Kreuzberger Chronik
November 2004 - Ausgabe 62

Strassen, Häuser, Höfe

Kreuzberger Ärzte (2):
Das Fraenkelufer



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von Werner von Westhafen

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Geschichtsschreiber haben es nicht leicht mit jenem Albert Fraenkel, der einem Ufer des Landwehrkanals in der Nähe des Urbankrankenhauses seinen Namen gibt. Wo immer in den Bibliotheken, den Archiven und im Internet sie nach ihm forschen, ist von Albert Fraenkel, dem Begründer der intravenösen Straphanthintherapie zur Behandlung der Herzinsuffizienz, die Rede. Begleitet werden die Biographien des erfolgreichen und berühmten Mediziners durch seine umfangreiche schriftliche Korrespondenz mit den bekannten Denkern seiner Zeit, unter ihnen Karl Jaspers, Albert Schweitzer und Hermann Hesse, der dem Arzt mit seinen liebevollen Aufzeichnungen eines Herrn im Sanatorium und mit Ein Arzt großen Stils den literarischen Grundstein für die Unsterblichkeit legte.

Daß es eigentlich ein anderer, kaum bekannter, nur einige Jahre früher zur Welt gekommener, ebenfalls von den Nazis geächteter jüdischer Internist gleichen Namens war, der dem Kreuzberger Ufer seinen Namen verlieh, ist vielen Historikern und Hobbyhistorikern zum Verhängnis geworden: Mal taucht in den kurzen Texten über den einstigen Leiter des Urbankrankenhauses die Fotografie des berühmten Internisten aus Heidelberg auf, ein anderes Mal soll der Namensgeber des Kreuzberger Uferstreifens Briefkontakt mit Hermann Hesse gehabt haben.

Doch Hermann Hesse hat dem Arzt vom Landwehrkanal keine schriftliche Bedeutung zugemessen, und auch die medizinische Geschichtsschreibung hat sich in ihren Werken meist für den berühmten Albert Fraenkel, den Begründer der intravenösen Straphanthintherapie, entschieden. Der unbekannte Fraenkel wurde stets vom Schatten des anderen Fraenkel verschluckt, und nicht einmal die Entdeckung des Erregers der Lungenentzündung (der Fraenkelsche Bazillus Diplococcus pneumoniae) im Jahr 1884 und die fünfundzwanzigjährige Direktorentätigkeit des »Unbekannten« im Krankenhaus am Urban war den Historikern viele Worte wert. Auch die Büste Fraenkels, die einst am Eingang des Krankenhauses an ihn erinnerte, wurde 1933 von den Nazis zerstört und durch den Kopf des arischen Werner Körte ersetzt. Selbst nach dem Krieg kehrte Fraenkel nicht an den ihm gebührenden Platz auf dem Sockel zurück.

Werner Körte war neben Fraenkel der zweite Direktor des Krankenhauses am Urbanhafen. Während der junge, aber ehrgeizige Chirurg Körte damals, für viele überraschend und wohl nur aufgrund eines Vetos seines berühmten Onkels Rudolf Virchow, in den Direktorensitz gehievt wurde, hatte sich Fraenkel diese Position leidlich erarbeitet und verdient. Und während für Körte, den Sohn aus reichem Haus, der Weg in die Universitäten immer offenstand, mußte sich Fraenkel, der Sohn eines jüdischen Weinhändlers, ein Leben lang bewähren. Daß man für den jüdischen Arzt im nationalistisch eingestellten Deutschland trotz vieler Erfolge und Verdienste nie einen ordentlichen Lehrstuhl einrichtete, und daß Fraenkel sich Zeit seines Lebens mit dem Titel des Extraordinarius begnügen mußte, soll ihn bis zum Schluß sehr betrübt haben.

Fraenkel begann 1866 an der Königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität (der heutigen Humboldt-Universität) mit dem Medizinstudium. Er schloß das Studium mit einer Arbeit über die Addison’sche Krankheit ab, arbeitete zwei Jahre als Arzt und Geburtshelfer, assistierte und lernte in Freiburg und an der Berliner Charité bei seinem Onkel, dem Internisten Ludwig L. Traube, der auf dem Gebiet der Herz- und Lungenkrankheiten forschte und therapierte. Als der Onkel starb, vermachte er sein hölzernes Stethoskop seinem Neffen als »einem Internisten, der sich als würdig erwiesen hatte, die Reihe fortzusetzen«.

Würdig erwies sich Fraenkel nicht nur als Forscher und Internist, sondern vor allem als verantwortungsbewußter und zukunftsorientierter Direktor des Krankenhauses. In seiner Amtszeit richtete er eine eigene Prosektur ein, ein bakteriologisch-chemisches Institut, eine Röntgenabteilung, eine medico-mechanische Abteilung für Elektrotherapie, ausgestattet mit Hochfrequenz- und Diathermieapparaten, sowie Freilufteinrichtungen und Liegehallen zur Behandlung Tuberkulose- und anderer Lungenkranker. Selbst die Kooperation mit dem ständigen Schatten an seiner Seite, Werner Körte, schien zu funktionieren: Gemeinsam mit dem Pathologen Carl Benda veranstaltete das ungleiche Direktorenpaar Demonstrations- und Fortbildungskurse, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurden und zum Ziel hatten, den schweren Weg der Studenten von der Theorie in die Praxis zu ebnen. Auf diesen Veranstaltungen wurde der Forscher Fraenkel nicht müde, auf die mögliche und fruchtvolle Verbindung zwischen Krankenbett und Experiment, zwischen Forschen und Heilen, der Theorie und eben der »Praxis« hinzuweisen, die bis heute den Arbeitsplatz eines Arztes bezeichnet.

Dabei dürften sich Fraenkels Patienten in der Praxis nie als Versuchsobjekte empfunden haben. Der praktizierende Arzt wird als eine ausgesprochen freundliche und ruhige Persönlichkeit geschildert, sowohl von seinen Mitarbeitern als auch von seinen Patienten, die nicht selten von weit her kamen, um sich bei ihm behandeln zu lassen. Seine Mitarbeiter beschrieben ihn als stets umsichtigen und differenziert beobachtenden Professor am Krankenbett. Auch seine Toleranz wird erwähnt. Und wenn die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem überzeugten Militaristen Körte, der die Sozialdemokraten als Drückeberger verspottete (»die klönen und reden von Frieden!«), ein Vierteljahrhundert andauerte, ohne daß einer der beiden seinen weißen Kittel an den Nagel hängte, dann lag das vor allem an der Integrität des Pazifisten Albert Fraenkel.

Zwei unterschiedlichere Charaktere als Körte und Fraenkel hätte man sich im Krankenhaus nicht denken können, und als 1914 der 1. Weltkrieg ausbricht, meldet sich der 61jährige Körte prompt enthusiastisch für den Kampf an der Front. Albert Fraenkel dagegen bleibt zurück und ist betrübt, daß seine Söhne in den Krieg ziehen müssen. 1916 stirbt eran den Folgen eines Herzinfarktes. Und als nach Fraenkels Tod vor dem Krankenhaus das Denkmal enthüllt wird, hält Hermann Zondek, Fraenkels Nachfolger im Urbankrankenhaus, ein kleines, hölzernes Hörgerät in den Händen. Das Stethoskop des Neffen Albert, der sich als würdig erwiesen hatte, die Reihe fortzusetzen. »An wen«, fragte sich Hermann Zondek nachdenklich, »werde ich dieses kleine Traubesche Souvenir einmal weiterleiten?«

Am 11. März 1933 überfallen die Nazis das Urbankrankenhaus. Die Büste Fraenkels wird zerstört, die jüdischen Ärzte müssen fliehen. Auch der berühmte, so oft mit dem Namensgeber des Fraenkelufers verwechselte Albert Fraenkel muß als alter Mann ins Ausland fliehen. »Die Braunen hatten ihn nicht umgebracht, aber seiner Titel, seiner Funktionen, seiner Ehre und Würde beraubt. Er verlor nicht viel Worte darüber«, schreibt Hermann Hesse, als Fraenkel ihn in Montagnola besucht. Und wieder könnten diese Worte auch dem anderen, dem unbekannten Fraenkel gelten.

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