Kreuzberger Chronik
Mai 2004 - Ausgabe 57

Herr D.

Herr D. und sein Fahrrad


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von Hans W. Korfmann

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Herr D. hatte beim Bezirksamt vorsprechen sollen, bei einer gewissen Frau Waas, Zimmernummer 434. Punkt 15.51 Uhr parkte er sein Fahrrad zwischen einem Heer anderer Fahrräder, wie er es sonst nur vom Freibad her kannte, wühlte sich durch das Heer der Sozialhilfeempfänger, das den Gang verstopfte, und klopfte bei Zimmernummer 434. »Waaas?«, vernahm er die Stimme durch die Sperrholztür, »Wir haben Feierabend!« Herr D. drückte die Klinke herunter, aber die Tür war verriegelt! – »Ich komme von der Arbeit!«, rief Herr D., »Ich kann mir nicht freinehmen, wir haben zu viel zu tun!« – »Dann seien Sie froh!«, antwortete Frau Waas.

Gesenkten Hauptes bahnte Herr D. sich den Weg an jenen vorbei, die nichts mehr zu tun hatten. Als er sich draußen auf sein geliebtes Fahrrad schwingen wollte, war es nicht mehr da. Er durchsuchte den gesamten Parkplatz. Wütend lief er zur Pförtnerin. »Haben Sie gesehen, wer mein Fahrrad abgeschleppt hat?« Die Frau schüttelte schweigend den Kopf. »Kommt das hier öfter vor?« Die Frau nickte. »Wieso kann man denn dann nicht ein paar Polizisten in Zivil aufstellen? Dann hätten die die doch gleich?« Die Frau deutete kurz auf ihre Uhr. »Ich habe zu tun!« – »Dann seien Sie froh!«, rief Herr D. und stapfte zu Fuß auf nach Hause

. Am meisten ärgerte ihn, daß die sich unter den tausend Besuchern ausgerechnet ihn und sein Rad ausgesucht hatten. Denn das war klar: Die standen gegenüber, warteten bis einer abstieg, der nicht gefährlich aussah, und beobachteten, wie er sich im Labyrinth des Rathauses verirrte. Dann gingen sie in aller Seelenruhe ans Werk. Und die Polizei hatte nichts besseres zu tun, als mit dreißig Motorrädern Schröders Limousine zu eskortieren.

Zwei Wochen später saß Herr D. wieder auf einem leise surrenden Herrenrad, ausgestattet mit fünf Gängen und drei verschiedenen Schlössern. »Na, Sie trau’n sich ja was! Son Schlitten mitten in Kreuzberg«, meinte sein Nachbar. »Drei Schlösser!«, sagte Herr D., »Das wird ja wohl helfen!« – »Hilft alles nichts!«, sagte Schmitt, »Sie brauchen einen Chip!« – »Was für einen Chip?« – Schmitt erklärte. Und am nächsten Tag nach Feierabend ging Herr D. nicht zu Frau Waas, sondern zu Frau Stiebel.

»Na, wo ist er denn, unser Liebling?«, fragte sie, ohne von ihrem Bildschirm aufzublicken. »Draußen angekettet!«, antwortete Herr D. Frau Stiebel sah entsetzt auf und musterte das vermeintliche Hundeherrchen: »Das grenzt ja an Tierquälerei!?« Die Veterinärin bat Herrn D., den Patienten ins Behandlungszimmer zu bringen. »Oder haben sie einen Elefanten da draußen?« – »Nein, ein Fahrrad!«, antwortete Herr D. und versuchte zu erklären, daß er so einen Chip mit Sender brauche, wie man ihn Sträflingen in Amerika und Katzen und Hunden in Deutschland einpflanzte, um die Entlaufenen wieder einzufangen. »Mein Nachbar hat auf diese Weise schon zwei Fahrraddiebe gestellt.«

»Das geht nicht«, antwortete die Tierärztin. »Ein Fahrrad ist doch keine Katze!«
»Aber das ist doch egal!«, sagte Herr D. »Ich hänge an meinem Fahrrad so wie andere an ihrer Katze oder ihrem Hund!«
»Ausgeschlossen!«, sagte die Tierärztin. »Ein Fahrrad ist doch kein Tier!«

Frau Stiebel dozierte. Endlich hatte die Menschheit etwas zum Wohle der Tiere und ihrer Tierhalter erfunden, schon sollte es verkommerzialisiert werden. »Stellen Sie sich mal vor, jedes Fahrrad und jedes Auto wäre mit einem solchen Sender ausgestattet. Wo wir da hinkämen! Die Welt ist doch jetzt schon verstrahlt!«

Niemand wollte etwas gegen die Fahrraddiebe tun. Nicht die Pförtner, nicht die Polizei, nicht einmal die Tierärzte. <br>

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