Kreuzberger Chronik
April 2005 - Ausgabe 66

Strassen, Häuser, Höfe

Die Lachmannstraße


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von Werner von Westhafen

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Carl Lachmann war kein Arzt, kein General, kein Dichter. Aber er stellte die wichtige These auf, daß man einen Text in Bezug zu seinem Autor, dessen Biographie und dem zeitlichen Umfeld setzen müsse, bevor man ihn verstünde. Lachmann ist dafür verantwortlich, wenn Moderatoren den Autoren bis heute die peinliche Frage stellen, ob nicht vielleicht die Romanfigur doch aus der Biographie des Autors entsprungen sei  wie Adam aus der Rippe Gottes.

Für die Autoren des 21. Jahrhunderts ist die im 19. Jahrhundert formulierte These der engen Verbindung von Autor und Werk überholt. Lediglich unter den Germanisten erfreuen sich Lachmanns Thesen scheinbar der Unsterblichkeit. Bis heute verfallen die Studierten ungehemmt in Lobeshymnen, wenn es um Lachmann geht. Er sei »der König der Textkritik und Edition«, »in ihm feierte die formale Philologie höchste Triumphe«, und der Brockhaus ehrt ihn als den »eigentlichen Begründer der philologischen Textkritik«. Obwohl mancher Kritiker in Lachmanns Thesen wenig mehr als die Glaubensbekenntnisse eines Pfarrersohnes sah.

Carl Lachmann, geboren 1793 in Braunschweig, war der einzige Sohn des Pfarrers Friedrich Lachmann und der adligen Offizierstochter Julie von Löben. Sprachunterricht erhielt der Knabe zuerst vom Vater. Mit sieben Jahren aber tritt er in das Katharineum ein, mit 16 studiert der Mustersohn bereits Theologie in Leipzig, und mit einer verschollenen Arbeit (De critica in Tibulli carminibus recte instituenda) promoviert der angehende Bücherwurm zum Doktor der Philosophie. Während er habilitiert, meldet er sich als freiwilliger Fußjäger in den Krieg gegen Napoleon. Schon bald aber wird er ausgemustert und erlangt 1816 in Berlin die venia legendi für »griechisches, römisches und deutsches Alterthum«. Dann tritt er eine Oberlehrerstelle am Königsberger Collegium Fridericianum an, 1818 wird er Extraordinarius an der dortigen Universität.

Doch Lachmann ist ein unruhiger, umtriebiger Geist, er bewirbt sich in Breslau, aber dort gibt man einem gewissen Jacob Grimm den Vorzug. Erst im Jahre 1825 kommt er nach Berlin, wo er wiederum zwei Jahre später das Ordinariat für deutsche und klassische Philologie erhält und später zum Dekan und Rektor wird. In Berlin stirbt Lachmann, ein alter Junggeselle, an den Folgen einer Fußamputation. Am 17. 3. 1851 wird er an der Seite Schleiermachers in der Bergmannstraße beigesetzt.

Familie hatte Lachmann keine, Frauen waren für den Wissenschaftler kein Thema gewesen. Nur einmal, gestand er in einem Brief an einen Freund, empfand er dieses seltsame Gefühl. »Ich habe einst geglaubt, Laura zu lieben, zwischen dem 21. und 25. September ...« So erwiesen nur die Gelehrten Lachmann die letzte Ehre, doch die waren über den Kollegen zerstritten. Denn an Lachmann schieden sich die Geister.

Sein Wegbegleiter Jacob Grimm, der berühmte Märchenerzähler und Sprachwissenschaftler (vgl. Kreuzberger Chronik Nr. 40), ehrte ihn mit den Worten: »Seinesgleichen hat Deutschland in diesem Jahrhundert noch nicht gesehen«  was wenig verfänglich war, da das 19. Jahrhundert noch relativ jung war. Doch auch weniger zweideutige Bemerkungen konnte Grimm in seiner Grabrede nicht zurückhalten. So beklagte der Märchenerzähler die mangelnde Phantasie des Wissenschaftlers Lachmann, dem eine »weitgehende Combinationsgabe entweder unverliehen war«, oder »er übte sie nicht und verschmähte sie widerwillig, weil ihm alles halbe und ungenaue fruchtlos erschien und unfruchtbar«. Auch Philipp Buttmann, der mit Lachmann an einer neuen Edition des Neuen Testaments gearbeitet hatte, beklagte sich noch am Sarg, daß Lachmanns »Strenge etwas verletzendes hatte und öfters das Maß überschritt«. Andererseits aber paßte all das »eckige, stachlige, bittere« auch ins Bild eines Mannes, dessen »wissenschaftliche Thätigkeit (&) sich auf das gesamte Gebiet der Sittlichkeit erstreckte.« Und auch sein erster Biograph, Martin Hertz, kam zu dem Schluß, daß Lachmanns »wissenschaftliches Leben ein vollendetes Kunstwerk« sei, und widersprach Grimm aufs heftigste.

Doch bei aller mehr oder weniger kritischen Betrachtung des »Begründers der philologischen Textkritik«: Carl Lachmann hat seinen Straßennamen verdient. Zumindest als gewissenhafter Herausgeber, als unermüdlicher Forscher, der jahrelang in alten Handschriften herumstöberte, unterschiedliche Versionen ein- und derselben Geschichte miteinander verglich und Textfragmente wie ein Puzzle zu einem lesbaren Ganzen zusammenfügte.

Die Nachwelt »verdankt ihm«, wie der österreichische Standard schrieb, »so grundlegende Ausgaben wie die des Nibelungenliedes, die der Lieder Walthers von der Vogelweide, die Anthologie "Des Minnesangs Frühling" und eben auch den Parzival". Mit Lachmann mündete das romantische Interesse an mittelalterlichen Texten in akkurate Philolo
gie. An seiner Parzival-Ausgabe arbeitete er über zehn Jahre. Dies lag nicht zuletzt an der Vielzahl von Handschriften (16 vollständige und an die 70 Fragmente, der :Parzival9 war ein Bestseller). (...) Um sie einsehen zu können, wiederholte er die :queste9, die Abenteuersuche des Ritters, als philologische Reise. Das Ergebnis war die kritische Edition von 1833, die wegen des textphilologischen Aufwands bis heute niemand zu ersetzen wagt«.

So bleibt vor allem Lachmanns Fleiß unumstritten, am wissenschaftlichen Erfolg des Forschers und am »vollendeten Kunstwerk« seines Lebens wurde stets gemäkelt. »Selbst, wo dich als Menschen ein paar Irrtümer anwandelten, kann das deine reine, sittliche und starke Natur nur sichtbarer machen ...«, sprach Grimm an Lachmanns Grab. Doch so recht schien ihm keiner mehr zu glauben. Am Tag nach der Beerdigung druckte die Vossche Zeitung gleichsam aus dem Jenseits ein »Sendschreiben Lachmanns an Grimm«, in dem geschrieben stand: »du schmachtest vorgestern unnütz an meinem Grabe«.


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