Kreuzberger Chronik
April 2005 - Ausgabe 66

Die Literatur

Die Revolution entläßt ihre Kinder


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von Wolgang Leonhard

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Wilmersdorf? Das wird schon werden. Am wichtigsten ist jetzt Kreuzberg. Dort will die Sache nicht klappen. Am besten, ihr fahrt beide zusammen hin«, schlug Ulbricht vor und zeigte dabei auf Fritz Erpenbeck und mich.

»Wo ist denn diese Bezirksverwaltung?« »Das ist es ja eben. Wir haben nicht einmal eine Adresse!«, meinte Ulbricht ärgerlich.

So ging es am nächsten Tag nach Kreuzberg. Was dort »nicht klappen wollte«, wußten wir nicht. Auf jeden Fall schien uns allerhand bevorzustehen.

Zunächst konnte uns in Kreuzberg niemand sagen, wo die Bezirksverwaltung überhaupt war. Sobald wir danach fragten, zeigte man uns den Weg zur Kommandantur.

»Aber wir meinen ja gar nicht die Kommandantur«, entgegneten wir. »Wir wollen zur deutschen Bezirksverwaltung.« »Ist denn das nicht dasselbe?« wurde uns mehrmals geantwortet. Es schien wirklich etwas nicht zu stimmen.

Also gingen wir zur Kommandantur. Sie befand sich im 2. Stock eines großen Hauses. Als wir hinaufgingen, sahen wir im 1. Stock eine Aufschrift: »Bezirksverwaltung Kreuzberg«.

Wir schüttelten die Köpfe. Wie unklug! Die deutsche Bezirksverwaltung und die Kommandantur in einem Hause! Wir gingen hinein, um diese Bezirksverwaltung kennenzulernen. Um einen Tisch herum saßen etwa zwölf Männer, die offensichtlich eine Art Sitzung abhielten. Da es damals stets üblich war, daß Menschen kamen und gingen, nahm man von uns keine Notiz. Wir setzten uns in eine Ecke und hörten zu. Schon nach den ersten Worten stutzten wir: Sie sprachen russisch!

Wir waren verblüfft. Ist das vielleicht doch die Kommandantur? Aber wieso tragen die Leute dann Zivil? Was sind das überhaupt für Männer? Wir beschlossen, zunächst einmal weiter zuzuhören. Da wir beide ja fließend russisch konnten, fiel es uns nicht schwer, zu folgen. Krankenhäuser ..., Straßensäuberung ..., Lebensmittelversorgung ..., Wasser ...,  kein Zweifel war möglich. Es handelte sich um die Besprechung der Aufgaben, die eine deutsche Bezirksverwaltung zu lösen hatte. Kurze Zeit darauf wurde eine Pause eingelegt. Nachdem wir uns vorgestellt hatten, versuchten wir das Rätsel Kreuzberg zu lösen. »Entschuldigen Sie bitte unsere Frage. Sind Sie vielleicht Angestellte der Kommandantur? Oder vielleicht ein beratendes Organ?« fragten wir auf russisch.

Der Mann am Ende des Tisches, offensichtlich der Vorsitzende, gab uns bereitwillig Auskunft. »Nein, wir sind die deutsche Selbstverwaltung«, sagte er höflich und zuvorkommend  auf russisch. »Dürfte ich Ihnen die anderen Herren auch einmal vorstellen?«

Es waren alles Russen; kein einziger Deutscher war unter ihnen! Aus der Unterhaltung ergab sich, daß es sich durchweg um Emigranten aus Sowjetrußland handelte.

Sie schienen sehr selbstbewußt zu sein, offensichtlich besaßen sie die Unterstützung des sowjetischen Kommandanten. Auf unsere vorsichtig formulierte Bemerkung, daß es sich ja hier eigentlich um eine deutsche Verwaltung handeln solle und es doch nicht gut möglich sei, eine deutsche Bezirksverwaltung aus Russen zusammenzusetzen, wurde uns höflich aber entschieden geantwortet:

»Wir sind hier vom sowjetischen Kommandanten eingesetzt. Die so- wjetische Kommandantur hat doch das Recht der Einsetzung, nicht wahr?« Dem mußten wir allerdings zustimmen.

(Entnommen aus: Wolfgang Leonhard, »Die Revolution entläßt ihre Kinder«,
Band 2, Reclam Leipzig, 1990 und Kiepenheuer und Witsch, 1955)


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