freund Spöcker schließt seine Erinnerungen mit den Worten: »Wie ich Wolf kannte, hatte er seine innere Größe auch nicht verloren, als er von den braunen Henkern zum letzten Gang abgeholt wurde. Hätte er seinen gestiefelten Schergen doch zuvor den Eispickel in die hirnlosen Schädel geschlagen. Sein unentbehrliches Gerät wäre wenigstens einmal für einen vernünftigen Zweck gut gewesen.«

Literaturnachweis: SPÖCKER, R. G. (1986): Ahasver Spelaeus -Erinnerungen an Dr. BENNO WOLF. Bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von F. REINBOTH und F. KNOLLE. -Mitt. Verb. dt. Höhlen-u. Karstforsch. 32(1): 4-8 KNOLLE, F. & SCHÜTZE, B. (2005): Dr. Benno Wolf, sein Umfeld und seine interdisziplinäre Wirkung  eine Klammer zwischen den deutschen Höhlenforscherverbänden.  Mitt. Verb. dt. Höhlen-u. Karstforsch. 51(2):48-55


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