Kreuzberger Chronik
Dez. 2005/Jan. 2006 - Ausgabe 73

Die Geschäfte

Die Optikerin Mahn


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von Achim Rüttgers

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Eigentlich hatte sie sich das ja anders vorgestellt. Damals, nach der Ausbildung, 1987, als man sich noch aussuchen konnte, wo man arbeiten wollte. Als einer deutschen Optikermeisterin noch die Tür zur Welt offenstand, weil die deutschen Optiker einen geradezu fabelhaften Ruf hatten. Frau Mahn entschied sich für eines der exotischsten und reichsten

Länder der Erde. Sie ging nach Kuwait. »Wir brauchten die Wohnung nicht zu verriegeln, das Auto konnte man einfach stehen- und den Schlüssel steckenlassen, und meine Handtasche hätte ich an der Garderobe aufhängen können: Da wäre nie jemand auf den Gedanken gekommen, einem die Tasche oder das Auto zu stehlen! Das ist hier in Berlin schon etwas anders.«

In Kuwait hatten die Menschen einfach genug zum Leben, das Leben war angenehm. Vier Jahre wollte Frau Mahn bleiben und vom ersparten Geld dann ein eigenes Geschäft eröffnen. Aber im dritten Jahr kamen eines Morgens Männer von der Deutschen Botschaft und brachten sie in eine andere Wohnung. Alles, was sie dabei hatte, waren ein paar Kleider, Papiere, Unterlagen. Sie kehrte nie wieder zurück in ihre Wohnung. Der Golfkrieg war ausgebrochen. Auch das Geld, das sie auf der Bank deponiert hatte, war verloren, als sie zwei Monate nach dem Überfall der Iraker nach Jordanien ausgeflogen wurde.

Trotzdem übernahm sie ein Jahr später einen alten Optikerladen in der Gneisenaustraße und machte sich wie geplant selbständig. 1996 zog sie mit ihren Brillen vom lauten Damm in die kleinere, aber lebhaftere Körtestraße, und auch, wenn sie dort nur ein einziges, kleines Schaufenster hat, kann sie über Kundschaft nicht klagen. Obwohl Fielmann, Apollo und Schmiedecke derzeit die Stadt unter sich aufzuteilen scheinen und seit dem Rückzug der Krankenkassen aus dem Brillengeschäft mit phantastischen Sonderangeboten locken. Es ist ja nicht alles ein gutes Glas, was glänzt. »Ich kann, wenn es um gutes Glas geht, die Großen im Preis unterbieten.« Aber so ein gutes Glas gibt es eben nicht für 20 Euro. Das kann schnell mal 600 Euro kosten. »Sie kriegen ja auch keinen Ferrari für den Preis eines Fahrrades. Und genau wie bei den Automobilen entwickeln sich auch bei uns die Technik und das Material ständig weiter.« Deshalb sind Produkte aus Restbeständen günstiger als neue Modelle. Aber geschenkt werden einem auch die nicht. »Ich habe selbst einmal als Filialleiterin in einem großen Laden gearbeitet, und da schaut täglich jemand nach dem Umsatz. Da schielt einem immer einer über die Schulter, und da geht es immer nur darum, das Optimum an Geld herauszuholen. Aus jedem Kunden. Das muß ich hier in meinem kleinen Laden nicht mehr.«

Frau Mahn scheint etwas zu verstehen von ihrem Geschäft. Sie hatte sonst auch keine Chance mit diesem bescheidenen Fenster zwischen all den Läden und Lokalen der Körtestraße. Sie ist auch nicht zufällig Optikerin geworden, sie weiß sowieso immer ziemlich genau, was sie machen möchte oder was sie machen könnte. Schon in der Schule war ihr klar, daß sie ein Handwerk lernen, aber daß sie nicht den ganzen Tag in einem Hinterzimmer oder einer Werkstatt sitzen und feilen wollte. Wie eine Zahntechnikerin vielleicht. Sie wollte den Blick auf die Straße. Einen Laden, in den Menschen hereinkamen. Die erste Lehrstelle war nicht die richtige, da lernte sie zu wenig. Also suchte sie sich eine andere. Und da genoß sie dann tatsächlich noch die gute alte Schule, auf die sie ein bißchen stolz ist, und die es in den Großbetrieben heute wohl nicht mehr gibt.

Das merken auch die Kunden. Sogar die jungen Leute aus der Straße. »Die kommen und erzählen mir, daß sie einen Tip bekommen haben: Geh zu der, spätestens die dritte Brille, die sie Dir aufsetzt, ist es. Und die weiß alles.« Dabei hat Frau Mahn mit ihren vierzig Quadratmetern natürlich nicht die große Auswahl der Warenhäuser. Aber sie hat von allem ein bißchen, vom Klassiker bis zum Modegag. Und wenn jemand beschreibt, was er möchte, dann weiß sie in der Regel schnell, was er meint, und findet zumindest im Katalog das passende Modell. Selbst alte Nickelbrillen hat sie noch in der Schublade  aus Nostalgie, aus Liebe zum Metier. Auch ihr Schaufenster gestaltet sie mit viel Gefühl. So viel, daß Herr Henning sie eines Tages fragte: »Was halten Sie davon, wenn ich in Ihrem schönen Fenster eine Krippe aufbaue?« Den Herrn Henning, den kennt sie schon, da war das Geschäft noch in der Gneisenaustraße. »Für kurz komm ich hier nicht rein«, sagt Henning, »das dauert immer, wenn wir zu reden anfangen. Und inzwischen kommt meine ganze sehbehinderte Sippschaft hierher«, und der Stapel an Karteikarten ist inzwischen einige Zentimeter stark.

Foto: Dieter Peters
»Frau Mahn ist jedenfalls eine begnadete Schaufensterdekorateurin«, sagt Henning, »und da hab ich sie eines Tages gefragt, ob ich zur Adventszeit vielleicht eine meiner Krippen bei ihr unterstellen kann.« Das war vor sieben Jahren. Seitdem bleiben immer zur Adventszeit die Kinder vor dem Fenster der Optikerin stehen und machen große Augen. »Manchmal bin ich hinten an den Maschinen, und dann sehe ich die Kinder nicht, aber ich sehe am nächsten Morgen ihre Fingerabdrücke auf der Scheibe.«

Gleichzeitig stellte Herr Henning in der Gemeinde in der Graefestraße einige Stücke aus seiner jährlich wachsenden Krippensammlung aus. Aber im vergangenen Jahr fanden sich nicht genug Fans, die während der Öffnungszeiten auf die Exponate aufpassen wollten, und deshalb rief Henning mit seinem alten Freund Fritz Canter die Krippenmeile ins Leben und präsentierte seine Sammlung aus aller Welt in den Schaufenstern der Körtestraße. Es sind Krippen aus Holz oder aus Ton, aus Ruanda oder aus Peru, aus Glas und aus Wachs, aus Mapuche, dem entlegenen Seitental in den Anden, und aus Kenia. Es sind die kleinen gestanzten Figuren der zusammenklappbaren mexikanischen Blechkrippe für die Armen, und es sind solche Raritäten wie die Pappmachékrippe von Rosi Schröder aus dem Froschkönig in der Gneisenaustraße. Oder es ist die wunderschöne Krippe der Künstlerin Christa Simon, die früher im Dahlemer Museum stand und jetzt bei Frau Mahn in der Körtestraße. Es sind Krippen für ein paar und Krippen für ein paar hundert Euro, Krippen aus aller Welt, die zu einem Bezirk passen, der sich die Mischkultur auf die Fahnen geschrieben hat.

Wenn die zweite Kreuzberger Krippenmeile so ein Erfolg sein sollte wie die erste, dann wird die Krippenmeile vielleicht einmal über den Südstern hinauswachsen und von dort aus dann allmählich ganz Kreuzberg erobern. Dem Herrn Henning wäre das wahrscheinlich nur recht, denn dann könnte er endlich einmal alle seine dreihundert Krippen gemeinsam ausstellen. Seine treue Optikerin bekäme wahrscheinlich wieder eine der schönsten und größten Krippen der Sammlung für ihr kleines, aber feines Schaufenster in der Körtestraße.


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