Kreuzberger Chronik
April 2005 - Ausgabe 66

Der Kommentar

Widerstand?


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von Erwin Oswald

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Wir sehen: Schreiben hilft nicht. Wozu es noch lernen?«, schrieb unser zur Cholerik neigender Chef im Editorial zur Nummer 65. Er meinte, daß wir in der Kreuzberger Chronik einen engagierten Beitrag zur Schließung des Kinderhauses am Kreuzberg veröffentlicht hat-ten, daß 14 Tage nach der Veröffentlichung dieses Artikels sogar die Bundesministerin Renate Schmidt der Kindertagesstätte einen Besuch abstattete und sie unter 1.700 Kitas bundesweit als vorbildlich auszeichnete, und daß trotzdem gleichzeitig im Rathaus die Schließung des Hauses beschlossen wurde. Wozu noch Schreiben, wozu Journalismus, Meinungsäußerung, wenn doch alles nichts mehr hilft? Doch jetzt bewegte sich doch etwas.

Wir freuen uns natürlich immer, wenn unser zum Pessimismus tendierender Chef sich irrt. Was im Grunde die Regel ist. Doch dieses Mal freuten wir uns besonders. Denn vor einigen Tagen rief eine Mutter aus dem Kinderhaus an und teilte uns mit, daß die Kita schon wieder offiziellen Besuch erhalten hätte. Frau Klebba, die verantwortliche Stadträtin, die  wir gestatten uns, uns selbst zu zitieren  »erste Stadträtin in der fast vierzigjährigen Geschichte des Hauses in der Hagelberger Straße, die der Einrichtung noch keinen Besuch abstattete«, nahm tatsächlich Kontakt auf zu den Eltern und Erziehern des Kinderhauses am Kreuzberg.

Es soll zu einem konstruktiven, sogar netten Gespräch zwischen der Politikerin und den Verteidigern des Hauses gekommen sein. Die Bezirksstadträtin soll sich angesichts der Kinder sogar gerührt und engagiert gezeigt haben, und sie soll geäußert haben, daß einem Standortwechsel der Kita in das anvisierte Haus in der Methfesselstraße im Grunde nichts im Wege stände. Damit hätte sich der lange Kampf der bereits resignierten Elternvertreter  Zitat: »Ich habe hier den Glauben an die Kommunalpolitik verloren!«  am Ende doch noch gelohnt. Und es bestünde ein berechtigter Grund zur Hoffnung, daß die Politik doch nicht so undemokratisch ist, wie sie sich manchmal zeigt. Zumindest die kleine, die kommunale Politik.

Doch so ganz traut dem Frieden noch niemand. Am wenigsten unser Chef. »Warten wir es ab«, höhnte er, »es ist doch ganz logisch, daß die Frau auf den Druck in der Öffentlichkeit reagieren muß. Es haben ja nicht nur wir etwas geschrieben, da war der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung, alle haben sie darüber etwas gebracht. Und es ist eine beliebte Taktik, in Gefahrensituationen zuerst einmal zurückzuziehen. Um dann später, wenn keiner mehr aufpaßt, zuzuschlagen. Denkt doch mal ans Bethanien. Hätten sie damals das Haus geräumt oder verkauft, es hätte einen Volksaufstand gegeben. Jetzt, Jahrzehnte später, wird es doch noch verkauft.«

Sprach unser Chef. Und hat vielleicht nicht ganz unrecht damit. Auf lange Sicht betrachtet haben wir wenig Chancen, der Siegeszug des Kapitalismus ist nicht aufzuhalten. Doch manchmal können wir zumindest an unserer ganz persönlichen, ganz konkreten Situation etwas verändern. Einen Aufschub bewirken. Es verhindern, daß diese Kinder jetzt in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut werden. Daß das erfolgreiche Projekt der Kita Hagelberger Straße umgehend beendet wird. Das ist ein Etappensieg und ein kleines bißchen Mitbestimmung, eine Spur von Demokratie.

Daß die Kommunalpolitik im Fall des Kinderhauses am Kreuzberg vielleicht ein Einsehen hat, ist der Erfolg eines hartnäckigen Widerstandes. Das Beispiel zeigt, daß man auch heute noch etwas bewirken kann, wenn man gemeinsam am gleichen Strang zieht. Immerhin.

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