Kreuzberger Chronik
März 2004 - Ausgabe 55

Die Reportage

Das Ende der Rosegger-Schule


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von Bernd Jakowski

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Als Peter Rosegger 1903 die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg erhält, ist seine Dankesrede nicht ohne Rührung: »Noch nie hat mich etwas mit so freudigem Stolze beseelt, ein Mann, der sein Lebtag nie eine Schule regelmäßig besuchen konnte, der auch nicht ein einziges offizielles Examen abzulegen in der Lage war, (…) dieser Mann wird plötzlich Doktor der leuchtendsten deutschen Universitäten.« Denn der Heimatdichter Peter Rosegger kam aus der unwegsamen Steiermark, einem Dorf namens Alpl. Der Fußweg zur Schule dauerte zwei Stunden.

In Berlin hatten es die Kinder damals leichter, Schulen standen in jedem Viertel. Dennoch scheint heute die Zahl jener Jugendlichen, die aufgrund mangelnder Vorbildung nie eine Universität besuchen werden, wieder anzuwachsen. Einen schlechten Ruf genießen vor allem die Grundschulen. Eine von ihnen wurde bereits im Jahre 1886 eröffnet. Es ist die heutige Peter Rosegger-Grundschule am Marheineke Platz. 118 Jahre nach der feierlichen Einweihung wird sie nun wieder geschlossen. Nur noch 8 Klassen und etwa 100 Schüler sind es, die derzeit im denkmalgeschützten Gemäuer unterrichtet werden. Und von jenen hundert Schülern sind die meisten Kinder der Einwanderer.

»Ich habe getan, was ich tun konnte!«, sagt die Direktorin. »Vom ersten Tag an.« Und wenn man Frau Helm mit ihren zielstrebigen Absätzen im Schulflur und mit ihren knapp formulierten Sätzen am Telefon hört, wenn man das nur zur Hälfte aufgegessene Frühstücksbrot vor dem Bildschirm sieht und das wartende Mädchen mit seinen kleinen Sorgen vor ihrem Arbeitszimmer, dann glaubt man ihr aufs Wort. »Ich bin von Kinderladen zu Kinderladen gegangen und habe denen angeboten, ganze Gruppen komplett bei uns einzuschulen. Wir hatten Platz! In anderen Schulen saßen sie mit dreißig Kindern in einer Klasse, bei uns mit zehn oder zwölf! Hier war noch individuelle Betreuung möglich!«

Aber der Untergang der Rosegger-Grundschule war nicht mehr aufzuhalten. Er war vorprogrammiert. Schon als im Sommer 2000 plötzlich und für alle unerwartet der langjährige Direktor Dickelmayer die Schule verließ, »ahnten wir nichts Gutes«, erzählt Gabriele Sellert, Elternvertreterin und Mutter dreier Rosegger-Schüler.

Als dann nach und nach immer mehr, meist deutsche, Schüler das sinkende Schiff verließen, gründete sie zur Rettung des in Not geratenen Bildungsfrachters sogar einen Förderverein. Das war im Januar vergangenen Jahres. Es gab einen berechtigten Grund zur Hoffnung: die Schule sollte plötzlich eine größere Summe an Geldmitteln zur Renovierung erhalten. »25 Jahre lang wurde hier nicht eine Mark investiert! Alle Anfragen um Sanierungsmittel wurden abgelehnt«, berichtet die Direktorin. »Die Rosegger-Schule war immer das Schlußlicht!« Die Lenau-Schule dagegen war immer das Vorzeigeprojekt des Kiezes gewesen und wurde dementsprechend großzügig mit Fördermitteln ausgestattet.

Auch eine Ganztagsbetreuung konnte, obwohl viele Eltern der Rosegger-Schüler darauf angewiesen waren, wegen fehlender Gelder nie realisiert werden. »Und plötzlich, im Frühjahr 2003, sollte es Geld geben. Vor den Ferien wurde die Schule ausgeräumt, Handwerker sind gekommen und haben Maß genommen. Und die Lehrkräfte sollten sich schon einmal die Farben auswählen«, sagt Gabriele Sellert. Doch die Sanierung fand nie statt.

Rosegger-Schule
Foto: Michael Hughes
Vielleicht, spekulieren einige Eltern, war sie auch nie beabsichtigt. Vielleicht, sagt die Elternvertretung, war das Schicksal der Schule bereits besiegelt, als Frau Helm vor drei Jahren von Hellersdorf nach Kreuzberg kam. Und vielleicht steht auch schon längst fest, was nun mit dem Gebäude geschehen soll. Vielleicht gibt es längst Interessenten. Möglich jedenfalls ist, daß die einstige Schule an den Berliner Liegenschaftsfond übergeben wird. Und von dort auf den Immobilienmarkt wandert. Tatsache aber ist, daß nur wenige Wochen nach dem Zuspruch der Sanierungsgelder die Schließung der Schule besiegelt wurde. Und das paßt irgendwie nicht zusammen.

Die Direktorin weist niemandem eine Schuld zu. Und Gabriele Sellert gibt die Hauptschuld den deutschen Eltern selbst, die panikartig ihre Kinder von der Schule nahmen, als das Verhältnis von ausländischen zu deutschen Schülern aus dem Gleichgewicht kam. Weshalb die Schule schnell in eine Schieflage und in Verruf geriet. »Dabei war das Verhältnis der Schüler untereinander ausgesprochen gut. Als Elternvertreterin habe ich da einen guten Einblick, ich hatte immer einen guten Kontakt zu allen Eltern, auch zu den türkischen oder arabischen. Und es sind nicht nur meine Kinder, die hier gern zur Schule gegangen sind.« Die Beziehung der Kinder der Einwanderer zu den deutschen Kindern sei einfach gut gewesen.

Die Direktorin bestätigt das. Sie sagt, sie habe an dieser Schule viel gelernt. Und kein Verständnis mehr für die einseitige Berichterstattung der Medien über die Gewalt an den Schulen. »Der Ruf der ausländischen Schüler ist oftmals ungerechtfertigt. Die bringen Qualitäten mit, die unsere deutschen Kinder nicht haben. Wenn ich am Klavier sitze und spiele, und die stehen da alle herum, dann merkt man erst, wie emotional diese Kinder sind. Wie sie das berührt. Und wenn ich einmal nachdenklich bin, dann sind es nicht die deutschen Kinder, die zuerst kommen und fragen, was denn mit mir los sei!« Da können also auch die deutschen Kinder etwas von ihren ausländischen Mitschülern lernen.

Andererseits sei es tatsächlich schwer, das Klassenziel zu erreichen, wenn derart viele Kinder so schlecht Deutsch sprächen. »Unsere 1. Pflicht ist es, die Schüler auf die Oberschule vorzubereiten, aber meistens konnten wir nur Hauptschulempfehlungen aussprechen – wenn überhaupt!« Um dem entgegenzuwirken, hatte man an der Rosegger-Schule schon vor 12 Jahren mit dem bilingualen Unterricht begonnen. Die türkischen Schüler erhielten zusätzlichen Unterricht in ihrer Muttersprache. Deutsche Kinder wiederum hätten sich in einer Türkisch-AG mit der Sprache ihrer Mitschüler vertraut machen können. Doch es waren die wenigsten, die dieses Angebot wahrnahmen. »Und wenn keine deutschen Kinder mehr da sind, kann man auch keinen zweisprachigen Unterricht mehr halten.«

Dabei war das Modell logisch und zukunftsweisend. Denn von der Vermittlung schulischen Wissens einmal abgesehen: wie sonst wollte man den wachsenden Spannungen zwischen Einwanderern und Deutschen begegnen, wenn nicht mit dem Dialog. Wenn auf Schulhöfen nicht eines Tages Fäuste und Messer sprechen sollten, führte der einzige Weg über die Sprache. Über die deutsche und – in einem Viertel mit vielen türkischen Kindern – auch über die türkische.

»Herzlich Willkommen«, steht noch immer in vielen Sprachen und Schriftzeichen über dem Eingang der Rosegger-Schule. Doch im letzten Jahr wurden keine kleinen Jungen und Mädchen mit Schultüten im Hof willkommen geheißen. Erstkläßler gibt es an der Schule nicht mehr. In der gläsernen Vitrine im Gang, dort, wo sonst die schweren Trophäen gewonnener Fußballturniere stehen, fällt ein kleiner, silberner Pokal ins Auge: der »Fairness-Pokal Come Together«. Er ist zu Recht hier. Hier sind sie tatsächlich ein wenig zusammengekommen. Jetzt gehen sie wieder auseinander. <br>

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